Bild: Emma Osmanovic
Für viele ist es das neuste Rennrad, die teure Kaffeemaschine, der High-Tech Pizzaofen oder die miefende Boulderhalle. Plötzlich merkt man, dass sich die Interessen langsam verschieben: Damals war es noch die Freitagnacht, in der man bis um 4 Uhr im Tunnel nach dem fünften Bier am Kicker stand und sich am nächsten Morgen verkatert fragte, wie man ins Bett gekommen ist. Heute ist es das gediegene Wochenende, an dem man um 22 Uhr schlafen geht, damit man am nächsten Morgen frisch zum Running Club antreten kann. Wenn sich solche Veränderungen in deinem Leben breit machen, dann weißt du: Bis zur 30 ist es nicht mehr weit. Die wilden Zwanziger sind bald vorbei, auch wenn du doch eigentlich noch so tief drinsteckst. Während die neuen Trends des „Erwachsenwerdens“ eigentlich gar nicht so blöd, sondern sogar eher gesund wirken (der Körper freut sich bestimmt über mehr Sport und weniger Alkohol), kann diese Phase im Leben trotzdem Angst machen. Der Großteil von uns Studierenden wird das Studium in den Zwanzigern abschließen. Je näher das Ende der akademischen Ausbildung rückt, desto größer wird der Druck, nun endlich sein Wissen aus den vielen Jahren unter Beweis zu stellen. Doch was, wenn man zweifelt?
Mit 25 bin ich eine der älteren Studentinnen in Marburg. Als wir uns letzte Woche in der Redaktionssitzung nach Alter aufstellten, bildete ich das „alt“ Ende. Mein Studium ist in fünf Monaten vorbei, und ich? Gänzlich überfordert. Während es in den letzten Jahren leicht war, mit dem klaren Ziel mein Psychologiestudium abzuschließen bedenkenlos dahinzugrooven, öffnet sich nun das Fenster der unbegrenzten Möglichkeiten, das ich bisher nur von Leuten kannte, die sich nach dem Abi planlos durch die Online-Tests der Agentur für Arbeit klickten. Plötzlich wird es ernst, ich muss Verantwortung für meine Zukunft übernehmen, Entscheidungen treffen, die den Verlauf meines Lebens komplett verändern könnten. Natürlich fange ich an zu hinterfragen: Bin ich auf dem richtigen Weg? Möchte ich wirklich die letzten Jahre meiner goldenen Zwanziger damit verbringen, die fünfjährige Weiterbildung zur Psychotherapeutin durchzuziehen? Ist das Leben jetzt vorbei, sobald ich anfange in Vollzeit zu arbeiten? Ich bin in der Schwebe, an einem „point of no return“, zumindest kommt es mir so vor. Ich schwanke zwischen „endlich mit dem Studium fertig“ und „nicht für die Arbeitswelt bereit“. Meine Alternativen? Mir fallen zahlreiche ein. Ich könnte nochmal reisen, ich hatte mir doch als Kind immer geschworen, die ganze Welt zu entdecken. Ich könnte Schauspielerin werden, damals wollte ich immer nach Hollywood. Ich könnte einen anderen Studiengang oder gar eine Ausbildung anfangen, ein Handwerk lernen. Die Vorstellung als Schreinerin mit Holz zu arbeiten, begeistert mich schon lange. Oder ich könnte auswandern, vielleicht Tauchlehrerin in Indonesien werden. Je weiter ich mich auf dem Weg zur Psychotherapeutin bewege, desto unwahrscheinlich wird die 180-Grad-Kehrtwende. Also, wenn nicht jetzt, wann dann?
Während ich über all die möglichen alternativen Lebensentwürfe nachdenke, wird mir immer klarer: In mir stecken viele Träume, viele Wünsche und Ideen. Doch es fühlt sich so an, als würde das Kartenhaus zusammenbrechen. Ich beginne mich zu fragen, wer ich wirklich bin. Eine philosophische Frage, die plötzlich unangenehm konkret wird. Es kommt mir so vor, als müsste ich mich bewusst festlegen. Als gäbe es eine richtige Antwort, die ich nur noch finden müsste, bevor die Zeit abläuft. Aus einem „du kannst alles werden“ wird plötzlich ein „du musst dich jetzt entscheiden“. Aber jede Entscheidung würde gleichzeitig bedeuten, alle anderen Versionen von mir loszulassen.
Ich beginne auf einmal zu verstehen, was mir wirklich schwerfällt. Es ist nicht die Entscheidung selbst zu treffen, sondern der Abschied von all den anderen Leben, die ich hätte führen können. Kein Hollywood, kein Indonesien und keine Werkstatt voller Werkbänke. Und obwohl ich gerne träume, begreife ich, dass nicht jeder Kindheitstraum wahr werden muss. Ich bin gerne naiv, träumerisch und genieße es zu romantisieren. All das sind Eigenschaften an mir, auf die ich stolz bin. Sie dürfen, nein, sie sollen sogar bleiben, auch dann, wenn ich erwachsen bin. Vielleicht werden diese Träume nicht zu meinem Beruf, aber das ist in Ordnung. Schließlich braucht es auch Dinge außerhalb der Arbeit, die erfüllend sind. Ein Kurs am Theater, Urlaube in fernen Ländern oder das Heimwerken könnten diese Dinge für mich sein.
Ich sitze also hier, fünf Monate vor meinem Abschluss und ehrlich gesagt bin ich immer noch ein bisschen überfordert. Stück für Stück baut sich aber mein Kartenhaus wieder auf. Ich bin überrascht darüber, dass die Karten dieselben bleiben, sich jetzt nur anders anordnen. Schaue ich auf alle Optionen, die meine Zukunft mir offenhält, merke ich doch immer mehr, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Meine Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, wird kleiner. Jetzt, da ich weiß, was ich alles sein könnte, bin ich bereit, mich zu entscheiden, was ich sein möchte. Und auch wenn sich das noch nicht immer ganz sicher anfühlt, liegt die Antwort schon lange in mir: Ich möchte Psychotherapeutin werden.