Heute wird gebumst

Heute wird gebumst

Marburg braucht mehr Disco. Das weiß jede*r. Diesen Wunsch auch in die Tat umzusetzen, hat sich das DJ-Projekt DINGSBUMS seit einigen Jahren verschrieben. Im November feiern sie nun ihren vierten Geburtstag. Die letzte Party als Dreijährige schmissen sie am 25. Oktober 2014. Im Rahmen des #Partyjournalismus haben wir uns die mal angeguckt.

Fast der gesamte Raum ist mit Holz vertäfelt; die Bar, der Boden und die Wände. Vereinzelt hängen Bilder, wie das einer von handgemalten Katze, die in Regenbogenfarben erstrahlt. Mittendrin am Werkeln in dieser Szenerie zwischen Gelsenkirchner Barock und altem Wirtshaus: Ein großer Typ in Holzfellerhemd und zersaustem Lockenkopf und einer, der ein bisschen kleiner ist und in viel zu großer Jogginghose steckt, die vorne um zu halten zu einem Knoten zusammengebunden wurde. Werkzeug steht herum. Die Luft vibriert vor Hektik. Denn die beiden haben eine Mission: Die Katze an der Wand und all die andere Alt-BRD-Dekoration muss weg. Heute Abend ist DINGSBUMS.

Prinzip Mundpropaganda

Die beiden Handwerker sind Michael Turecki (32) und Phillip Zappl (29), zwei befreundete DJ’s, die das Marburger Nachtleben ein bisschen umkrempeln wollen. Seit zehn Uhr am Samstagmorgen sind sie am Hämmern, Rumtragen, Aufhängen, Werkeln für eine sichtbare Veränderung. „Mehr arbeiten, mehr anbieten!“, sagt Turecki während er schwarzen Theater-Molton an die Wände nagelt. Das machen sie jetzt seit über zwei Jahren. Denn seitdem finden die DINGSBUMS-Parties im Knubbel, der alten Tabakfabrik in der Schwanallee, statt. Jeden letzten Samstag im Monat ist der kleine Club dann kaum mehr wieder zu erkennen. Der Molton hat dabei nicht nur einen Schönheitseffekt. Durch das Eindämmen der Lautstärke hilft er die Konzentration „aufs Wesentliche zu legen“, wie Turecki erklärt. „Es geht bei uns heute ‚leider‘ nur um die Musik. Denn darum sind wir ja schließlich hier. Alles andere ist nur kommerzialisierter Hype.“ Vor allem dieser Punkt ist beiden wichtig: Um echtes Interesse soll es gehen. Werbung gibt es bei ihnen kaum, eine Website oder Fanpage existiert nicht. Auf was sich verlassen wird ist Mundpropaganda und die Eigenmotivation des Publikums. Auch distanzieren sie sich von dem Begriff „Eintritt“ und sehen das Geld eher als Beitrag an. Alles andere wäre irgendwie gegen ihre Philosophie. „Ich will den Leuten ja nicht in den Arsch kriechen. Sie sollen von selbst auf die Idee kommen zu uns zu kommen und das Projekt DINGSBUMS zu unterstützen“, sagt Turecki. Gutes spreche sich schon herum.

Straßenumfrage: An was denkst du bei dem Wort DINGSBUMS?

An diesem Abend scheint ihr Konzept aufzugehen. Um Mitternacht beginnt sich das Knubbel zu füllen. Von dem Ort, an dem sonst Ü-30-Partys, Nachtflohmärkte und Livemusik statt finden, ist nicht mehr viel wiederzuerkennen. Turecki, Zappl und der schwarze Molton haben ganze Arbeit geleistet. Alle Wände und die Katze sind verhangen, das DJ-Pult ist ein bisschen wie im „Boiler Room“ in die Mitte gerückt, dahinter steht ein altes Sofa und unter den Füßen der tanzenden Meute breitet sich ein großer Perserteppich aus. Wie der Besitzer des Knubbel, Peter Kegelmann, diese monatliche Einsatz-in-vier-Wänden-Aktion eigentlich findet? Der 57-Jährige, der seit 1983 im Marburger Nachtgeschäft tätig ist, sieht das sehr gelassen: „Jeder wie’s ihm gefällt.“ Für immer so lassen würde er es aber nicht. Vielleicht würde ihm die Katze fehlen.

Zwei Originale

Kennengelernt haben sich die beiden DJs im gemeinsamen Studium der „Kunst Musik und Medien“ vor fast fünf Jahren. Heute sind sie ein eingespieltes Team. Als „zwei Originale“, bezeichnet sie Ninette, die seit etwa anderthalb Jahren ehrenamtlich die Kasse bei DINGSBUMS macht. Während Zappl eher als einer dieser stets etwas abwesenden Menschen auftritt, gehört Turecki zu den Übermotivierten. Ständig hüpft er irgendwo durch die Gegend und redet so schnell, als hätte er es überhaupt nicht nötig, irgendwann mal Luft zu holen. Warum das so sei? „Wir brennen!“, ruft er grinsend, während Zappl nur ein emotionsloses „Jo.“ von sich gibt. Mit Leidenschaft und Herz seien trotz ihren unterschiedlichen Charakters beide dabei, erzählt Ninette und fügt hinzu: „Die muss man echt mal erlebt haben!“

Besonders gern redet der Zappelphilipp der beiden, Turecki, über seine Musik und was DINGSBUMS so einzigartig macht. Seit 15 Jahren spiele er schon Schallplatten, darunter: Labels wie Nervous Records, Robsoul, oder Henry Street Music. Eben „richtige House Musik“. Denn das was man heute in den Clubs höre, sei ja kein House mehr. „Das kommt ja aus Amerika, mit Gospel, Strings und Chören, all das Pulsierende und Hypnotische, das die Leute, die diese elektronischen Drumcomputer bauten, mit rein gebracht haben. Das gibt’s ja heute nicht mehr, heute ist ja alles nur bibabupibab“ Er macht undefinierbare Geräusche während er das sagt. „Wo ist denn da der Soul, der Funk und das Gefühl?“ Die Uhr zeigt inzwischen eins. Turecki, immer noch an den Turntables, läuft auf Hochbetrieb. „Auf meinen Schallplatten ist Musik von 1994. Ich sammel‘ ja genau wie Phillip geile Musik und nicht das Neueste. Neues haben wir heute auch dabei, aber es ist eben nicht das Beste.“ Er wechselt die Platte. „Musik ist gut, wenn sie zeitlos ist, wenn sie einzigartig ist und so!“

Im Raucherraum wird Jenga gespielt

Technisch möglich macht den Sound auf den DINGSBUMS-Parties Tureckis ganzer Stolz: Die knallrote Anlage im Wert von 40.000 Euro von Void Accoustic Research, dessen Hauptaugenmerk darauf liegt, Soundqualität mit Design zu verbinden. Sie selbst nennen ihre Anlage, die schon viel rumgekommen ist, übrigens die „Trompeten und Hörner“. Aufmerksamkeit bekommt die rote Dame auch an diesem Abend im Knubbel, sie steht mitten im Raum, umrahmt das DJ-Pult. Dahinter tanzen und legen die beiden DJ’s im Wechsel auf. Vor allem sie selbst haben Spaß an diesem Abend. Im Raucherraum wird indes ausgeruht. Manche spielen Jenga, einer Akkordeon und der ein oder andere Flirt geht über in die heiße Phase. Im Tanzraum vor dem DJ-Pult knallt es irgendwann. Glitzerndes Konfetti schießt in die Menge. Untypisch für DINGSBUMS, die Konfetti sonst eher wenig abgewinnen können. Lenke zu viel ab, untergrabe die Musik, zu viel gehypter Kram und so. Aber: Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.

Dings und Bums

„Gestartet hat das Projekt DINGSBUMS mehr oder weniger im Szenario, das zum Restaurant Auflauf gehört“, erzählt Zappl. Damals hat er noch bei Radio Unerhört gearbeitet und mit einem Kumpel eine Sendung mit unterschiedlichen Musiker*innen geleitet. Das führte zu der Kulturinitiative „Live Szenario ’n Dance“, die damals als eine der erfolgreichsten Nachwuchsförderprojekten Mittelhessens galt. „Da hab ich dann angefangen aufzulegen. Und irgendwann dachte ich mir: Du kannst ja auch was Eigenes machen. Und dann hab ich ihn hier (er nickt dabei in Richtung Turecki) gefragt, ob er nicht Bock hat was mit mir zu machen. Und er dann auch direkt: ‚Jaja, na klar, wo denn, wann denn, was denn?‘ Seitdem scheucht er mich durch verschiedene Clubs und Etablissements. Das war vor vier Jahren.“ Anschließend musste natürlich auch ein Name her. Zappl lächelt: „Turecki wollte halt sein Ding und ich mein Bums machen“

Umfrage auf der Party: Wie gefällt’s dir heute hier?

Drei Uhr. Zappl läutet inzwischen den Deephouse ein, der in Marburg inzwischen öfter zu hören ist. Turecki ist dennoch von ihrer Einzigartigkeit überzeugt. „Wir sind mehr als wir scheinen.“, sagt er, während er sich für eine kurze Pause auf die Couch hinter dem DJ-Pult setzt. „Ich würde auch nicht sagen, dass wir mit irgendjemandem konkurrieren. Erstens kann das niemand was wir tun und zweitens will das ja auch niemand. Das heißt, wer jetzt glaubt, wir sind ’ne Konkurrenz, ist das Schwachsinn. Das ist Neid auf engstem Raum.“ Man solle lieber weniger über andere reden und mehr Engagement in eigene Projekte legen. Die haben sie selber auch noch. Ein Open-Air-Rave im Winter steht zur Debatte. Ebenso ihr Baby, das „3 Tage Oben ohne“ Festival, das im Juli bereits erfolgreich von statten ging, soll nächstes Jahr wieder stattfinden. Dann noch etwas größer. Und Zappl träumt schon ein bisschen vom eigenen Club, zu dem am besten eine Seilbahn, selbstredend mit ordentlicher Beschallung, führen sollte. Oder eben die Bimmelbahn.

Jeden Club einmal bumsen

Locationwechsel sind sie bereits gewohnt. Nach dem Szenario hat das Duo unter anderem im Studio C, im Seepark Niederweimar, im Trauma oder im Rotkehlchen aufgelegt. Das Knubbel wollten sie aber „auch mal bumsen.“ „Jeden Club einmal“, war der Plan. Im Knubbel fühlten sie sich jedoch so schnell wohl, dass sie erstmal blieben. „Es hat sich einfach gut angefühlt!“, sagt Turecki und fügt hinzu: „Seht ihr ja, wir sind seit zehn Uhr hier, voll unter Strom, weil es einfach geil ist! Das war schon die Vorarbeit, da kannste hier Volksmusik spielen, das ist trotzdem der geilste Club in Marburg!“ Dass die Party im Knubbel so gut klappt, hat aber auch noch einen anderen Grund. Um einer älteren Anwohnerin, die direkt neben dem Knubbel wohnt, keinen Anreiz zur Beschwerde zu geben, haben die beiden mit ihr den Dialog gesucht. Sie zeigte sich anscheinend schnell kompromissbereit: Dank eines monatlichen Beitrages gönnt sich die Gute einfach ein Wochenende außerhalb, während DINGSBUMS die Lautstärke hoch dreht.

Halb Fünf. Turecki umarmt seinen Freund und verlässt die Party. Eine halbe Stunde später ist sie vorbei. Wie viele andere Eventveranstalter in Marburg haben auch DINGSBUMS aufgrund der behördlichen Regelung in Marburg keine andere Wahl. Zappl hätte trotzdem gerne noch weiter gemacht. Doch die Discokugel dreht sich inzwischen nicht mehr zu Funk und House. Die Knubbel-Crew hat das Ruder wieder übernommen und die 375 Gäste des Abends kuscheln sich vermutlich schon in ihre warmen Bettchen.

FINDSTE GEIL, WILLSTE AUCH MAL HIN? Am 7. November feiern DINGSBUMS ihren Geburtstag krachend im MUK in Gießen. In Marburg verwandeln sie das Knubbel noch zweimal dieses Jahr, am 29. November und am 27. Dezember.

MITARBEIT: Jaqueline Ahuraian
FOTOS: PHILIPP, Jaqueline Ahuraian und Pixelbay.org, CC-Lizenz.

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin von 2014 - 2017.

Ein Gedanke zu “Heute wird gebumst

  1. „eine Website oder Fanpage existiert nicht (…)“ nur eine Dingsbums Facebook Gruppe mit über 1200 Mitgliedern …

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