Endgegner*in

Endgegner*in: Blasenentzündung

By Jay Rudolf

August 22, 2026

Bild: Nelli Lindner

Das Display meines Handys leuchtet mir entgegen, als ich endlich Zähneputzen gehe. Zehn nach Eins. Vor dem Schlafengehen schreibe ich noch schnell meine To-Do‘s für morgen in die Notes-App:

 Zahnarzttermin, Abgabe fertig, Lahn-Baden schreiben, Schrank aussortieren, Mail an Fr. N.

Wirre Aufzählungen, die sich seit Tagen in meinem Kopf ansammeln und dort übereinander purzeln, bis ich sie vergesse und dann erst viel zu spät daran denke, was ich alles noch erledigen muss. Wecker auf neun Uhr, dann endlich Augen zu.

Als ich am nächsten Morgen um acht vom Glockenläuten der Kirche gegenüber geweckt werde, merke ich schon irgendwo im Hinterkopf, dass der Tag heute nichts wird. Aber wie jedes Mal erreicht die Warnleuchte nicht ganz mein halbschlafendes Bewusstsein, und deshalb auf auf, Zähneputzen.

Aber spätestens, als ich mich nach dem Fertigmachen wieder an die Bettkante setzen muss und endlich mal kurz pausiere, um in meinen Körper reinzuhorchen, wird mir klar, was da nicht stimmt. Brennen, Stechen und dieses eklige Gefühl, als wäre da irgendetwas Wundes, Aufgerautes freigelegt worden im Bauchraum. Blasenentzündung halt.

Trotz der Schmerzen schaffe ich es, erst einmal genervt zu sein. Vor meinem inneren Auge krachen die Pläne zusammen, die ich für heute eigentlich im Sinn hatte. Aufräumen und Uni machen fällt wohl flach. Kurz überlegt ein fieser Teil meines Hirns, ob ich es am Nachmittag vielleicht doch zum Sport schaffe. Aber als mir meine Mitbewohnerin beim Frühstück mein Brot bringt, weil aufstehen zu sehr wehtut, muss ich diese sadistische Fantasie auch fallen lassen. Denn allein das Essen, Kirschkernsäckchen aufwärmen und Tee kochen machen mich so fertig, dass mich ich danach einfach wieder ins Bett kuschele.

Kaum habe ich eine Minute Zeit, beginnt die volle To-Do Liste an mir zu nagen. So sehr, dass ich kurz überlege, einfach meinen Laptop ins Bett zu holen, auf dem Wärmesäckchen zu drapieren und halt im Liegen zu arbeiten. Ich habe schließlich nichts am Kopf, und solange der noch funktioniert, kann ich auch noch Zeug erledigen. Mal abgesehen davon, dass ich mich nicht mal auf die Seite drehen kann, ohne dass es anfängt zu zwicken. Also kapituliere ich. Bibi und Tina Hörspiel an, Augen zu.

Nach sechs Kapiteln sind sie wieder offen. Und da ich es einfach nicht schaffe, meinem Körper eine halbe Stunde Ruhe zu gönnen, sitze ich kurz darauf wieder am Küchentisch und arbeite, müde und schleppend an einem Artikel. Nicht diesem hier, einem, den ich seit über einer Woche vor mir herschiebe. Der mir mit jeder Zeile, die ich schreibe, immer weniger gefällt, weil heute einfach kein Tag fürs Sachen machen ist. Aber es ist egal, dass ich müde bin und Schmerzen habe, und dass ich mich durch etwas durchquäle, das ich wann anders viel entspannter erledigen könnte. Solange ich diese verdammte Aufgabe nicht von meiner Liste abhake, kann ich einfach nicht abschalten.Also koche ich eine zweite Tasse Nieren- und Blasentee, die genauso scheußlich schmeckt wie die erste und höre nicht darauf, dass ich seit Wochen dringend mal eine richtige Pause bräuchte.

Irgendwann verlieren meine krampfhaften Versuche, Dinge zu erledigen, an Wirkung. Zwar sind das ständige Stechen und Ziepen im Laufe des Vormittags zum nervigen Hintergrundgeräusch geworden, aber die Erschöpfung wird immer lauter. Und mit ihr die Stimme, die sehr neunmalklug anmerkt, dass das alles eigentlich gar nicht so gesund ist. Also verkrieche ich mich wieder ins Bett, schaue alte Tatort-Folgen und versuche nicht daran zu denken, wie sehr mir dieser erzwungene Tag Pause zu schaffen macht.

Letztendlich ist eine Blasenentzündung wirklich kein Weltuntergang. Ein, zwei Tage Ruhe, viel Trinken und schon ist – zumindest in meinem Fall – alles wieder gut. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass ich einfach unfassbar schlecht im Ruhe geben bin. Egal, wie sehr mein Körper mir signalisiert, dass jetzt endlich mal Pause ist, muss ich immer noch ein To-Do mehr erledigen, jede freie Minute nutzen, keine Pause, außer, um weiter darüber nachzudenken, wieviel ich noch machen will. Solange Zeit da ist, muss sie auch genutzt werden. Die Tatsache, dass Erholung nicht verdient werden muss, sondern essenziell fürs Funktionieren ist, vergesse ich dabei gerne. Effizient könnte man das nennen. Oder zwanghaft.

Dieser Zwang kommt nicht von irgendwoher. Er wird uns antrainiert, in einer Leistungsgesellschaft, in der immer alles besser werden muss, immer weiter, immer mehr; in der Pausenzeiten gekürzt und Krankschreibungen bestraft werden. Grade meine Generation, diejenigen, die dieses System in der Zukunft am härtesten treffen wird, sollte sich dagegen am stärksten wehren. Einfach mal im Gras liegen und den Wolken zuschauen und nicht immer nur darüber nachdenken, was sie heute alles geleistet und nicht geleistet hat. Und sich vor allem nicht so verdammt schlecht dafür fühlen, krank zu sein.

Obwohl ich das alles weiß, schreibe ich krampfhaft meinen Artikel zu Ende, wobei mir der Kopf so sehr schwimmt, dass ich irgendwann die gleiche Website dreimal aufrufe. Alte Muster brechen eben nicht so leicht. Aber wenigstens setze ich mir am Abend keine neuen To-Dos auf die Liste.   

(Lektoriert von fdh und mas.)