Ich liebe Karneval! Ich hasse Karneval!

Ich liebe Karneval! Ich hasse Karneval!

Es wird wieder munter gestritten in Marburg-Ciddy. Die einen freuen sich schon seit Ende des Jahres wie kleine Könige auf Karneval, Fassenacht oder eben auch Fasching, während die anderen nur abfällig mit den Augen rollen und die nächsten Tage am liebsten unter Tage verbringen würden. Auch in der PHILIPP-Redaktion sind die Meinungen gespalten.

PRO von Muriel Kalisch
Seit ich nach Marburg gezogen bin, bin ich die Rheinländerin. Das war mir vorher eigentlich gar nicht so bewusst. Aber nun stehe ich hier und versuche meine Heimat gegen Berlin, Hamburg und München zu behaupten. Was haben wir, was bei uns besser als woanders ist? Darauf gibt es eine einfache Antwort: den Karneval! In der Region Köln/Bonn hast du zwei Möglichkeiten auf die närrische Zeit, die fünfte Jahreszeit, zu reagieren: du kannst an einen Ort flüchten, an dem die Menschen Karneval noch mehr verachten als du selbst, oder du gibst dich ihm hin. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Warum? Karneval macht halt einfach Spaß. Du hast nur selten die Möglichkeit, gesellschaftlich akzeptiert betrunken um neun Uhr morgens, als Zahnfee, Kürbis oder Tampon verkleidet, singend durch die Stadt zu laufen. Man sieht wirklich die verrücktesten Kostüme. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, wenn man sich nicht unbedingt in einschlägigen Karnevalsläden umsieht und sich dann notgedrungen für Krankenschwester / Prostituierte oder Biene / Prostituierte oder Stripper / Callboy entscheidet. Karneval ist das Fest der Gemeinsamkeit. Würde man alleine losziehen, fände man innerhalb von fünf Minuten einen Haufen neuer Freunde, die einen sofort als absolut vollwertiges Mitglied in ihrer Runde akzeptieren und mit denen du, ehe du dich versiehst, Arm in Arm Karnevalslieder schmetterst. Apropos Karnevalslieder: Die von Helene Fischer sind keine! Sie werden zwar für den Dorfkarneval als solche missbraucht, spiegeln aber nicht ansatzweise echte Karnevalsmusik wieder. Die kommt nämlich nicht aus dem Popsternchen­himmel, sondern von Brings, den Höhnern oder Bläck Fööß und ist absolut nicht mit der der guten Helene vergleichbar. Im Endeffekt ist es doch so: es gibt keine lange Liste an guten Argumenten, Karneval zu feiern. Die Menschen, die es nicht mögen, die kriegt man auch nicht mehr dazu. Aber bevor man nicht einmal den Kölner Karneval erlebt hat, sollte man keine vorschnellen Werturteile fällen. Um es also mit den Worten der Höhnern zu sagen: „Karneval is en jeföhl“.

KONTRA von Jaqueline Ahuraian
Nimm deinen Ehering ab und knall‘ die billige Assibratze im Schneeflittchenkostüm in der Öffentlichkeit! Du hast den Feiertag als Rechtfertigung. Es ist wieder soweit, das Datum befiehlt der Gesellschaft zu hirnlosen Säufern zu mutieren. Alle Normen und Werte sind für ein paar Tage außer Kraft gesetzt und ganz Deutschland verwandelt sich in den Ballermann. Plötzlich wird übertriebener Alkoholkonsum, Sexismus und völlig bescheuerte Schlagermukke von allen Seiten toleriert. Dabei führt wohl das eine zum anderen: Die eigene Wahrnehmung und das Gedächtnis werden weggesoffen, um den Schwachsinn zu ertragen und sich der allgemeinen Hemmungslosigkeit hinzugeben. Auch die wenigen Nichttrinker*innen sind spätestens nach dem Fastnachtsumzug auf dem Beklopptheitslevel der saufenden Bevölkerung angekommen. Hier dienen nämlich Bonbons und Klopfer als Wurfgeschosse und Köpfe als Zielscheibe. Dafür nimmt man sich extra Urlaub, schraubt die Humorgrenze bis ins letzte Untergeschoss, um jede scheiß Büttenrede lustig zu finden und bestellt sich ein überteuertes „Sexy­ Kostüm“, um möglichst willig auszusehen. Es wird betatscht, gebaggert, gegrölt und gekotzt, meistens vor den eigenen Kindern. Das Schlimme ist: Dem Wahnsinn kann man nicht entfliehen. Beim Einkaufen, im Internet, im Fernsehen und sogar bei geschlossenem Fenster sieht, riecht oder hört man die sogenannte „Fünfte Jahreszeit“. Aschermittwoch ist dann der Tag der Abrechnung. Man wacht mit Kater, Herpes, womöglich mit einer befruchteten Eizelle, Gedächtnisverlust und leerem Geldbeutel auf. Die Straßen sind bedeckt mit Kotze, Konfetti, Müll, Kostümresten und halberfrorenen Zombies. Man ist wieder in der Realität angekommen und kann nur hoffen, dass keine Beweisfoto oder ­Videos existieren. Klar liebe ich es, mich zu verkleiden. Ich steh auf Glitzer und Konfetti und ich freue mich, wenn sich auch der letzte Partymuffel zum fröhlichen Feiern aufrappelt. Aber ich hasse es, dass Fasching von so vielen ausgenutzt wird, um ein ekelhaftes Verhalten an den Tag zu legen, das sonst nicht toleriert wird.

FOTO: muckster auf flickr.com, CC-Lizenz

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22, auch June, Technorella oder Crazy Daisy. Denkt sich gerne dumme Spitznamen aus. Studiert „KuMuMe“ und steht auf Blumen und funky Techno.