Bild: Nelli Lindner
Ich kann mir vorstellen, was ihr jetzt denkt. Ihr checkt vielleicht nochmal die Überschrift, ob das hier nicht vielleicht doch ein Sweetspots Artikel ist? Dieses schöne Stückchen Erde ein Endgegner? Ja!
Der Hahn
Ich bringe euch heute eine besondere Perspektive mit, und zwar die einer Anwohnerin des Marktplatzes. Klar, nachmittags in der Sonne im Café sitzen und auf ein Heißgetränk warten oder am Brunnen eine leckere Limo schlürfen ist großartig. Ihr habt Blick aufs Rathaus zwischendurch kommen ein paar Touris vorbei und fotografieren unseren stadtbekannten Kuckucksuhr-Hahn der zusätzlich zum Glockenläuten kräht. Vorausgesetzt ihr sitzt dort ein paar Stunden, stellt ihr vielleicht fest, dass der Hahn ein bisschen nervig werden kann.
ABER: Wusstet ihr, dass besagter Hahn zu jeder. Vollen. Stunde. Kräht?
Du kannst nachts nicht schlafen und willst nicht aufs Handy schauen, um herauszufinden, wie viel Uhr es ist, weil es dann mit dem Einschlafen noch schlechter funktioniert? Kein Problem, der Hahn erinnert dich alle 60 Minuten an deine Misere. Passend dazu schreibe ich diesen Artikel gerade um 4:16 Uhr an einem Freitagmorgen, da mich der Hahn pünktlich um 04:03 (er ist immer 3 Minuten zu spät) daran erinnert hat, dass ich seit fast 2 Stunden wach in der Gegend herumliege.
Die Festlichkeiten
Ich habe jetzt ca. eineinhalb Jahre Marktplatz-Erfahrung und dabei die Beobachtung gemacht, dass gewisse Phänomene wiederkehren. Beispielsweise: die Festlichkeiten. Tanz in den Mai, 3 Tage Marburg und der Weihnachtsmarkt, die alle ihre eigenen Tourist*innenarten mit sich bringen. Nach ersterem wurde uns schon in den Briefkasten gepinkelt und mehrmals vor die Tür gekotzt. Die anderen beiden sind vergleichsweise harmlos, wenn auch laut (aber daran gewöhnt man sich schnell).
Die Charaktere
Aber genug des vielleicht Offensichtlichen, viel spannender sind doch die mit den Jahreszeiten immer wiederkehrenden Figuren, die sich rund um den Marktplatz tummeln. Figuren hier als breiter Begriff, denn es sind nicht unbedingt immer die selber Personen aber man kann sie gut in Kategorien einteilen und dies hab ich natürlich für euch getan:
1. Die Tourist*innen
Ein paar der unzähligen Stadttouren haben Ihre Haltestelle direkt vor meiner Haustür.So unmittelbar, dass es mir regelmäßig passiert, dass ich noch mit Butterbrot in der Hand die Tür öffne und um mich herum ein Halbkreis aus fröhlichen Rentner*innen steht, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine hippe Boomer-Begrüßung für mich parat haben.
2. Die Geocacher*innen
Wusstet ihr, dass es am Marktplatz einen Geocache gibt? Eigentlich eine süße Gruppe, aber gerade im Frühling erschweren sie mir gerne mal den Weg zu meiner Haustür.
3. Die Performer*innen
Meine wirklich absoluten Endgegner, quasi der Endboss des Marktplatzes. Es gibt mehrere immer wiederkehrende Künstler und vereinzelte One-Hit-Wonder. Sie singen, sie schreien, sie haben etwas zu sagen.
Wenn der Hahn nicht gerade kräht, ist die Wahrscheinlichkeit für eine mitternächtliche Oberstadtoper, besonders im Sommer, massiv erhöht. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ihr, die hier nicht wohnt, überhaupt eine Vorstellung von dem habt, was ich versuche, euch hier zu beschreiben. Es ist nicht das typische betrunkene Grölen, sondern stundenlanges Singen einer einzigen Person; schief, laut und unermüdlich. Manchmal sonntagmorgen um 8 Uhr, manchmal Dienstagabend um 11 Uhr. Es gibt keine festen Regeln, wenn auch, erstaunlicherweise, wiederkehrende Songs. Ave Maria ist bis heute die ungeschlagene Nummer Eins der Marktplatz bei Night Charts.
Versteht mich nicht falsch: Ich liebe es hier zu wohnen, aber das Leben ist ambivalent, und so auch mein Verhältnis zu diesem zauberhaften Ort.
Der Hahn kräht, es ist 05:03 Uhr. Vielleicht schreibe ich ja morgen einen Sweetspots-Marktplatz-Artikel.