Theater Review #11: Libussa / Riot, don’t diet!

Theater Review #11: Libussa / Riot, don’t diet!

Libussa, ein Trauerspiel in fünf Aufzügen von Franz Grillparzers böhmischen Mythos zur Gründung der Stadt Prag gepaart mit unterschiedlichen Texten und medialen Beiträgen. Der Titel verwirrt, wie auch zunächst das Stück.

Diese Rezension ist beleidigend! Sie ist abstoßend und sexistisch! Warum ist sie das? Weil die Welt, wie sie uns umgibt genauso ist. Man muss sich eben den vorherrschenden Verhältnissen anpassen. Zum Beispiel chauvinistische Witze reißen: „Warum gibt es in Tiefgaragen Frauenparkplätze? Damit die Frauen nicht die Autos der Männer beschädigen!“ Und ja, Männer orientieren sich ausschließlich nach der Größe der Brüste einer Frau, bevor sie eine Beziehung eingehen.

Was ist das? Was soll das sein?

Aber jetzt mal ganz ehrlich: müssen wir so sein? Muss die Welt scheiße sein? Müssen sich Frauen den Männern unterwerfen und ihren Körper als erotisches Kapital betrachten? Müssen Jungs mit Bauklötzen spielen und Mädchen mit Puppen? Was ist das für eine Welt, in der aus der Sexualisierung versucht wird möglichst viel Kapital zu schlagen? So viele Fragen und nach mehr unterschiedliche Antworten. Mutig diesen riesigen Haufen Klischees, überholter Rollenbilder und sozialer Probleme in ein Theaterstück zu packen und aufzubrechen.

Es ist nicht ganz klar, wie dieses Stück einzuordnen ist. Man hätte eine klassische und ganz biedere Inszenierung wählen können, in der Person A spricht und Person B antwortet. Doch hier prallen zwei Welten aufeinander. Zum Einen die, in der sich Libussa befindet, eine selbstbewusste und starke Frau mit dem Ziel eine gleichberechtigte Gesellschaft zu formen, die sich im Verlauf der Geschichte immer weiter dem Mann unterwirft, da das Volk Libussa als alleinige Herrscherin nicht duldet. Zum Anderen sind da immer wieder diese Einwürfe meist tagesaktueller Beiträge, die die Gender- und Sexdebatte anfeuern, aber auch eine emanzipatorische Gesellschaft feiern, oder aber auch verquerte Frauenbilder aufwerfen.

„Männlichkeit ist nicht das Gegenteil von Weiblichkeit.“

Ja liebe Frauen, ihr seid erhöht durch eure Unterwerfung. Tragt ein Kopftuch, dann werdet ihr auch nicht vergewaltigt. Das ist zum Beispiel ist die Logik von Sven Lau, einem islamistischen Prediger. Und ihr liebe Männer seid Opfer dieser Gesellschaft. Der Feminismus bedroht euer Machtgebilde und macht euch zu Versagern, wenn ihr es nicht schon seid. Deshalb habt ihr auch das Recht euch zu verteidigen. Verdammt, ist das kompliziert!

Was also ist maskulin und was feminin? Warum gelten die Brüste einer Frau als erotisch? Männer haben doch auch Brüste und müssen diese nicht verhüllen. Sollte es nicht okay sein, nackte Brüste zu betrachten, ohne dass sich da unten irgendwas regt oder feucht wird, also ohne jeglichen sexuellen Hintergedanken? Ist auf all diese Fragen Grace Jones die Antwort? Sollten wir aufhören zu kategorisieren? Sollten wir uns nicht einfach gegenseitig respektieren wer und wie wir sind

 „Love is the answer to all of my questions.“

Und so spitzt sich das Stück immer weiter zu bis sich plötzlich alles zusammenfügt. Mit dem Verfall von Libussa endet auch eine Gesellschaft, die das Ziel der Gleichberechtigung vor Augen hatte ohne jeglicher Differenzierungen. Parallel dazu wird deutlich, wie eine Debatte eskalieren kann. Und was bleibt? Ein Schlachtfeld eines Emanzipationskrieges, der nach wie vor ausgetragen wird und jeden in dieser Gesellschaft betrifft. Man fühlt sich beobachtet und ertappt.

Auch wenn die Texte zum Teil nicht immer bis zur Perfektion saßen, war das okay. Was ist auch schon 3,5 Stunden Theater ohne Fehler? Es hätte keinen Charme, keine Chance zur Improvisation. Mut sollte belohnt werden, und wenn Libussa / Riot, don’t diet! am Ende vielleicht einige Fragen aufwirft, so sollte man dies als Chance betrachten sich der Thematik zu stellen. Fragen müssen nicht immer beantwortet werden. Wer Fragen stellt macht bereits einen großen Schritt nach vorne. Libussa / Riot, don’t diet! ist schauspielerisch überzeugend, anspruchsvoll, wühlt auf und wirkt lange nach.

 

 

Besetzung: Annette Müller, Johannes Karl, Lene Dax, Maximilian Heckmann, Oda Zuschneid, Victoria Schmidt

Regie: Fanny Brunner Ausstattung: Daniel Angermayr Musik: Jan Preißler Dramaturgie: Matthias Döpke, Simon Meienreis

nächste Termine:
12.09.2017, 19.30 Uhr und 03.10.2017, 19.30 Uhr am Theater am Schwanhof (BLACK BOX).

FOTO: Daniel Angermayr

 

 

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Über den Terry Gilliam einmal sagte: "Wer zum Teufel ist das?"
Studiert Kunst, Musik und Medien. Lebt zu einem großen Teil für Künste jeglicher Art. Wenn er mal groß sein sollte ist eine Karriere als Gangster-Rapper eher unwahrscheinlich.