Die Punks auf der Brücke – Marburg steht auf dumme Sprüche

Die Punks auf der Brücke – Marburg steht auf dumme Sprüche

„Bisschen Kleingeld für meine Scheinwelt, bevor du dir ein Bein prellst und reinfällst“, das ist nur einer von vielen Sprüchen, mit denen manche Marburger:innen sich Geld verdienen. Dahinter stecken die Rebellen von der Luisa-Haeuser-Brücke zwischen Erlenring und Cineplex. Fast jede:r begegnet mal während der Studienzeit den Punks mit ihrer antikapitalistischen Einstellung. Jaqueline und Jule von PHILIPP haben sich einen Nachmittag zu ihnen gesetzt und sie kennengelernt.

Maxi sitzt schon seit zehn Uhr morgens auf dem kalten Beton der Hängebrücke. Mit seinen zerrissenen, geflickten und wieder zerrissenen Jeans, seinem schwarzen Achselshirt, den Tätowierungen auf seinen Armen und seinen Dreads fällt er in der hektischen Masse der Passant:innen auf. Davor hat er versucht, in der Oberstadt ein bisschen Kleingeld zu schnorren. Heraus kamen aber nur vier Cent die Stunde – zu wenig zum Überleben. Schließlich braucht Maxi 200 Euro für seine Miete.

Seit sieben Jahren auf der Straße

Erst seit kurzem hat er wieder ein Dach über dem Kopf. Vorher hat er zwei Jahre auf den Straßen in Fulda, Frankfurt und Hamburg gewohnt. Mit seinen jungen 20 Jahren hat er keinen Job, ist aber dauerhaft auf Suche. Wenn nachts sein Geldbetrieb aussetzt, zeigt er sich gelegentlich als DJ „Woodwalker“ und beschallt Psytrance-Fanatiker mit Goa-Mukke. Neben ihm sitzt Tobi, 25 Jahre, auch Punk. Schon seit sieben Jahren bestimmt das Straßenleben seinen Alltag. Die beiden scheinen sich ziemlich gut zu verstehen.

Trotz ihrem bescheidenen Platz am Rand der Brücke stechen sie aus der Menge hervor. Auch Tobi hat Tätowierungen und einen auffallend rosa-blonden Irokesen. „Ich wohn’ schon seit keine Ahnung wie lange wo“, sagt er und nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Bier. Sein Hauptsitz ist in Wetter, aber eigentlich ist er viel unterwegs, eben jedes Wochenende woanders. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen, wie lange er schon Fußgänger:innen nach ein paar Euros fragt.

„Shampoo macht hungrig!“

Im Gegensatz zu Maxi hält Tobi Hartz IV über Wasser. Er hat zudem eine eigene Wohnung. Zwischendurch muss er auch einer Maßnahme in einer interkulturellen Vereinigung nachgehen. Denn er hat noch Gerichtskosten zu begleichen. So viel wie möglich an allem zu sparen, ist für Maxi und Tobi Normalität. Kein Wunder, dass ihr Lebensstandard dabei eher ungewöhnlich ausfällt. Sie stehen auf ihren eigenen Körpergeruch: Je länger man nicht duscht desto natürlicher riecht man. Alle zwei Monate gibt’s einen Klamottenwechsel und alle zwei Wochen wird sich geduscht, aber nur mit Wasser. Duschgel bringt nämlich den Körper zum Stinken und das Shampoo weckt den Hunger in dir, wissen die Jungs.

Für die „Punks von der Brücke“, die in Marburg schon fast genauso bekannt sind, wie die Gebrüder Grimm, ist Geld nur ein Stück Papier, auf dem etwas drauf steht, womit du dir Sachen erwerben kannst. Geld macht für sie aber nicht glücklich. Am liebsten würden sie auf eine Währung verzichten. Früher gab es Getreide für ein bisschen Milch, den Tauschhandel finden sie viel cooler. Statt unseres Finanzsystems wünschen sie sich Anarchie und Freiheit. Sie erhoffen sich eine Gesellschaft, die auf Geben und Nehmen basiert. Schließlich könne jede:r irgendetwas beitragen. „Doch das wird man in unserer Generation leider nicht mehr erleben“, meinen die Punks und hauen einen lauten Rülpser heraus. „Wir sind im Kapitalismus geboren und zu sehr daran gewöhnt.“

Solch ein System möchte Maxi mit Arbeiten zwar nicht unterstützen, braucht aber zum Überleben trotzdem einen Job. Seine einzige Geldquelle ist das Schnorren. „Guck mich an, ich kriege keine Kohle vom Staat, ich bin weder Hartz IV Empfänger, noch krieg ich irgendwas vom Amt. Ich arbeite nirgendwo, ich verdiene mein Geld hier beim Schnorren. Es geht, aber es ist schwierig, es nervt mich teilweise auch. Ich bin genauso ein Mensch wie du.“ Immer wieder kaut er auf seinen drei spitzen Piercings an der Lippe herum.

Man unterstützt sich gegenseitig

Wenn Maxi wirklich mal blank ist, dann gibt Tobi ihm was von seinem Hartz IV Geld ab. Dass man sich gegenseitig auch finanziell unterstützt, ist bei den Punks normal. Es kann auch mal schlecht laufen. Dann haben sie manchmal nur zwei Euro am Tag, aber an guten Tagen liegt die Bettelbilanz so bei dreißig Euro. Doch am meisten freuen sie sich, wenn Passant:innen Essen oder brauchbare Dinge schenken. „Wir freuen uns mehr über ‘ne Rolle Klopapier, als zwei Euro. Dann müssen wir nicht extra einkaufen gehen.“

Hinter den rebellischen Sprücheklopfern, die fast jeden Tag auf der Brücke zwischen Kino und Mensa zu treffen sind, stecken sechs bis sieben Punks, manchmal auch zehn. Beim Schnorren wechseln sie sich ab und verteilen sich auf verschiedenen Plätzen in der Stadt. Für ihre sogenannte Arbeit gelten bestimmte Punker-Regeln. Zum Beispiel fragt man keine Frauen mit Kindern, keine Behinderten und keine Flüchtlinge. Das Schnorren in der Universitätsstadt ist relativ entspannt, finden sie, die Marburger:innen sind ziemlich freundlich, im Gegensatz zu anderen Städten.

„Betrunken schnorren macht Spaß“

Maxi und Tobi haben nichts Musikalisches vorzuführen, wie zum Beispiel Straßenkünstler:innen. Sie verstehen ihre witzigen Kommentare als Darbietung, die tatsächlich die Münzen aus den Portemonnaies der zu Fuß Gehenden locken. „Wenn man die Fresse hält, läuft gar nichts“, wirft Tobi ein. Und nebenbei lockern sie die trubelnde Stimmung auf der Brücke auf. Ihre Erfahrung in Marburg zeigt, je dümmer die Sprüche, umso mehr Geld gibt es. Und die rollen in einem angetrunkenen Zustand viel besser über die Zunge. So investieren die Punks ihr weniges Geld nicht nur in Essen und Miete, sondern auch in Alkohol. Damit trinken sie sich Mut an, werden „leichtwörtlicher“, wie sie es selbst beschreiben, kreativer und kommen sich nicht affig vor – eben das typische Suchtverhalten.

Das erste Mal Schnorren war verdammt schwer, erzählen sie. Es kostet große Überwindung, auf dem Boden zu sitzen und Leute anzulabern, die dich von oben herab ansehen. Das Schnorren ist für die Beiden Arbeit, nüchtern kaum zu ertragen. Immer wieder müssen sie sich Kritik von Passant:innen gefallen lassen und das Ordnungsamt oder die Polizei hat stets ein Auge auf sie. Nicht alle Marburger:innen teilen ihre Einstellung, dennoch zählen sie hier fast schon als Markenzeichen. Auch wenn der Boden Minusgrade erreicht und Nebelschwaden in den Lüften schwirren, zieht es sie immer wieder zu ihrem bescheidenen Randplatz auf der Luisa-Haeuser-Brücke zurück. Denn auf diesem Stück Beton über der Lahn hängen Maxi und Tobi, auch DJ, Crosspunk, Hartz IV-Empfänger, Straßenliebhaber und Sterni-Trinker, zwischen Anarchie-Tagträumerei und gesellschaftlicher Realität.

FOTOS: Jaqueline Ahuraian & Jule Seibel

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22, auch June, Technorella oder Crazy Daisy. Denkt sich gerne dumme Spitznamen aus. Studiert „KuMuMe“ und steht auf Blumen und funky Techno.

4 Gedanken zu “Die Punks auf der Brücke – Marburg steht auf dumme Sprüche

  1. Keine Frauen mit Kindern? Als ob. Hochschwanger und ein Kleinstkind an der Hand und ich werde trotzdem dauernd angequatscht.

  2. schwachsinn. gut gelaunt, aus einer nostalgisch-anachronistischen pose heraus, schnorren diese leute, die größtenteils bafög oder grundsicherung beziehen, und ziehen damit chuzpe in den dreck. vier cent die stunde, kalter beton und am rande des existenzminimum treffen auf andere marburger zu, nicht aber auf die jungen, sonnengebräunten, vergnügten herren. wenn es eurem magazin darum ginge, wahrhaft kaputten existenzen ein sprachrohr zu geben, müsstet ihr euch mit anderen leuten unterhalten. aber mit den „punks“ habt ihr eine komfortable möglichkeit gefunden, euer mag mit harmloser pseudo-antikapitalistischer pseudo-subkultur in verträglichen happen zu schmücken.
    mit ausgrenzung, alkoholismus, sucht und generell außenseiterkultur hat das in etwa so viel zu tun wie justin bieber mit kurt coabin (bieber behauptet ja auch, der kurt cobain seiner generation zu sein).
    was mich an der sache ärgert: die leute schorren den leuten das geld weg, die es wirklich brauchen, und zwar nicht aus der not heraus, sondern aus einer homage an die neunziger.
    ich selbst musste auch schon öfter am ende des monats von pfandkästen und blutspenden meinen scheiß bezahlen. hätte ich mir einen iro geschnitten und mich, statt meiner kunst nachzugehen, an die mensabrücke gesetzt, wäre mir das vermutlich erspart geblieben.
    und die polemik des artikels ist auch nicht besser als der der bild-zeitung, auch wenn vielleicht eine edle absicht dahintersteckt. nur ist es ebenso recherche-arm, die aussagen der scheinbar armut-betroffenen einfach als fakt an die öffentlichkeit zu bringen.
    liebe grüße.

    1. Danke für dein Comment. In diesem Artikel ging es nicht darum, „kaputten Existenzen ein Sprachrohr“ zu geben, sondern die Punks auf der Brücke vorzustellen, die man jeden Tag dort sieht. Das war alles, das war der Hintergrund, mehr sollte nicht gemacht werden. Wir verstehen durchaus die Kritik und sie ist genug Stoff, um sich mit der Thematik generell auseinanderzusetzen, was aber eben – wie gesagt – nicht Sinn des Artikels war. Der Artikel erschien in unserer Print-Ausgabe, die thematisch strukturiert ist, in diesem Fall an dem Titelthema „Geld“. Danke für’s Lesen und Interesse. (lru)

      1. dann war das aber eine äußerst polemische und einseitige vorstellung. ich weiß aus erster hand, dass eine abhängigkeit vom schnorren nicht gegeben ist. außerdem sind vier cent und kalter beton nicht representativ, normalerweise herrscht sonnenschein und eine solide aufstockung statt blanker existenzangst. und ich meine, den im artikel vorgestellten maxi mal im knubbel gesehen zu haben, hinter der theke. das ist jetzt auch schon ne weile her und auch damals sah er nicht nach obdachlosigkeit aus.
        aber das sind schon wieder details; ich werfe den beiden autorinnen ansich eine schwache journalistische leistung vor. wie schon mehrfach betont, es ist blanke polemik. vielleicht aber auch nur unabhängig und überparteilich.
        diesen kommentar verfasse ich mit zitternder hand, gezeichnet von der armut und dem harten leben am ende des monats. an bestelltes essen ist nicht zu denken, doch dankbar für die hohen temperaturen bin ich trotzdem glücklich, arm, aber dafür mit ganz vielen träumen im kopf, diesen beitrag auf einem laptop mit externer tastatur verfassen zu können. der laptop hat unter einem GB speicherplatz, aber das erzeugt an meiner unendlichen, alten romantiker-seele keinen schaden.

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