Bild: Niklas Günther
Seit 1997 finden in Marburg die Bild-Kunst Kameragespräche statt, seit 2001 wird hier jedes Jahr – mit Ausnahme von 2020 – der Marburger Kamerapreis verliehen. Diesen Preis erhielt dieses Jahr der oscarnominierte Bildgestalter Florian Hoffmeister. Gemeinsam mit ihm, einigen Kolleg*innen und leidenschaftlichen Kinogänger*innen feierte das Filmkunsttheater Capitol vom 13. bis 15. Mai Hoffmeisters Filme und Serien und lud zu regem Austausch ein.
Der Preisträger
Dem Namen eines Bildgestalters oder einer Bildgestalterin wird im Abspann eines Filmes meist weniger Aufmerksamkeit geschenkt als Schauspieler*innen oder Regisseur*innen. Das ist bei diesem Festival anders: Alles dreht sich um die Kamera und die Person dahinter rückt in den Vordergrund. Drei Tage lang wurden Filme und besonders die Bildgestaltung dahinter angesehen, analysiert und diskutiert – ein Erlebnis, bei dem sich selbst Hoffmeister überwältigt und geehrt fühlte, der am Tag zuvor noch einen Film mit Brad Pitt abgedreht hatte.
Der 1970 in Braunschweig geborene Bildgestalter und Regisseur hat bereits eine beachtliche Karriere hinter sich. 1997 begann er sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (DFFB) und drehte währenddessen bereits seine ersten Filme als Bildgestalter. 2004 feierte er mit 3° kälter sein Regiedebüt und schaffte im selben Jahr durch die Mitarbeit bei The Hamburg Cell seinen Sprung in die britische Filmwelt. Durch den Film Mortdecai (2015) mit Johnny Depp und Gwyneth Paltrow in den Hauptrollen schnupperte er erstmals Hollywood-Luft.
Hoffmeister drehte jedoch nicht nur Filme von Horror über Drama bis Comedy, sondern war bisher auch an zahlreichen Serien wie Pachinko (2022-2024) oder The Terror (2018) beteiligt. Meist für Streamingdienste produziert bot sich hier die seltene Gelegenheit, diese Serien auf der Kinoleinwand und in Großformat zu erleben.
„Die Dunkelheit ist das letzte Privileg des Films“
Diese beeindruckende Bandbreite seiner Werke wird bei Hoffmeister immer wieder positiv hervorgehoben. Genauso aber auch seine ruhige Kameraführung und die Kunst die Kamera in der Handlung verschwinden zu lassen, sowie sein Umgang mit Licht und Dunkelheit. „Die Dunkelheit ist das letzte Privileg des Films“, erklärte er in einem der Werkstattgespräche, das sich mit dem Film The Deep Blue Sea (2011) von Terrence Davies beschäftigte. Fotos könnten mit Dunkelheit nicht umgehen, in Filmen hingegen biete Dunkelheit zahlreiche Möglichkeiten.
So entsteht in The Deep Blue Sea ein besonders intimes Erlebnis, da die Gesichter häufig nicht vollends ausgeleuchtet sind und die Kamera sich eher zurückhält. Auch bei der Serie True Detective: Night Country ist die Rolle von Licht und Dunkelheit besonders deutlich. Die Serie spielt in Alaska, wo gerade die Dunkelzeit beginnt. Natürliches Licht gibt es nicht, Dunkelheit bedeutet Gefahr.
In dem Film Tár (2022), für dessen Bildgestaltung Hoffmeister für einen Oscar nominiert wurde, ist ebenfalls die Rolle bestimmt platzierter Lichtquellen und bewusster Dunkelheit zu erkennen. Der Fokus bei dem dazugehörigen Werkstattgespräch lag jedoch bei der etwa zehnminütigen Szene in der Juilliard School, bei der es sich um eine ununterbrochene Kamerafahrt handelte. Dafür eine Steady-Cam zu benutzen, erklärte Hoffmeister, hätte nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Die Kamera sollte „unfühlbar“ sein, weshalb es einer besonderen Planung bedurfte.
„Marburg is in Germany!“
Für die Preisverleihung am Freitag hatten Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, der Präsident der Philipps-Universität Marburg Prof. Dr. Thomas Nauss und Franziska Pohlmann, Mitglied des Beirats des Marburger Kamerapreis, reden vorbereitet. Die Laudatio trug Urs Spörri vor und betonte, dass Hoffmeister in Deutschland lange nicht die Aufmerksamkeit erhalten habe, die ihm international zuteilwurde. Der Marburger Kamerapreis zeige nun, dass sein Talent auch in Deutschland erkannt werde. „Marburg is in Germany!“ verkündete er stolz und spielte damit auf Hoffmeisters ersten Kinofilm Berlin is in Germany aus dem Jahre 2001 an. Seine Rede endete mit einer Grußbotschaft in Videoformat von Jodie Foster und Issa López, mit denen er True Detective: Night Country drehte.
Auch Hoffmeister freute sich sichtlich über die Auszeichnung und blickte mit Freude auf die letzten drei Tage zurück. Er wäre so vieles Reden zwar nicht gewohnt und müsse sich nun erst einmal eine Woche ausruhen, der Diskurs über seine (Kamera-)Arbeit, die interessierten Fragen und das gemeinsame Erleben seiner Filme und Serien stimmten ihn jedoch sehr glücklich.
Eine Bereicherung für alle Beteiligten
Und nicht nur für ihn war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Wiederkehrende Besucher*innen kamen durch die diverse Film- und Serienauswahl auf ihre Kosten. Und auch Menschen, die zuvor nicht unbedingt auf die Cinematography (Hoffmeister verwendet gerne den englische Begriff) in Filmen und Serien geachtet hatten, konnten neue Einblicke gewinnen und Filme und Serien in einem völlig neuen Licht sehen. Die Kinosäle waren nicht immer voll, aber voller interessierter Menschen.
Bei der Planung und Umsetzung der Veranstaltung war außerdem nicht nur das Capitol, sondern auch Studierende der Medienwissenschaft beteiligt. Sie gestalteten die Flyer, erstellten den Trailer, der vor jeder Filmvorführung lief, und begleiteten das Festival mit der Kamera, um es auf Social Media zu präsentieren.