Schon seit August dieses Jahres tüftelte das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) unter SPD-Politiker Boris Pistorius an einer Wehrpflichtsreform – am 5. Dezember war es dann so weit: Mit 323 Stimmen nahm der Bundestag den Gesetzesentwurf an, der nun am 1. Januar 2026 in Kraft getreten ist. Nicht erst seitdem wird das Thema medial, politisch und gesellschaftlich rege diskutiert.
Überblick durch Fragebögen
Gelten wird die neue Wehrpflicht für alle jungen Männer, die ab 2008 geboren wurden. Nicht-männliche Personen dürfen sich zwar freiwillig melden, sind aber explizit nicht mitgemeint. Den Achtzehnjährigen sollen – dem BMVg zufolge – ab Mitte Januar nächsten Jahres Briefe mit Fragebögen zugeschickt werden. In diesen sollen die Befragten neben Angaben zur Person etwa auch kundgeben, ob sie überhaupt bereit wären, Wehrdienst zu leisten. Das Ausfüllen und Abschicken dieser Fragebögen ist Pflicht. Wer dieser nicht nachkommt, riskiert ein Bußgeld.
Neben der Ehre, das eigene Land zu schützen, wird die neue Wehrpflicht vor allem mit einem beworben: Geld. Schon ab einer Verpflichtung von sechs bis elf Monaten wird eine Entlohnung von 2.600 Euro vorgesehen. Wer sich mindestens ein Jahr als Soldat verpflichtet, erhält nochmal 1000 Euro zusätzlich. Außerdem soll die Grundausbildung modernisiert werden, etwa durch Technik und Ausrüstung.
Aufstocken für den Kriegsfall
Außer dem offensichtlichen Versuch, junge Männer für den Wehrdienst zu begeistern, haben die versendeten Fragebögen noch einen ganz anderen Grund: Durch sie kann bundesweit ermittelt werden, wie viele potenziell kriegstüchtige Soldaten*innen Deutschland im Fall der Fälle zur Verfügung stehen. Im Hintergrund der neuen Wehrpflicht stehen sowohl der russische Angriffskrieg auf die Ukraine als auch die angespannte politische Lage in anderen Teilen der Welt.
Ziel der Bundesregierung ist, das Bundesherr auf insgesamt 460.000 Soldat*innen aufzustocken. Bis wann genau dies passieren soll, ist nicht ersichtlich. Laut offiziellen Angaben der Bundeswehr verfügt diese aktuell über circa 260.000 zivile und uniformierte Mitglieder, will ihre Truppen also deutlich vergrößern.
Vorerst freiwillig – aber was kommt danach?
Auf seiner Website betont das BMVg, dass zu Beginn des neuen Wehrpflicht-Modells nur Männer zur Musterung geladen werden sollen, die sich in den Fragebögen freiwillig melden. Aufgrund vieler negativer Reaktionen und Gegenstimmen zur neue Wehrpflicht – insbesondere von betroffenen Jugendlichen – stellt sich eine logische Frage: Wie geht es weiter, sollte die Zahl der Freiwilligen unter den Erwartungen liegen? Trotz ausführlicher Erklärungen seitens des BMVg wird dies nicht ganz deutlich. So wird betont, dass andere Methoden ausgearbeitet werden müssen, wenn die festgelegten Zahlen nicht erreicht werden. Allerdings wird weder ersichtlich, welche Methoden dies sein könnten, noch wie lange das aktuelle Modell getestet wird.
Stattdessen werden vage Ideen einer Bedarfswehrpflicht angeführt. Auch das Auslosen von Kandidaten als Zufallsverfahren wird erwähnt und besonders von Seiten der CDU/CSU unterstützt. Die Idee: In Anlehnung an das dänische Modell soll bei Ausbleiben der Freiwilligen das Losverfahren ermitteln, wer zwangsweise zum Wehrdienst eingezogen wird. So wären, etwa dem Verfassungsjuristen Udo di Fabio zufolge, „die Chancen nach dem Zufallsprinzip für jeden Einzelnen gleich“.
Anklang findet diese Methode, die auch der Verteidigungsminister selbst unterstützt, jedoch nicht überall. So kritisieren viele, unter anderem die Rechtswissenschaftlerin Kathrin Groh (Universität der Bundeswehr München) die Willkür des Verfahrens. Groh ist der Meinung, das Losverfahren sei nicht mit dem Grundsatz der allgemeinen Wehrgerechtigkeit vereinbar, welcher im Grundgesetz verankert ist.
„Für die Reichen den Kopf hinhalten“
Kritische Stimmen gegen die Wehrpflicht werden aus verschiedensten Teilen von Politik und Gesellschaft laut. So äußern sich sowohl die Linke als auch die AfD negativ zu der Gesetzesverabschiedung – allerdings mit gravierend unterschiedlichen Meinungen.
Die Linke betrachtet die neue Wehrpflicht sehr kritisch. Deren mittelhessische Bundestagsabgeordnete Desiree Becker ist Mitglied im Verteidigungsausschuss, ihr zufolge werden junge Menschen gezwungen, „für das Kapital der Reichen den Kopf hinzuhalten“. Ihr Appell an Jugendliche ist, den Wehrdienst, wenn nötig, zu verweigern. Die Linke stellte im Bundestag einen Antrag auf Streichung der Wehrpflicht aus dem Grundgesetz. Dieser wurde jedoch erwartungsgemäß abgelehnt.
Dahingegen ist Rüdiger Lucassen (AfD), ehemaliger Oberst in der Bundeswehr, der Meinung, dass eine neue verpflichtende Wehrpflicht die Lücken im Bundesheer nicht schließen könne. Stattdessen benötigt werde „der geborene Verteidiger der deutschen Schicksalsgemeinschaft“.
Wie sehen es die Betroffenen?
Doch neben den Oppositionsparteien sind es besonders die Jugendlichen selbst, die sich gegen die Wehrpflicht stellen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung vom 4. Dezember 2025 sprechen sich 30 Prozent der 18- bis 28-Jährigen für eine Wiedereinführung der Wehrpflicht aus.
Am 5. Dezember gingen bundesweit junge Menschen unter dem Motto „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ auf die Straße. Auch in Marburg versammelten sich etwa 180 Schüler*innen und andere Demonstrant*innen, um ihre Meinung kundzutun. Sie machten klar, dass sie sich nicht für die Kriege von Superreichen und Politiker*innen sterben wollen – zumal diese sich nicht für die Anliegen und Probleme ihrer Bürger*innen interessierten. Besonders kritisiert wurde, dass bei der Ausarbeitung der neuen Wehrpflicht die Perspektiven und Meinungen von genau den Jugendlichen, die betroffen sein werden, überhaupt nicht berücksichtigt worden seien. Darüber hinaus forderten die Demonstrant*innen mehr politische Involvierung in soziale Themen wie Schulen oder Ausbildungen.