Kultur

„Anything for Love“ – Warum mir Meat Loafs Musik so viel bedeutet

By Fynn Petersen

September 29, 2026

Bild: Laura Schiller

Meat Loafs Stimme verirrte sich irgendwann vor Jahren in meine Gehörgänge, und dort weilt sie nun. Aber wer ist dieser Musiker überhaupt, und warum bin ich so obsessed mit ihm?

It was long ago, and far away

Ich kann mich gar nicht mehr genau daran erinnern, wann ich das allererste Mal etwas von Meat Loaf gehört habe. Es war irgendwann in der Mittelstufe. Und mit Sicherheit war es das Musikvideo zu I‘d Do Anything For Love (But I Won‘t Do That), welches mich damals gleich auf mehreren Ebenen in seinen Bann zog (mehr dazu später).  Woran ich mich mit Sicherheit erinnern kann, ist, dass mir dieser Song nicht mehr aus dem Kopf ging und ich den Song einige Jahre später als Wecker verwendete. Mit dem Künstler selbst, also mit Meat Loaf, hatte ich mich damals nicht wirklich beschäftigt. Zwar registrierte ich 2022 seinen Tod, das war es dann aber auch schon wieder.

Like a Bat out of Hell

Richtig abgetaucht in das Meat Loaf-Rabbit Hole – oder vielleicht eher den Fledermausbau? – bin ich dann im Zuge meines Gap Years. Damals hörte ich viel Musik auf der Arbeit und stieß aus Neugierde auf die „Bat out of Hell-Trilogie“, jene Meat Loaf-Alben, welche sich am besten verkauften. Rein musikalisch beeindruckte mich damals vor allem das Storytelling der einzelnen Songs, welches auf allen 3 Alben sehr stark ausgeprägt ist. Dies ist Jim Steinman zu verdanken, welcher einen Großteil der Songs schrieb. Er hatte eine ganz eigene Art zu komponieren: Er kombinierte den Hard Rock der späten 70er Jahre mit symphonischen Elementen, Chören, Erzählpassagen und Songstrukturen, die an verschiedene Elemente der Klassik erinnern. So entsteht aus Ouvertüren, Rezitativen und weiblich besetzten Gesangsparts welche an Arien erinnern, eine Mischung, welche später auch als „Wagnerian Rock“ bezeichnet wurde.

Everything Louder Than Everything Else

Losgelöst von aller Musiktheorie hat sich Meat Loaf auch auf andere Weise in meinem Kopf festgesetzt: Mit seinen Texten. Als ich I‘d Do Anything for Love (But I Won‘t Do That) das erste Mal mit bewusstem Fokus auf den Text angehört hatte, dachte ich mit Sicherheit so etwas wie: „Der Mann gehört in Therapie“ oder „Wie kann man nur so verliebt sein, dass es schon lächerlich wirkt?“. Mir war diese Dimension von emotionaler Vernarrtheit schlicht suspekt und nicht sonderlich realitätsnah. Letzteres hat sich inzwischen verändert, nicht zuletzt dadurch, dass ich mich manchmal selbst in den Songs wiederfinde. Mit diesen bediente Meat Loaf eine ganze Palette an Genres:

Diese geht von emotional aufgeladenen Balladen (z.B.  I‘d Do Anything for Love (But I Won‘t Do That) oder Left in the Dark) über eher melodische AOR-Nummern (die Alben Bad Attitude und Blind Before I Stop sind voll davon) bis hin zu Songs, die am ehesten als Hard ´n´ Heavy bezeichnet werden könnten (jene Songs sind vor allem in Hang Cool Teddybear und Bat out of Hell 3 zu finden). Thematisch finden sich in seinen Texten so einiges: Lovesongs über jegliche Form von Beziehungsstatus (vom Verliebtsein bis zum Verlassenwerden). Dazu finden sich ab und zu auch ernstere Themen, wie beispielsweise in Objects in the Rear-View Mirror (may appear closer than they are), in welchem Meat Loaf unter anderem seine Kindheit samt gewalttätigem Vater aufarbeitet, oder Who needs the Young?, eine gesellschaftskritische und politisch provokante Darstellung der Postmoderne.

There´s always something Magic

Auch Meat Loaf als Person kann inspirieren. Der 1947 in den Vereinigten Staaten geborene Sänger, welcher mit bürgerlichem Namen Marvin Lee Aday hieß, hatte schon im jungen Alter mit Mobbing und Anfeindungen zu tun.Der Künstlername Meat Loaf war sein negativ konnotierter Rufname, welchen er von seinen Vater erhielt. Als Mensch war Meat Loaf ein Außenseiter, der seine festen Rituale pflegte und ein ziemlicher Sturkopf sein konnte. Unter anderem lieferte er sich im Laufe seiner Karriere mehrere rechtliche und jahrelang andauernde Streitereien mit Steinman um Songrechte.

Gleichzeitig erlitt er immer wieder Rückschläge, gab aber trotzdem nie auf. Meat Loaf schrieb zwar nur sehr wenige seiner Songs selbst, (neben Jim Steinman schrieben unter anderem Brian May, Diane Warren und Desmond Child für ihn). Dafür war er der geborene Performer. Auf der Bühne war Meat Loaf eine Klasse für sich. Theatralisch stolzierte er über die Bühne, meistens mit dem Mikrofon in der rechten Hand und einem roten Stofftuch in der linken. Letzteres entwickelte sich zu seinem Markenzeichen.

As long as the fires are burning

Ich konnte Meat Loaf leider nie live erleben. Als meine Faszination so richtig Fahrt aufnahm, war er bereits seit zwei Jahren verstorben. Trotzdem geben unzählige Live-Alben einen guten Eindruck davon, wie es gewesen sein muss, diesen Mann live zu erleben. Mit seinem letzten Studioalbum Braver Than We Are, welches von Kritikern und Fans gelegentlich als inoffizielles „Bat-Album“ bezeichnet wird, taten sich Steinman und Meat Loaf 2016 ein letztes Mal zusammen und schufen ein letztes Statement.

Musikalisch wurde hier zwar fleißig recycelt (u.a. aus früheren Steinman-Projekten für andere Künstler*innen), insgesamt stellt dies bis heute jedoch einen würdigen Abschluss der groß orchestrierten und arrangierten Meat Loaf-Songs dar (die Songs erreichen eine Länge von bis zu zwölf Minuten!). Im Anschluss an die Veröffentlichung wurden noch einige Konzerte gespielt, insgesamt war Meat Loaf zu diesem Zeitpunkt jedoch schon lange nicht mehr in Bestform. Er selbst wollte dies natürlich niemals einsehen, und so kam es mehrfach dazu, dass er auf der Bühne zusammenbrach, Konzerte abgebrochen werden mussten und langsam, aber sicher auch das Konzertpensum heruntergefahren wurde. Meat Loaf verstarb 2022, wenig später auch Steinman.

Somewhere just between the past and somethin‘ dawnin‘ new

Meat Loaf und Steinman mögen zwar beide verstorben sein, aber ihre Musik lebt weiter, auch auf der Bühne. Zu erwähnen wäre dabei zum einen Steinmans Musical Tanz der Vampire, für welches auch einige ursprünglich für Meat Loaf komponierten Songs eingebaut wurden (und von welchem ich ebenfalls ein großer Fan bin), sowie zum anderen das Muscial Bat out of Hell, welches in den 2010er Jahren von Steinman aus größtenteils Meat Loaf-Songs zusammengestellt wurde und welches insbesondere in den USA äußerst erfolgreich ist. Beide Musicals werden noch mehr oder weniger regelmäßig aufgeführt und bilden zumindest eine Idee davon, wie Meat Loaf diese Stücke performt hätte.

Everybody’s ready to fly

Abschließend lässt sich sagen, dass mich Meat Loaf auf vielen Ebenen beeindruckt: Die musikalische Ebene, welche sich den Begriff Rock-Oper wirklich verdient hat, die inhaltliche, textliche Dimension, welche zwar in Teilen etwas kitschig, aber keinesfalls komplett realitätsfern ist, sowie auf einer biographischen Meta-Ebene. Meat Loaf hat viel durchgemacht und hätte mehrfach allen Grund gehabt, einfach das Handtuch zu werfen. Doch das tat er nicht. Er blieb sich stets treu, konnte über sich selbst lachen und verkörperte eine durchweg positive Attitüde. Und davon können wir alle etwas lernen.

(Lektoriert von sel und nag.)