Sneak-Review #186: Der Fall Richard Jewell

Sneak-Review #186: Der Fall Richard Jewell

Clint Eastwood ist wieder als Regisseur zurück mit einem Film nach wahren Begebenheiten. Diesmal musste „Richard Jewell“ in der Sneak gegen den Druck der Presse und des FBIs ankämpfen, wegen einer falschen Verdächtigung.

Worum geht’s?

Es ist das Jahr 1996. Der titelgebende Protagonist Richard Jewell (Paul Walter Hauser) ist als Sicherheitskraft bei einem Konzert in Atlanta angestellt, während die Olympischen Spiele ebendort auf Hochtouren anlaufen. Er hat eine Vorliebe für Waffen, ist des Öfteren auf Schießständen anzutreffen, mag Videospiele, benutzt leere Granatenhülsen als Briefbeschwerer und isst so viel Fastfood, wie er nur kann. Auf dem Konzert entdeckt er ein zurückgelassenes, einsames Gepäckstück. Nachdem ihn zuerst keiner seiner Kollegen ernst nimmt, wegen seines adipösen Aussehens, stellen eingetroffene Polizisten fest, dass es sich um eine Rohrbombe handelt. Auch wenn die Bombe während der Evakuierung hochgeht, Richard bleibt unversehrt und wird in der Presse als Held gefeiert.

Doch wenig später kippt die überschwängliche Stimmung für Jewell in den Medien. FBI-Agent Tom Shaw (Jon Hamm), der ebenfalls bei dem Attentat vor Ort war, übergibt der betörenden Journalistin Kathy Scruggs (Olivia Wilde) die Information, dass seit geraumer Zeit das FBI gegen Jewell ermittelt. Er passe mit seinem Lebenslauf und seinen Hobbies in die Rolle des „einsamen Bombers“. Seither wird Richard über sämtliche Medien exekutiert, sein Name kommt in Verruf und sein Leben wird zur Hölle.

Ein verfilmtes Dilemma…

Regisseur Clint Eastwood liebt offenkundig wahre, amerikanische Geschichten von Personen aus der Mitte der Gesellschaft. Mit Sully oder 15:17 to Paris kann sich Der Fall Richard Jewell gleich zu ihnen gesellen und ebenso wenig sein eigentliches Potenzial ausschöpfen. Das liegt zum einen an den Figuren, die eher wie Karikaturen wirken als echte Personen, was ein Film, der nach einer wahren Begebenheit spielt, eigentlich erreichen möchte. Ganz weit vorne darf sich Olivia Wilde für ihre Rolle der sich hochschlafenden Journalistin dafür verantworten. Sie ist es, die für Szenen im Streifen sorgt, die wirklich niemals so passiert sein dürften. Einen FBI-Agenten zärtlich in den Schritt fassen, um an Informationen aus der Ermittlung gegen Richard Jewell zu gelangen, ist unglaublich plump in Szene gesetzt, von Eastwood zu einfach inszeniert und schon tausendfach in anderen Filmen besser gezeigt worden.

… wird zu einer Tragödie

„In anderen Filmen besser gezeigt“ könnte der eigentliche Titel des Streifens sein. Er ist vorhersehbar, langweilig inszeniert, dreht nie auch nur zu irgendeinem Zeitpunkt an der Spannungsschraube und besitzt, bis auf wenige Szenen, keine Ehrlichkeit. Wir als Zuschauer wissen, dass Jewell unschuldig ist und müssen den gesamten Film abwarten, damit das auch die Figuren raffen. Bis es soweit kommt, rollt der Abspann. Die moralisch klare Schwarz/Weiß-Linie ist in vielen Szenen fehl am Platz. FBI-Agenten werden als hungrige Wölfe dargestellt, die nur darauf warten, Richard zu zerfleischen. Dabei halten sie sich oftmals an strikte Vorgaben, wie man mit einem eventuellen Verdächtigen umgeht. Jede Person, Richard mit eingeschlossen, bleibt eindimensional und hinterfragt nichts. Auch das Bombenattentat, was schließlich den Startschuss für die Medien-Hasstirade ebnet, wird zu harmlos eingefangen. Dabei hat es Boston doch schon vor sieben Jahren vorgemacht, wie man Schrecken, Verwirrung und Terror ohne massive Gewalt auf die Leinwand bannen kann. In Der Fall Richard Jewell macht es, gelinde gesagt, einfach nur „bumm“.

Zu keinem Zeitpunkt wird die Psyche der meisten Figuren vom Geschehen nachhaltig verändert. Wenn ein Film zeigen möchte, wie ein Mediensystem das Leben von Personen negativ verändern kann, dann sollte dies den Charakteren auch deutlich anzusehen sein. Die Auswirkungen des Anschlags und der Presse, sowie des FBIs sind Jewell meistens leider kaum anzusehen. Ein Albtraum, ein Fressflash und ein paar Schnappatmungen tragen keinen Film mit einer Laufzeit von 132 Minuten. Damit wird aus einer bitteren, vielschichtigen Thematik eher oberflächliches Kino. Eine vertane Chance.

Sam Rockwell ist wohl der Gewinner des Streifens. Als Richards Anwalt spielt Rockwell mühelos jeden an die Wand, auch wenn durch seinen Charakter eine der lächerlichsten Produktplatzierungen Einzug in den Film fand. Damit bleibt er der einzige Lichtblick der sonst faden Geschichte, die mit ihren unterentwickelten Figuren stets unter ihrem Potenzial dahinvegetiert. Wenn Charaktere eine Wandlung vornehmen, kommt die komplett ohne Vorbereitung daher. Wenn die Journalistin Kathy erst in den letzten 15 Minuten des Films aus heiterem Himmel auch zu der Erkenntnis gelangt, dass Richard unschuldig ist und daraufhin ein Kullertränchen verdrücken muss, ist das nichts anderes als faule Charakterzeichnung.

„Der Fall Richard Jewell“ startet ab dem 19. März in den deutschen Kinos.

FOTO: Warner Bros.

Moritz Niclas Koch