„Hände weg vom Biegeneck!“

„Hände weg vom Biegeneck!“

Autorin Christina wandert auf den Pfaden der Marburger Geschichte: An der Stelle, an der heute das Welcome Hotel, die Lahnpassage und das Cineplex beheimatet sind, war ursprünglich ein Kulturforum bestehend aus einem Theater und einer Kunsthalle geplant: Das Biegeneck. 1989 fiel jedoch der Beschluss des Magistrats, das Biegeneck abzureißen, welcher 80 Bewohner*innen, sechs Gewerbebetriebe und sechs soziale Initiativen dazu zwang, für das luxuriöse vier Sterne Hotel zu weichen. Aufstände gegen die Modernisierungspläne der Stadtplanung waren die Folge. Klingt im Hinblick auf nächtliche Demonstrationen tanzender Menschen nicht ganz unbekannt. Eine Zeitreise.

„Wir gehen bei Block“ wird zu „Hände weg vom Biegeneck!

Den meisten Marburger*innen dürften diese Redewendungen und dessen Bedeutungen eher unbekannt sein. Doch bei alteingesessenen Marburger*innen weckt dieser Spruch vielseitige Emotionen wie: Frustration, Wut, Unverständnis, Widerstandskraft oder Machtlosigkeit. Entstanden ist die Redewendung am 10.06.1990 bei einer organisierten kulturellen Feier im Biegeneck. Diese Feier war eine Protestaktion  gegen die damalige Stadtplanung und den bevorstehenden Abriss des Biegenecks: Das gesamte Kleinviertel engagierte sich tatkräftig für den Erhalt des Biegenecks. Feiern und Protestaktionen wurden von Bewohner*innen veranstaltet, um auf die Vielfältigkeit des Viertels aufmerksam zu machen. Für die Bewohner*innen war dies mehr als bloß ein Wohnort und eine Arbeitsstelle. Es galt als ein Ort, an dem Kunst, Leben, Politik und Realität eine Gesellschaft zusammenführten, sowie als eine Heimat, mit dem alle Bewohner starke persönliche Erinnerungen aus unterschiedlichsten Lebensabschnitten verbanden. Doch aufgrund eines stadtplanerischen Beschlusses sollte dieser Ort durch ein Luxushotel ersetzt werden. Ein stets wechselndes Ein- und Ausgehen der Hotelgäste, die reine Anonymität untereinander, ließen einen solchen Platz und dessen Lebensgeschichten traurig verblassen. Durch den Abriss wäre ein kultureller Ort, mit dem viele persönliche Erinnerungen in Verbindung gebracht werden, verschwunden.

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Ende der 80er bildete sich die Biegeneckinitiative, die es zum Ziel hatte, sich für den Erhalt und den historischen Schutz des Biegenecks einzusetzen. Der historische Schutz bestand in der eigens gebildeten Infrastruktur: Wohnen, Arbeiten und Kultur in einem Viertel. Der Vorschlag der Biegeneckinitiative war eine Renovierung des Viertels statt dessen Abriss. Dadurch sollte es im Stadtbild ansehnlicher wirken. Es war bekannt, dass die Stadtverwaltung das Biegeneck als Branche im Stadtbild ansah und den Platz für prunkvolle neue Bauten nutzen wollte. Jedoch evozierte der angekündigte Abriss lediglich Frustration, und Unverständnis bei den Demonstrierenden, da trotz Einspruchs ihr Viertel als wertlos angesehen wurde. Die Demonstrationen und eine am 01.10.1991 stattgefundene Menschenkette wurden von Arno Uth und Tobias von Heymann gefilmt. Aus deren Material wurde eine Dokumentation produziert mit dem Titel „Biegeneck – Kampf um ein Kleinviertel“.

Verlorener Einklang von Alt und Neu

Das Biegeneck verlieh nicht nur seinen Bewohner*innen Identitätsgefühl, sondern galt als stadtästhetischer Übergang vom historischen Stadtviertel, der Oberstadt und den neueren Gebäuden. Ein harmonisches Stadtbild ergibt sich durch eine im Einklang geplante Stadtentwicklung von Alt und Neu. Am besten ist dieser durch den Schutz der Architektur als Ausdruck und Zeuge der Geschichte gesichert. Das bedeutet im Klartext, dass wichtige Bauten einer Stadt nicht für einen Neubau weichen sollten. Die Aufstände um das Biegeneck jedoch dokumentieren ein Scheitern Marburgs in dieser Hinsicht: Trotz Demonstrationen und dem Zusammenschluss der Biegeneckinitiative mit verschiedenen Wohn- und Kulturprojekten zur G.M.B.H. (Gegen Marburger Bau- und Hotelspekulanten) am 11.07.1990 gab es keinen Erfolg beim Magistrat der Grünen und SPD. Am 06. und 07.01.1993 wurden die letzten Häuser des Biegenecks abgerissen. Wie man heute sehen kann, ist am Ende kaum etwas von dem hier erzählten Biegeneck übrig geblieben.

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In Marburg gibt es viel Bereitschaft, die sich für faires Wohnen einsetzt. Viele Bürger*innen sind betroffen von hohen Mietpreisen und dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Demonstrationen, wie die Nachttanzdemo vom 28.11.2014 mit dem Motto „Marburg gegen Wohnungsnot“, zeigen die stetige Aktualität der Problematik. Die Biegeneckinitiative kann als Anreiz für weitere politische Offensive, Inspiration zur Nachahmung, Interessenverteidigung und Selbstverteidigung angesehen werden.

INTERESSE AN MEHR GESCHICHTE?! Die Geschichte des Biegenecks ist nachzulesen bei: Gebauer, Thomas (Hrsg.): Soziale Plastik Biegeneck: Als sich die Zentrifuge im Haifischmaul drehte. Borken. Gebauer Verlag 1994. Preis: 20 Euro.

FOTOS: Aus Gebauer (1994).

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Freie Autorin, die Medien- und Politikwissenschaft im Bachelor studiert. Sie ist eine rheinische Frohnatur und lebt ganz nach dem Motto "Olé mañana".