Tonbandgerät: „Je länger man unterwegs ist, desto jünger wird man.“

Tonbandgerät: „Je länger man unterwegs ist, desto jünger wird man.“

Deutscher Indiepop aus Hamburg – das steht zumindest bei Wikipedia über Tonbandgerät. Die als Schülerband gestartete Band kann auf eine krasse Karriere zurückblicken: BundesVisionSongContest Platz 5, USA-Tournee mit dem Goethe-Institut, New Music Award. Die Hamburger:innen Ole, Sophia, Isa und Jakob waren mit ihrer „Wenn das Feuerwerk landet“-Tour auch in Marburg, wo soll es auch anders sein: im KFZ. Und sie haben mit uns ein wenig über Musik, studieren und das „Leben auf Tour“ geplaudert.

Ole sagt gleich zu Beginn: „Wir sind auch von der Tour ein bisschen müde und schlapp, ihr könntet richtig gut draufhauen und gute Antworten bekommen.“

PHILIPP: Schön danke, dass ihr gleich die erste Frage vorweg nehmt.

Ole: Seid ihr müde? Nein. (sagt er mit Kaffee in der Hand…)

Ihr wart gestern in Erfurt. Geht’s dann morgen auch gleich schon wieder weiter oder habt ihr frei?

Sophia: Wir haben glaub ich vier Tage frei, deswegen lohnt es sich, nach Hause zu fahren. Aber ist eine ganz schöne Stadt hier.

Habt ihr denn schon was gesehen von Marburg?

Jakob: Nur beim Reinfahren so.
Isa: Aber wir wollen gleich nach dem Aufbau und Soundcheck ein bisschen rumlaufen.
Ole: Und wir waren auch noch nie hier. Als Band. Und auch so privat. Deswegen ist es sehr aufregend.

Wo schlaft ihr?

Isabell: Weimar. Also nicht das Goethe-Weimar.
Jakob: Das hier in der Nähe Weimar.

Seht ihr überhaupt was von den Städten, in denen ihr so seid?

Ole: Wir versuchen das immer, aber das ist gar nicht so einfach, weil je größer unsere Produktion wird und je mehr Leute wir dabei haben und je mehr Zeug wir irgendwie mitnehmen, desto länger dauert es auch immer alles aufzubauen. Und ich weiß noch so vor ein paar Jahren hatten wir mal richtig viel Zeit und haben uns total viel angeguckt und jetzt ist es so: wir kommen an, trinken schnell einen Kaffee, essen ein Brötchen, bauen auf und dann ist auch schon fast Einlass.
Isa: Und danach müssen wir halt alles abbauen, das dauert noch mal genauso lange und dann ist man total müde.
Sophia: Also wir sind im Schnitt 12 Stunden in einem Club und dann ist der Tag auch vorbei.

Also habt ihr schon das Gefühl, dass euch da irgendwie etwas verloren geht?

Sophia: Ein bisschen sieht man ja – durch‘s Auto.
Ole: Aber stimmt schon, manchmal ist es schon schade. Vor allem, hier jetzt in Marburg. Weil wir alle noch nie hier waren, wäre es natürlich schon cool, noch ein bisschen zu gucken.

Warum macht ihr eigentlich Musik? Wolltet ihr je was anderes machen? Und habt ihr was anderes gemacht?

Ole: Ich hab mich auf der letzten Autofahrt mit unserem neuen Live-Gitarristen, (Anm. d. Red: Michael seit 2014 dabei) der jetzt immer dabei ist, darüber unterhalten, wie verrückt das eigentlich ist, dass wir alle so da rein gerutscht sind. Irgendwie. Also wir haben uns damals nicht gegründet und wollten Musiker werden, sondern hatten einfach Lust, eine Band zu gründen und in Hamburg Freibier in Clubs zu trinken. So ungefähr. Und dann war das so ein ganz schleichender Prozess, was auch ganz gut war für unsere Eltern. Wir haben nach der Schule alle noch ein Studium angefangen und haben die Band immer nebenbei gemacht und dann war es ganz langsam so, dass wir irgendwann von heute auf morgen Musiker waren. So gefühlt. Wenn wir das nicht gemacht hätten, wären wir wahrscheinlich schon alle längst fertig mit dem Studium…
Sophia: …hätten Haus und Kind.
Jakob: Das weiß ich jetzt nicht.
Ole: Aber ja das fand ich… war ganz interessant mit Cello (Anm. d. Red.: Marcel) darüber zu sprechen, weil wir grade nicht diesen klassischen Weg, den viele Musiker ja wirklich einschlagen, gemacht haben. Dieses nach der Schule sofort an irgendeine Uni, sein Instrument perfektionieren, dann sich ´ne professionelle Band aufbauen und versuchen, irgendwie durchzustarten. Bei uns war das mehr so: wir treffen uns und trinken ein bisschen Bier.

Was habt ihr denn studiert?

Isa: Ich studiere immer noch. Ich studier‘ Jura.
Sophia: Ich hab Kulturwissenschaften studiert.
Jakob: Ich hab Medieninformatik studiert.
Ole: Und ich hab Deutsch / Politik auf Lehramt studiert.

Und außer Isa habt ihr alle nicht mehr weiter studiert?

Jakob: Doch, doch, wir haben alle einen Bachelor gemacht und es alle auch geschafft.
Ole: Wir haben es alle noch ans rettende Bachelorufer geschafft (lacht).

Ob das so rettend ist…

Jakob: Das ist die Frage.
Ole: Und dann wurde das alles mit der Musik halt so viel, dass es echt sehr schwierig war. Das kann Isa erzählen, wie schwierig das ist. Das Nebenbei zu machen. Und es wird auch immer schwieriger. Weil wir auch immer mehr unterwegs sind und immer weniger Zuhause.
Isa: Ich verpass die Klausuren und die Vorlesungen sowieso. Das ist dann halt ein bisschen schwierig. Aber es geht.
Sophia: Aber es ist interessant, wie dehnbar ein Bachelorstudiengang ist. Das glaubt man ja auch nicht.

Aber würdet ihr noch ein Masterstudium irgendwann machen wollen?

Ole: Ja das ist eine sehr interessante Frage.
Sophia: Seh‘ ich grad gar nicht. Dass wir das schaffen könnten. Und wir wollen ja das, was wir gerade machen auch weiter machen.
Jakob: Eben ja. Es gab schon irgendwann den Punkt, wo wir gesagt haben, okay, lass uns das professionell machen, lass uns das versuchen. In dem Sinne sind wir nicht nur rein gestolpert, sondern haben auch gesagt, lass alles versuchen und das war natürlich auch der Traum von jedem von uns. Da haben wir schon echt unsere ganze Energie drauf gesetzt und deswegen war das mit dem Studium auch immer weniger und immer weniger und hat dann zum Glück auch geklappt.

Reicht euch das gerade im Moment, nur Musik zu machen? Oder habt ihr irgendwie das Gefühl, ihr müsst euch auf einer anderen Ebene weiterbilden?

Isa: Ich finde das gerade ganz schön, dass ich nebenbei noch studiere, denn immer dann, wenn wir gerade nichts machen, fällt mir ein, dass ich noch etwas machen könnte. (Alle lachen) Eine Klausur schreiben könnte. Und dann finde ich es auch immer ganz spannend was ganz anderes zu machen. Mal ein bisschen so über ganz andere Dinge nachzudenken.

Gut, dann mal zu eurer Musik. Wie eng hängen eure beiden Alben zusammen? Ihr habt ja schon ein bisschen Zeit gebraucht, bis das zweite Album raus kam.

Ole: Also ich weiß, dass ein paar Tage nach dem das erste Album raus gekommen ist, Sophia einen neuen Song geschrieben hat.
Sophia: Ne, das war schon im Studio. Das hört ja nie auf, dass man Songs schreibt. Weil gerade wenn man ins Studio geht, muss man vorher die Songs abgeben und dann hören die sich das an und dann sagen die lass das mal aufnehmen. Paar Tage später kann natürlich schon der nächste Song kommen und der kann dann nicht mehr mit auf‘s Album. Wir haben nie aufgehört zu schreiben. Es ist schon ein bisschen nahtlos aber klingt trotzdem bisschen anders.

Aber hängen die beiden Alben auch inhaltlich zusammen? Oder würdet ihr sagen, es sind zwei verschiedene Themen?

Sophia: Also ganz verschieden nicht.
Ole: Also was mir davon hängen geblieben ist, dass sich ja die Perspektive von uns einfach geändert hat in diesen Jahren. Als wir das erste Album geschrieben haben, waren wir ja auch wirklich noch sehr jung. Und als wir das erste Album dann veröffentlicht haben, ist so viel um uns herum passiert und auf einmal waren wir ’ne richtige professionelle Band und wir sind durch Deutschland getourt. Und haben ganz viele neue Leute und ´ne ganz andere Lebensweise kennengelernt. Wir haben plötzlich ´n komplett anderes Leben geführt und ich glaube, das hat dann die Songs natürlich total anders beeindruckt weil man ’ne ganz andere Sichtweise auf einmal hatte.

Wie erwachsen fühlt ihr euch?

Ole: Ja, das ist ’ne sehr gute Frage.
Sophia: Das fragt uns Klaus auch öfter, unser Tonmann, der ist ein bisschen älter.
Ole: Darüber haben wir schon viel diskutiert.
Jakob: Je länger man unterwegs ist, desto jünger wird man.
Ole: Ich hab auch das Gefühl, dass wir eben nicht einen nine to five-Job haben und nicht in diese starre Arbeitswelt mit 20 eingestiegen sind, dadurch haben wir uns schon irgendwie ein bisschen anders entwickelt, als viele unserer Freunde, die das eben gemacht haben. Vielleicht hält einen dieses Band-Ding ein bisschen jung. Das ist zumindest unsere Vermutung.

Wollt ihr denn erwachsen werden?

Sophia: Erstmal nicht.
Ole: Das ist nichts, was wir erstrebenswert finden.
Sophia: Ich finde, da ist auch ein Unterschied, ob man Verantwortung übernehmen will – das muss man schon sehr, sehr früh. Also auch weil wir ja keinen Chef haben, der uns sagt: jetzt macht das und das. Wir mussten uns ja selber die Motivation geben: Ey wir gehen jetzt in den Proberaum, wir schreiben Songs, auch wenn wir müde sind. Oder was ganz anderes machen könnten jetzt. Aber erwachsen sein hat ja auch noch ganz andere Facetten, die nicht so schön sind.

Ihr habt ja bestimmt schon so richtig viele Interviews hinter euch. Was ist denn so die nervigste Frage die euch in Interviews ständig gestellt wird?

Sophia: Die Schwesternfrage. „Wie ist das so mit zwei Schwestern in ’ner Band?“
Ole: „Streitet ihr euch oft?“

Und? Streitet ihr euch oft?

Sophia: Ich antworte da nie drauf, das macht Isa meistens.
Isa: Ich verbring gerne Zeit mit Sophia.
Ole: Ich könnte es eigentlich auch beantworten, ich hab die Frage und die Antwort schon so oft gehört.
Sophia: Mach doch mal.
Ole: „Nein also wir kennen uns ja schon ewig, weil wir ja Geschwister sind. Wir haben ja schon immer viel zusammen gemacht. Ich verbring auch so richtig gerne Zeit mit meiner Schwester.“ (Lautes Gelächter)

Das klang ganz schön böse.

Ole: (lachend) Das ist der raue Tourton.

Danke für das Gespräch!

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FOTO: Lennart Kortmann auf flickr.com, CC-Lizenz

Jaqueline Ahuraian

22, auch June, Technorella oder Crazy Daisy. Denkt sich gerne dumme Spitznamen aus. Studiert „KuMuMe“ und steht auf Blumen und funky Techno.