Varoufakis: „Let me tell you a story“

Varoufakis: „Let me tell you a story“

Yanis Varoufakis ist in Marburg. Das ist krass. Ist das noch unsere Kleinstadt, die wir zwar lieben, aber für die sich ja eigentlich niemand so wirklich interessiert? Egal wie es ist, jetzt zählt, dass Yanis Varoufakis hier ist und wir mit ihm sprechen dürfen. Mit dem Mann, der gerade wie ein Phoenix aus der Asche erstieg und in Berlin die/seine neue Bewegung DiEM25 (siehe Video unten, zur gesamten Konferenz in der Volksbühne Berlin geht es hier) vorgestellt hat. Veranstaltet von der Bundestagsfraktion Die Linke Marburg-Biedenkopf fand am 11.2., eine Pressekonferenz mit anschließender Podiumsdiskussion unter dem Titel „Europa vom Kopf auf die Füße stellen“ statt. Mit PHILIPP waren wir natürlich auch dabei und bekamen vorab sogar zehn Minuten mit ihm ganz alleine.

PHILIPP: Hello, Mr. Varoufakis!

Yanis Varoufakis: Ihr seid also die Journalistinnen der Marburger Unizeitung?

Ja, wir sind die einzige und damit auch beste Unizeitung in Marburg.

Weil ihr es von euch selbst behauptet. (lacht)

Okay, Yanis, fangen wir mal an. Wir haben unsere Leser:innen gefragt, was sie für Fragen an Sie haben. Viele haben sich dafür interessiert, ob Sie mit dem Motorrad nach Marburg gefahren sind?

Ich wünschte ich wäre mit dem Motorrad gekommen, wirklich. Aber ich bin tatsächlich einmal mit dem Motorrad nach Marburg gefahren. Das war 1981. Noch bevor eure Eltern geboren wurden (lacht).

Ja klar…

Doch! Es war sehr kalt und ich erinnere mich, dass es geregnet hat. Ich bin dann in einem Hotel angekommen und habe vor Kälte gezittert, das könnt ihr so euren Leser:innen sagen. Heute bin ich aber leider mit dem Zug angereist, weil mein Motorrad in Athen ist.

Vor allem die deutschen Medien stellen Sie oft als politischen Rockstar dar. Sind Sie damit einverstanden? Und lässt sich dieses Bild damit vereinbaren, dass Sie und ihre Anhänger mit DiEM25 eine Basisbewegung (grassroot movement) etablieren wollen?

Für mich ist das beleidigend. Um ehrlich zu sein, sehe ich diese Darstellungen, all diese Diskussionen darüber, was ich trage oder nicht, ob ich Motorrad fahre oder nicht, als Versuche, meine politischen Aussagen zu trivialisieren. Ich kann euch versichern, dass, wenn ich nach meiner Wahl zum Finanzminister der Troika zugestimmt hätte, es solche Diffamierungen gar nicht erst gäbe. Vielleicht wäre der ein oder andere Artikel darüber erschienen, weshalb ich keine Krawatte trage oder all diese anderen Lifestyle-Geschichten, die jetzt Teil der Untergrabung meiner Botschaft sind – so wird aber von ernsthaften Problemen abgelenkt. Also ja, ich finde diese Darstellung beleidigend. Aber besonders schädlich für die Demokratie.

Wir können uns grob ein Bild davon machen, was Sie mit DiEM25 theoretisch erreichen wollen, aber es ist schwierig, sich die Umsetzung der Ideen in der Praxis vorzustellen. Was können wir machen, um zur Demokratisierung der EU beizutragen? Können Sie uns Beispiele nennen?

Was wir (Die Initiator:innen von DiEM25, Anm. d. Red.) machen werden, sind: Treffen in Stadthallen, Theatern und Lokalitäten wie dieser hier veranstalten, alle mit dem Zweck, Ideen zu sammeln, zu organisieren. Diese fortlaufenden Veranstaltungen würden bestenfalls zu einem DiEM-Kongress führen, auf welchem wir ein Positionspapier unseres Zusammenschlusses verabschieden können. Wir als Europäer:innen haben genug von Brüsseler Bürokraten, welche uns erzählen wollen, dass es keine Alternative zu dem gibt, was wir tun. Denn nein, es gibt Alternativen! Allerdings müssen wir sie gemeinsam gestalten. Beispielsweise eine Kampagne für Transparenz. Wenn ihr als Bürger:innen Europas wüsstet, was in eurem Namen in der Eurogruppe gesagt wurde, würden selbst manche CDU-Politiker ausflippen. Warum gibt es keinen Live-Stream der Meetings?

Also geht es um Bildung über die Vorgänge?

Es geht um Transparenz. Es geht darum, dass Bürger:innen wissen, was ihre Repräsentant:innen in ihrem Namen sagen.

Aber dafür benötigen sie Bildung, oder?

Nein, sie brauchen einen Live-Stream. Wie wäre es mit Mitschriften, sodass Menschen nachlesen können, was in ihrem Namen beschlossen wird? Alles in Europa geschieht im Geheimen. Das wäre so in den USA oder Großbritannien nicht möglich. Warum passiert hier alles im Geheimen? Warum?

Ist das eine Art von liquid democracy?

Sehen Sie, es ist ganz einfach. Meinungsfreiheit ist alles in der Demokratie. Aber Meinungsfreiheit ist irrelevant, wenn jene, die sich äußern, nichts wissen. Wenn sie nicht wissen, was die Herrschenden in ihrem Namen beschließen. Deshalb ist Transparenz genauso unabdingbar für eine freie Meinungsäußerung, wie diese für eine Demokratie. Wir wollen vom Präsidenten des Europäischen Rates und dem Kopf der Eurogruppe eine Veröffentlichung ihrer Positionen einfordern. Das ist keine wirklich radikale Forderung.

In ganz Europa gibt es Menschen, welche ihre Forderungen nach Veränderung nicht nur auf politische Debatten beschränken, sondern auf die Straße gehen und protestieren. Manchmal scheinen Gewalt und Aggression die einzigen Mittel zu sein, um Aufmerksamkeit für Forderungen zu erlangen. Ist es Ihrer Ansicht nach notwendig und gerechtfertigt, diese Maßnahmen für soziale Veränderungen einzusetzen?

Ich glaube nicht an Gewalt, nicht im geringsten. Aber ich glaube an Demonstrationen. Wenn die Polizei oder Nazis uns angreifen, gibt es Gewalt. Doch meine Lösung ist es, nicht mit Gewalt zu antworten. Wir sollten ihnen erlauben, uns zu schlagen. Demokratisierung hat schon immer über den Weg des friedlichen Protests stattgefunden.

Dies sind gute letzte Worte. Vielen Dank für das Gespräch.

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Fängt Varou einmal an zu reden, ist er kaum noch aufzuhalten. Oft beginnt er seine Ausführungen mit „Let me tell you a story“, „Look.“, „How do I know this?“ FOTO: Luis Penner

Nach unseren zehn Minuten mit Yanis beginnt die Pressekonferenz mit einem Vorgeplänkel der Vorsitzenden der Landesfraktion der Linken, Heidemarie Scheuch-Paschkewitz: Die Austeritätspolitik sei sehr böse, Protestbewegungen wie Blockupy sehr gut und natürlich finden auch die Dauerbrenner „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer“ und „Kein Fußbreit den Faschisten“ ihren Platz. Scheuch-Paschkewitz bindet, gute Landespolitikerin, die sie ist, irgendwo dann noch die kommenden Kommunalwahlen mit ein. Sie schließt damit, dass eine paneuropäische Bewegung, für die Varoufakis heute werben und dessen Notwendigkeit er beschreiben wird, etwas sei, für die die Zeit reif wäre. Zeit ist es nun aber auch für weitere Fragen.

Journalist: Mr. Varoufakis, sind deutsche TV-Shows die richtige Plattform, um Ihre Ideen vorzustellen?

Yanis Varoufakis: Ja und nein. Es (Sein Besuch bei Sandra Maischberger am 10.2.2016, Anm. der Redaktion) war eine sehr deprimierende Erfahrung. Ich bin davon überzeugt, dass Journalist:innen hart mit Politiker:innen umgehen müssen. Was mich im Besonderen deprimiert hat, war, dass als die Runde über diese abscheulichen Beschuldigungen sprach, Deutsche wären erpresst worden, Flüchtlinge aufzunehmen, mir die Journalistin (Anm. der Redaktion: Sandra Maischberger) das Wort erteilte und mich fragte: „Wie sieht Ihre Beziehung zu Mr. Tsipras jetzt aus?“ Das zeigt wie diese wichtige Angelegenheit, die Europa betrifft, mit Klatschfragen, wie ich zum Beispiel zu Tspipras stehe, vermixt wird. Sowas vergiftet.

PHILIPP: Geht es in der Bewegung von DiEM25 nicht im Grunde exemplarisch um den Klassenkampf nach Marx?

Ihr sprecht mit einem Linken und Marxisten… Aber das ist nicht, worum es DiEM wirklich geht. DiEM ist eine Koalition zwischen Liberalen, Grünen, Radikalen-Marxisten und auch Blockupy, die ihr Leben zurückfordern und ganz einfach Veränderung möchten. Die selber Entscheidungen treffen möchten und sich im Grunde vier Fragen stellen: 1. Wer trifft die Entscheidung in der Eurozone? 2. Wer gab diesen Menschen die Macht dazu? 3. Wie nutzen diese ihre Macht und 4. Wie werden wir euch los? Das ist die essentielle Frage für die Demokratie. Denn zu sagen, dass die EU ein Demokratiedefizit hat, ist wie zu sagen, dass es auf dem Mond ein Sauerstoffdefizit gibt. Dort besteht aber kein Sauerstoffdefizit. Dort gibt es schlichtweg keinen Sauerstoff.

ttzdraußenNichts geht mehr. FOTO: Benjamin Mielcarek

Nach der Pressekonferenz ist das TTZ, in dem die Veranstaltung stattfindet, schon fast vollständig gefüllt. Dabei ist es erst 19 Uhr. Viele von denen, die sich jetzt erst auf den Weg machen, werden später draußen stehen müssen. Denn wie sich herausstellt, wird die  Podiumsdiskussion mit Yanis Varoufakis laut Jan Schalauske die am besten besuchte Veranstaltung sein, die die Linke in Marburg seit Jahrzehnten ausgerichtet hat. Ein Blick durch den sich füllenden TTZ, macht deutlich, warum das so ist: Für Varoufakis interessiert man sich quer durch alle Altersschichten. Gefühlt alle wollen ihn sehen. Diesen Mann, der ein bisschen mehr zu sein scheint, als bloß Politiker und Wirtschaftswissenschaftler. Die Aura eines Stars ist einfach schwer wegzudiskutieren. Vergessen scheinen schließlich auch die Bundestagsabgeordneten der Linken Wolfgang Gehrcke und Diether Dehm, die im Grunde nur eins sind: anwesend. Auch sie nicken während seines Vortrags mehrfach bekräftigend mit zufriedener Miene und werden nur mal kurz im Vorfeld dafür gefeiert, dass Marburg wohl zurecht der richtige Ort ist, um einen wie Varoufakis sprechen zu lassen. Abendroth und so! Das Publikum johlt. So richtig dann aber auch erst, als endlich der heißersehnte Varoufakis die Bühne betritt und man das Gefühl nicht los wird, einer Predigt zu lauschen. Diese indes erzählt er für jene, die Varofakis‘ Vita und Medienpräsenz verfolgten, wenig neues und ist gewohnt rhetorisch pointiert und nicht zu wissenschaftlich. „Purer Populismus“ könnte man es nennen, nicht aber ohne den Zusatz zu vergessen, dass dieser selten auf so einen Rückhalt in der Politischen Linken traf. Und das nicht nur in Marburg.

FOTO: Luis Penner
DAS GESPRÄCH FÜHRTEN:  Anna Kochanow und Katharina Meyer zu Eppendorf
MITARBEIT: Chantal Freyer und Leonie Ruhland
ÜBERSETZUNG: Jessica Menger, Luis Penner, Daniel Zimmermann

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Verantwortliche für Marketing und Akquise bei PHILIPP. Studiert Kunstgeschichte im Master. Hat ein Gründer:innenherz und liebt schöne Menschen, schöne Ideen und schönes Konfetti.