Bild: Nelli Lindner
Bei einer Podiumsdiskussion, an der auch der hessische Wissenschaftsminister teilnahm, ging es um Wissenschaftsfreiheit, Sicherheit und die Erprobung von Demokratie.
Am 30. April 2025 starteten die diesjährigen Europawochen. Einen Monat lang bieten sie die Möglichkeit, sich über die EU zu informieren und für Europa zu begeistern. Während dieser Wochen bieten Vereine, Verbände, Schulen, Hochschulen und andere Institutionen ein buntes Programm an.
Zum Auftakt veranstaltete die internationale Hochschulallianz EU-Peace im Marburger Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Demokratiesicherung im Fokus der Wissenschaft“. Timon Gremmels (SPD), Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung und Vertreter*innen hessischer Hochschulen diskutierten darüber, welche Rolle Hochschulen, Hochschulallianzen und europäische Mobilitätsprogramme wie Erasmus bei der Stärkung und Sicherung der Demokratie spielen.
Die Notwendigkeit von Hochschulallianzen mit Blick in die USA
Prof. Dr. Evelyn Korn, Vorstandsvorsitzende von EU-Peace und Vizepräsidentin für Universitätskultur und Qualitätsentwicklung der Philipps-Universität Marburg, leitete in das Thema und dessen Dringlichkeit ein. Wie es in den USA gelungen sei, innerhalb kürzester Zeit etablierte Institutionen nachhaltig zu zerstören und die Einstellung zur Wissenschaftsfreiheit drastisch zu ändern, solle Europa als Anlass nehmen, den Schutz dieser Institutionen zu überdenken. Ansonsten wären die negativen Folgen nicht nur in der akademischen Welt, sondern auch in unserem Alltag zu spüren. Obwohl competitivness und prepeardness die Kernbegriffe der neuen EU-Kommission seien, spielten Hochschulen bisher noch keine große Rolle im Blick der Politiker*innen. Diesbezüglich sollte laut Korn eine deutliche Korrektur stattfinden. Hochschulen und Hochschulallianzen seien zentral für die Lieferung von Erkenntnis, deren Vermittlung an die nächste Generation und für den Transfer. Sie adressierten in einem breiten Spektrum demokratisch relevante Themen, sorgen für bessere Vernetzung und eine lebenswertere Welt von Morgen.
Wenn Europa mehr sein soll als ein theoretisches Konzept, brauche die neue Generation ein gemeinsames Wertesystem und eine ganzheitliche europäische Gemeinschaft. Hochschulen und Hochschulallianzen lehren einen wichtigen Aspekt der Demokratiesicherung: „Akzeptiere die Meinung deines Gegenübers, auch wenn du sie widerlich findest und setz dich mit ihr auseinander.“
Hochschulen müssten als Ort der Innovation und Relevanz wahrgenommen werden und mit Mitteln für Koordination und Investitionen gestärkt werden. Lehre und Forschung dürften nicht getrennt werden und es brauche einen verlässlichen, von Vertrauen geprägten Mittelstrom. Forschung darf laut Korn nicht an ihrer Nützlichkeit gemessen werden, da wir nicht wissen können, was wir morgen bauchen werden.
Wissenschaftsfreiheit unter Druck
Auch Timon Gremmels ist der Meinung, dass die deutsche Demokratie und Wissenschaftsfreiheit unter Druck stehe. Rechte Parteien unterschieden zwischen „nützlicher und nicht nützlicher“ Wissenschaft. Ein starkes Fundament von Wissenschaft und Forschung schütze die Demokratie. Daher müssten noch mehr Investitionen stattfinden. Gremmels sieht ein enormes Potential in der Kooperation von Hochschulen. Diese sollten ausgebaut werden. Erasmus spiele dabei eine entscheidende Rolle.
Die Verteidigung von Europa mit Werten
Dr. Stephan Geifes, Direktor der Nationalen Agentur für Erasmus+ Hochschulzusammenarbeit, sieht in europäischer Zusammenarbeit ebenfalls einen großen Mehrwert. Als grenzübergreifende Verbünde entwickelten Hochschulallianzen gemeinsam innovative Lehre, sowie Kooperation von Bildung, Forschung und Transfer. Erasmus fördere diese Allianzen und trage zu einem gefestigten Europa bei. Für eine Reaktion Europas auf die veränderte weltpolitische Lage werden diesen Sommer die Weichen gestellt: Die EU-Komission wird Vorschläge für den nächsten größeren Finanzplan machen. Europa soll ausgebaut werden auf skills, competences und values. Hochschulbildung trage dazu entscheidend bei.
Erasmus+ ist ein Erfolgsprogramm für Bildungsaustausch mit 16 Millionen Teilnehmenden. Es steht für fachliche Ausbildung, Horizonterweiterung, Vermittlung europäischer Werte und demokratische Teilhabe. Um Studierende weiterhin zu motivieren, ins Ausland zu gehen, brauche es ein gut ausgestattetes Rahmenprogramm in Forschung und Lehre.
Der EU müsse sich dieses Potentials bewusst werden und es bräuchte eine Verdopplung der Investitionen. Geifes forderte Gremmels auf, sich dafür einzusetzen, dass die Förderung von Auslandsaufenthalten für Schüler*innen und Auszubildende nicht zulasten der Studierenden geht. Er wies darauf hin, dass eine öffentliche Konsultation zum nächsten mehrjährigen Finanzrahmen stattfindet und ermutigte zur Teilnahme. Er möchte Europa nicht nur mit Waffen verteidigen, sondern auch mit Werten.
Die Podiumsdiskussion
In der Podiumsdiskussion wurden verschiedene Perspektiven zur Rolle von Hochschulen, Allianzen und Mobilität in Europa erörtert.
Timon Gremmels betonte, dass der mehrjährige Finanzrahmen der EU neben der Förderung militärischer Forschung auch die Stärkung von Demokratiebildung und Friedenssicherung ermöglichen solle. Thorsten Bonacker, Akademischer Leiter von EU-Peace hob hervor, dass Bildung und Universitäten als Sicherheitsgaranten beachtet werden sollten, was sich auch im EU-Budget widerspiegeln müsse. Lara Zieß, studentische Vizepräsidentin der Uni Marburg, forderte eine Verdopplung des Erasmus-Budgets und plädierte für nachhaltige, inklusive und flexible Mobilitätskonzepte. David Winter, Medizinstudent der Uni Gießen, betonte die Bedeutung von Resilienz für und die Rolle von Hochschulallianzen, indem sie Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit fördern. Arndt Steinmetz, Präsident der Hochschule Darmstadt, sprach sich für eine Reduzierung bürokratischer Hürden im Erasmus-Programm aus, um Auslandsaufenthalte einfacher und zugänglicher zu gestalten.
Gemeinsam waren sich die Diskussionsteilnehmenden einig, dass Hochschulallianzen essenziell für die Schaffung eines europäischen Bildungsraums sind und stark gefördert werden sollten. Sie sprachen auch über die Notwendigkeit, Mobilität für Studierende inklusiver zu machen, indem etwa kürzere Aufenthalte, weniger Bürokratie und bessere Planbarkeit ermöglicht werden.
Alle sprachen davon, dass Mobilität zur Stärkung europäischer Werte beiträgt, indem sie Vorurteile abbaue, interkulturelle Kontakte fördere und Best Practices austausche. Hochschulen und Allianzen spielten hierbei eine Schlüsselrolle, indem sie demokratische Werte, Diversität und Solidarität über Grenzen hinweg fördern. Sie bieten Zugang zu Informationen und Forschung, die nicht überall selbstverständlich sei. Allerdings wiesen die Redner*innen darauf hin, dass Mobilität nicht automatisch demokratiefördernd sei, sondern die Gestaltung des Programms entscheidend ist, um diese Ziele zu erreichen. Ein zentrales Anliegen war es zudem, Mobilität für alle zugänglicher zu machen, auch für Studierende mit Kindern oder Behinderungen. Dies könne durch hybride Modelle, bezahlbaren Wohnraum und vereinfachte Visaverfahren unterstützt werden.
Letztlich sind Hochschulallianzen zentrale Akteure für Reformen und bieten sichere Räume, in denen Demokratie erprobt werden kann. Sie ermöglichen Experimentierfelder für neue Ansätze in Lehre, Forschung und Mobilität, die dazu beitragen, Europas Werte und Frieden zu stärken.
(Lektoriert von jap.)