Was es mit Onkel Emma und Solidarischer Landwirtschaft auf sich hat

Was es mit Onkel Emma und Solidarischer Landwirtschaft auf sich hat

Tante Emma war gestern, Onkel Emma ist heute. Und Solidarische Landwirtschaft ist sowieso voll im Trend. Was es mit all dem auf sich hat? PHILIPP hat nachgeforscht.

„Was sollen wir heute kochen?“ „Kannst du mir noch schnell was vom Supermarkt mitbringen?“ Diese Fragen stellen sich mir jeden Tag auf ’s Neue. Nudeln mit Tomatensoße war als Kind immer mein Lieblingsessen. Mittlerweile esse ich nicht nur, was mir schmeckt und was meine Eltern mir auf den Tisch stellen, sondern muss selbst beim Einkaufen und bei der Auswahl in der Mensa entscheiden: Was ist mir meine Ernährung wert, was tut meinem Körper und meiner Umwelt gut? Ich versuche darauf zu achten, dass mein Essen biologisch, regional und fair produziert wird. Gutes Essen wird mehr und mehr zu einem Prestige-Thema. In der heutigen Gesellschaft hat Essen einen immer größeren Stellenwert. Zwischen Mensa-Essen, Fast-Food, Coffee to Go, grünen Smoothies, low Carb, Veggie oder Vegan – es gibt viele Arten zu konsumieren. Wo du einkaufst, wie du kochst und welchen Stellenwert Ernährung für dich hat: „Du bist, was du isst“.

Wie wär‘s heute Abend also mit roten Heuschrecken-Curry mit Wok-Gemüse und Algensalat?

PHILIPP möchte dich informieren, wo man in Marburg alternativ zu Supermarktketten einkaufen kann und welche Produkte es – außer denen im Discounter – noch so gibt. Dafür stellen wir euch das Konzept des Onkel Emma Ladens vor, welches so ausgereift ist, dass es von einer Gruppe in Leipzig („Schwarzwurzel“) nachgeahmt wurde. Darüber hinaus stellen wir die Solidarische Landwirtschaft vor, die ihr Prinzip schon im Namen trägt. Wir wollen euch motivieren, als Marburger:innen mit gutem Beispiel voran zu gehen, Alternativen zu entdecken, zu nutzen und bewusst einzukaufen.

ONKEL EMMA

Die Idee: Ökologisch – günstig – kollektiv: Darauf baut der kleine „Supermarkt“ im Südviertel Marburgs auf. Zu finden ist das Lädchen im Hinterhof in der Liebigstraße 14 – das ist gleich um’s Eck von denn‘s und der Psychologischen Fakultät. Um einkaufen zu können, benötigt man eine Mitgliederkarte. Wer bei onkel emma einkauft, tut dies also bewusst.

Das Konzept: Eine Einkaufsgemeinschaft für Bioprodukte: Angeboten werden 1500 ökologische Produkte. Im Sortiment sind außerdem 200 regionale Erzeugnisse wie Käse, Milch, Eier, Gemüse, Obst und eine Vielzahl an veganen Lebensmitteln. Der Laden wird kollektiv von „gleichberechtigten Kollektivist:innen“ geleitet und gleich entlohnt. Alle Belange werden in Plenarsitzungen nach dem Konsensprinzip möglichst hierarchiefrei besprochen und in monatlichen Auslagen auch für die Kund:innen transparent gemacht. Außerdem engagiert sich onkel emma durch den Verkauf „dritter Welt Produkte“, die sie von Direktimporteuren abnehmen und achten so auf fair gehandelte Ware. Durch Großhandelspreise können die Produkte einer breiteren „Bevölkerungsschicht“ günstig angeboten werden.

Die Umsetzung: Nehmen wir an, du willst auch bei onkel emma einkaufen: Zunächst gehst du einfach mal vorbei, lässt dich am besten persönlich von den Kollektivist:innen beraten und schaust, ob dir das Angebot wert ist, was es verspricht. 40 Euro musst du als zinsloses Darlehen hinterlegen, das du nach Ende der Mitgliedschaft wieder zurück erhältst – so kann onkel emma Waren vorfinanzieren. Dein monatlicher Mitgliedsbeitrag wird je nach Haushaltsgröße berechnet. Die erste Person zahlt 16€ im Monat, die zweite 15€ und ab der dritten Peron sind es nur noch 9€, Kinder unter 15 Jahren zahlen nur 3€. So weiß onkel emma genau, was jeden Monat zu Verfügung steht und kann Waren ankaufen und den regionalen Händler:innen eine gewisse Sicherheit in der Abnahme bieten. Dann kannst du deinen Einkauf starten. Am besten stattest du dich schon vorher mit Jutebeutel, Bargeld, Eierkarton, Milchflasche und einem Säckchen für Reis aus, denn onkel emma achtet auch darauf, nicht unnötig viel Müll zu produzieren. An der Kasse wirst du merken, dass die Preise von Tag zu Tag variieren können. Das liegt am Warenverderbsausgleich der frischen Produkte. Im Warenkorb sind dann zum Beispiel folgende Produkte zu finden: Wein, Käse, Brot, veganer Aufstrich, regionales Gemüse und Eier, fairer Kaffee, frische Kräuter und tierversuchsfreie Kosmetikprodukte. Wenn du dir nicht sicher bist, kannst du onkel emma – so wie ich erst einmal getan habe – einen Monat ausprobieren. Nach dem Probeeinkaufen merkst du dann, ob es sich für dich lohnt. Bewusstsein für Lebensmittel und deine Umwelt schafft es allemal. Zurzeit läuft onkel emma allerdings so gut, dass es schon Wartelisten mit Leuten gibt, die der Einkaufsgemeinschaft beitreten wollen.

SOLIDARISCHE LANDWIRTSCHAFT

Die Idee: „Ökologisch – regional – saisonal – gemeinschaftlich – transparent“. So steht es in großer Schrift auf der Homepage der SoLaWi Marburg geschrieben. SoLaWi? Kurz für Solidarische Landwirtschaft. SoLaWi bedeutet – unter anderem – Solidarität mit den Produzent:innen, d.h. nicht nur durch faire Preise, sondern auch durch die dauerhafte Abnahme der saisonalen, ökologischen Produkte der Region. Es werden Verträge mit Bio-Bäuer:innen der Region abgeschlossen, womit kurze Produktionsketten gefördert und gesichert und so wenig Transportwege wie nur möglich veranschlagt werden. Mittlerweile gibt es über 40 SoLaWi-Bauernhöfe deutschlandweit – Tendenz: steigend. 2012 gründete sich der Verein SoLaWi Marburg e.V., der mittlerweile über 100 Vereinsmitglieder zählt.

Das Konzept: Finanziert wird die SoLaWi durch die Vereinsmitglieder, die wöchentlich landwirtschaftliche Produkte erhalten. Die Menge der Produkte hängt davon ab, wie viele Menschen sich einen Anteil teilen. Aus welchen Produkten ein Anteil besteht, hängt natürlich von dem Monat, also der Saison ab. Aber: Es ist immer frisch, umweltfreundlich und fair hergestellt. Nicht nur zahlen die Mitglieder monatlich ihren Anteil, sondern sind auch dazu aufgerufen, selbst im Garten oder auf dem Feld tatkräftig mitzuhelfen. Ob beim Pflanzen oder beim Ernten – das ist ebenso abhängig von der Jahreszeit. Somit ist nicht nur die Lieferkette transparent, sondern durch den eigenen Körpereinsatz wird mensch auch bewusst, wie viel Kraft, Mühe und Liebe zur Natur die Herstellung von fairen, ökologischen Lebensmitteln kostet.

Die Umsetzung: „Zu Beginn eines jeden Jahres gibt es eine Biete-Runde, bei welcher der erwartete Jahreshaushalt für die nächste Saison vorgestellt wird. […] Je nach Ausgaben und Mitgliederzahl ergibt sich ein neuer monatlicher Richtwert. Bei einem geheimen Biete-Verfahren „bietet“ jede:r so viel, wie sie oder er kann und will.“ Das heißt, dass die Finanzierung jedes Jahr neu ausgehandelt wird – mit allen Mitgliedern. So ergab sich für das Jahr 2013 ein monatlicher Richtwert von 40 Euro. Plus ca. 172 Euro, die als zinsloser Kredit für gemeinsame Anschaffungen genutzt werden, die nach einem möglichen Austritt wieder komplett ausgezahlt werden.

FOTO: CC Nacho Rascón auf flickr.com, unverändert

Judith Lorbach

(Ehemalige) PHILIPP-Autorin, hat Politikwissenschaft in Marburg studiert, lebt und studiert aber mittlerweile in Halle (Saale) den M.Sc. International Area Studies. Kennt wohl mittlerweile (fast) jede Doku über die Arktis und hat beim Feiern meist einen Apfel in der Jute. Und: Vermisst Marburg.