Wie es ist, wenn man seine Träume steuern kann

Wie es ist, wenn man seine Träume steuern kann

Was würdest du träumen, wenn du deine Traumwelt bewusst erschaffen könntest? Luzide Träumer:innen erwachen im Traum und können diesen beeinflussen, während der Körper weiterschläft. Unsere Autorinnen June und Jessi haben zwei sogenannte Oneironauten (grieschich für „Traum-Seefahrer“) getroffen und sich bei gemütlichen Tassen Kaffee und Tee alles über Luzid-Erfahrungen erzählen lassen.

In Aristoteles‘ Abhandlung „De insomniis“ („Über Träume“) aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert lassen sich schon Andeutungen auf Klarträume lesen, in Tibet bildet das luzide Träumen seit Tausend Jahren den elementaren Bestandteil der buddhistischen Meditationspraxis und moderne Kunst wie die surrealen Gemälde René Magrittes beruhen auf diesen Traumerfahrungen. Nach der Entdeckung der REM-Schlafphase in den 50ern durch Stephen LaBerge, in der das Träumen stattfindet, prägte der bedeutendste deutsche Traumforscher Paul Tholey 1977 die Definition des luziden Zustands: „Klarträume sind solche Träume, in denen man völlige Klarheit darüber besitzt, dass man träumt und nach eigenem Entschluss handeln kann“.

Felix kann luizid träumen

Felix hat vor neun Jahren das erste Mal bemerkt, dass er luzid träumen kann. Wir treffen uns an einem kalten Januartag in einer Marburger Oberstadt-WG und Felix plaudert bei einer heißen Tasse Früchtetee über seine Luzid-Erfahrungen. „Ich dachte erst mal, das ist bestimmt irgendein esoterischer Scheiß. Ich bin nämlich eher ein wissenschaftlicher Denker.“ Er hat seinen Traum bewusst wahrgenommen, konnte ihn sogar nach seinem Belieben verändern, ist dann allerdings schnell wieder aufgewacht. Die Euphorie oder das Erschrecken beim ersten Klartraum werfen einen meistens direkt wieder raus.

Die wissenschaftlichen Arbeiten von Paul Tholey setzten diesen Esoterik-Kram für Felix dann in ein ganz anderes (wissenschaftliches) Licht. „Ich hab dann mit den Reality-Checks angefangen, das Träumen zu trainieren, um einfacher in den Luzid-Zustand zu gelangen.“ Nach Tholey soll man sich nämlich angewöhnen, die Realität anzuzweifeln, um auch während dem Träumen den Traum anzuzweifeln und sich dessen bewusst zu werden.

Wir erschaffen uns eine Welt

„Wir erschaffen und nehmen unsere Welt gleichzeitig wahr“ heißt es in dem preisgekrönten Blockbuster Inception, bei dem das luzide Träumen als Ware zur Veränderung des Unterbewusstseins eingesetzt wird. Hier dient ein kleiner Kreisel des Filmprotagonisten als Reality Check. In der Wirklichkeit fällt der Kreisel, im Traum dreht er sich unendlich weiter. Tholeys Fingerzählmethode, bei der man im Traum meistens mehr als fünf Finger an einer Hand hat, klappte bei Felix so gut, dass er in den ersten Wochen einen Blog über seine Klartraum-Erfahrungen schrieb. „Das Wichtigste ist, Traumtagebuch zu führen!“, legt er uns ans Herz.

Direkt nach dem Aufstehen sollte man das Geträumte aufschreiben, um es nicht direkt wieder zu vergessen. Dabei soll es gar nicht so schwierig sein, den Klartraum zu erreichen, sondern ihn aufrecht zu erhalten. Die Gratwanderung zwischen Aufwachen und normal weiter Träumen sei am schwierigsten bei diesem angeblichen Esoterik-Kram. „Man darf nicht zu passiv sein und nur gucken und beobachten, sonst schläft man direkt wieder in den Traum ein.“ In seinem nun veröffentlichten Buch „Sind sie schonmal geflogen?“, das es für ein paar Euro auf Amazon gibt, hat Felix diese ersten Erfahrungen und eine Anleitung für absolute Luzidanfänger*innen zusammengefasst. Das Internet ist voll mit Klartraumerfahrungen, Tipps und Foren.

So gibt es zum Beispiel eine „AliceimWachtraumland“, die über ihre Youtube-Tutorials mit anschaulich inszenierten Videobildern erklärt, wie sie in den luziden Zustand gelangt und wie man es nachmachen kann. Neben den Plattformen im Internet zum Erfahrungsaustausch, werden auch Seminare und Gruppensitzungen organisiert. An der Goethe-Universität Frankfurt bietet der Psychologiestudent Christian zusammen mit einer Kommilitonin seit dem Wintersemester 14/15 ein autonomes Tutorium zum Thema Luzides Träumen an. Jeden Mittwochabend werden hier wissenschaftliche Texte bearbeitet und sich über eigene Erfahrungen ausgetauscht.

Träumerische Reisen spiegeln das Unterbewusstsein

Mit einem Stapel Klartraumbücher erwartet uns Christian in einem Café im verfrorenen Frankfurter Bahnhofsviertel. Er sei schon ziemlich früh mit der Thematik in Kontakt gekommen, erinnert er sich, während wir uns eine aufwärmende Suppe bestellen. Mit acht Jahren hatte er seinen ersten luziden Traum. „Mir war gar nicht klar, dass es jetzt ein luzider Traum ist, ich war ganz überrascht“. Erst sechs Jahre später wusste er durch Fernsehbeiträge, wie man diese Art Träumen nennt. Genau wie bei Felix, waren seine nächsten Schritte Recherchieren und Nachlesen, was es mit diesen nächtlichen Bewusstseinsaktivitäten auf sich hat, die Techniken trainieren und bei den ersten bewussten Versuchen Tagebuch führen.

Wenn dann das stabile Traumbewusstsein erreicht ist, seien der Phantasie wortwörtlich keine Grenzen gesetzt. „Das ist wirklich eine extrem einmalige Erfahrung“, beschreibt der Psychologiestudent seine träumerischen Reisen zu meistens tropischen Inseln, in die Natur und zu schönen Landschaften. Um zum Beispiel Gegenstände zu erschaffen, müsse man sie einfach im Traum laut vorsagen, erklärt uns Felix bei der zweiten Tasse Tee an diesem kahlen Wintertag in Marburg. So habe er sich, als er luzid war, einen Spiegel vorgestellt. Sich selbst zu sehen sei sein bedeutendstes Erlebnis gewesen. „Das war wirklich ziemlich cool, ich hab mein eigenes Gesicht gesehen. Ich habe ein bisschen anders ausgesehen, konnte mich aber schon erkennen. Das war dann die bildliche Vorstellung meines Unterbewusstseins von mir selbst.“

Neben der Phantasie-Entfaltung und bewegenden Begegnungen mit dem Unterbewusstsein kann man durch Klarträume auch Verschiedenes trainieren. Sportarten oder schwierige Situationen zum Beispiel können so während dem Schlafen geübt und verbessert werden. Christian beschreibt uns, wie er das Luzide Träumen nutze, um vor Publikum sicherer aufzutreten oder um Streitgesprächen unvoreingenommener entgegenzutreten.

Klarträumen ist kein Mittel zur Selbstoptimierung

In einem Forum im Internet wird sich über die Therapie von Alpträumen durch das Klarträumen ausgetauscht und Felix erzählt von seinen Skateboard-Übungen, die er im Traum verbessern konnte. Man kann sich nämlich motorische Fähigkeiten aneignen, weshalb einige Sportler*innen auf die Luzid-Methode beim Trainieren setzen, um ihre Leistung zu perfektionieren. „Das Klarträumen darf nicht im Rahmen einer Selbstoptimierung instrumentalisiert werden“, bemerkt Christian am Ende unseres Gespräches und nimmt den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse, „Ich glaube, es kann ein Werkzeug sein, um sich selbst kennen zu lernen, um vor allem seiner eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen, unabhängig von physikalischen Begrenzungen. Man kann faszinierende Dinge erleben“.

FOTO: Pixabay

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22, auch June, Technorella oder Crazy Daisy. Denkt sich gerne dumme Spitznamen aus. Studiert „KuMuMe“ und steht auf Blumen und funky Techno.