Hochschulpolitik

„Gute Studienbedingungen brauchen gute Arbeitsbedingungen für Hilfskräfte”

By Philipp Müller

February 28, 2026

Foto: privat

Studentische Hilfskräfte leisten im Universitätsalltag viele wichtige Aufgaben. Sie arbeiten beispielsweise als Tutor*innen, unterstützen Dozent*innen in bei deren Lehre und Forschung und bieten in der Bibliothek und im Hochschulrechenzentrum (HRZ) direkte Beratung an. Trotz ihrer zentralen Rolle ist ihre Bezahlung nur schlecht und allem voran nicht tarifgebunden. Anstatt eines Vertrags mit guten Arbeitsberingungen für alle studentischen Beschäftigten gibt es also individuelle Arbeitsverträge mit teilweise sehr schlechten Bedingungen für sie.

Die Behebung dieser Missstände fordert die deutschlandweite Initiative TV-Stud. Sie setzt sich dafür ein, alle studentischen Beschäftigten in den Tarifvertrag, den TVStud, aufzunehmen. In Marburg wird TV-Stud vor allem von der AStA-Hilfskraftinitiative getragen, mit deren Referent Maximilian PHILIPP ein Interview geführt hat.

Was ist TV-Stud und wofür setzt ihr euch ein?

TV-Stud ist eine deutschlandweite Bewegung, die für einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte kämpft. Durch diesen erhoffen wir uns eine erhebliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Bezahlung für studentische Beschäftigte. In Marburg hat sich aus diesem Kampf die Hilfskraftinitiative gebildet, die sich für bessere Arbeitsbedingungen und eben auch für einen Tarifvertrag einsetzt und versucht, die Hilfskräfte zu vernetzen, zu organisieren und für den TVStud zu mobilisieren.

Was habt ihr bisher erreicht?

In der letzten Tarifrunde, also bei den letzten Verhandlungen, wurde erstmals eine schuldrechtliche Vereinbarung erkämpft. Das heißt, dass es jetzt eine bindende Grundlage für die Arbeitsverträge von studentischen Hilfskräften gibt. Die schuldrechtliche Vereinbarung regelt nicht nur das Stundenentgelt und die Mindestbefristung von zwölf Monaten, sondern auch den Mindeststundenumfang von zehn Wochenstunden. Anders als bei einem Tarifvertrag kann die schuldrechtliche Vereinbarung aber nicht individuell von den Beschäftigten eingeklagt werden, sondern nur kollektiv durch die Gewerkschaften. Im Vergleich zu den vorherigen (fehlenden) Regelungen war das aber schon ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung. Außerhalb von Tarifrunden machen wir auch regelmäßige Veranstaltungen wie Hilfskräfte-Feierabende oder Arbeitsrecht-Workshops, um die studentischen Beschäftigten zu vernetzen und sie über ihre Rechte zu informieren.

Warum betrifft TV-Stud alle Studierenden?

An der Uni Marburg arbeiten etwa 1500 studentische Beschäftigte. Im Studienalltag begegnet man ihnen überall: im Tutorium, am Bibliothekstresen oder am HRZ-Helpdesk. Wir leisten an fast allen Stellen der Universität essentielle Arbeit und ohne uns würde die Uni nicht funktionieren.

Dennoch müssen sich vor allem Tutor*innen weiterhin durch Kettenbefristungen kämpfen und werden nur sehr kurz angestellt, oft ohne direkte Perspektive auf Weiterbeschäftigung. Dazu kommt, dass Tutorien häufig nicht fest im Lehrplan verankert sind, obwohl sie zentral für gute Lehre sind. Auch studentische Beschäftigte in der Bibliothek, am HRZ oder in der Forschung arbeiten oft unter unsicheren Bedingungen. Zusammen mit niedriger Bezahlung und fehlender Planungssicherheit führt das zu hoher Fluktuation und erschwert stabile Abläufe. Wenn studentische Beschäftigte unter prekären Bedingungen arbeiten, leidet die Qualität von Service, Lehre und Infrastruktur und damit die Studienbedingungen.

Für gute Studienbedingungen braucht es gute Arbeitsbedingungen. Und für gute Arbeitsbedingungen braucht es einen Tarifvertrag.

Bei der letzten Tarifrunde waren in Marburg 1200 Leute auf der Straße, sowas hat schon Wirkung.

Wie zentral ist Marburg für TV-Stud?

Bei der nächsten Tarifrunde sind wir in Marburg ziemlich weit vorne mit dabei. Zwei Leute von uns sind in der Tarif- und Verhandlungskommssion für TVStud und direkt bei den Verhandlungen dabei. Wir machen auch viele Aktionen, zuletzt für den Hochschulaktionstag und sind hessenweit vernetzt. Bei der letzten Tarifrunde 2023 waren wir in Marburg mit allen Beschäftigten der Uni 1200 Leute zum Streik auf der Straße, sowas hat schon Wirkung.

Wenn ich als Hilfskraft mitmachen will, wie kann ich das machen?

Wir treffen uns jede Woche Montag um 18:30 Uhr im AStA zum Aktiventreff, da sind alle herzlich eingeladen. Wenn der Termin blöd liegt, haben wir auch eine Telegram-Gruppe zum Austausch. Schreib uns gerne per Mail oder auf Insta, dann laden wir dich ein. Selbst wenn du nicht aktiv mitmachen kannst, ist es wichtig, die aktuellen News mitzubekommen und mit deinen Kolleg*innen zum Streik zu gehen. Dazu halten wir euch up-to-date! Wenn du konkret Probleme im Job hast, wende dich gerne an den Hilfskräfterat, der ist deine Personalvertretung und für dich da.

Kürzlich war der Hochschulaktionstag. War das aus eurer Sicht ein Erfolg, hat das ein Signal nach Wiesbaden gesendet?

Also ich bin mir nicht sicher, ob es ein Signal nach Wiesbaden gesetzt hat. Es waren 70 Leute da, aber 70 Leute sind noch nicht genug, um ein starkes politisches Signal zu senden. Ich glaube aber, um zu zeigen, dass wir bessere Studienbedingungen wollen und dafür auf die Straße gehen und kämpfen, war das auf jeden Fall gut. Es war auch gut für alle vor Ort, um zu sehen, dass Dinge passieren und man sich nicht mit den vorherrschenden Bedingungen abgeben muss.

Die Universitäten in Hessen sind aktuell finanziell nur sehr schwach aufgestellt und können auch nur wenig Geld für Hilfskräfte ausgeben. Wie hofft ihr, trotzdem mehr Geld bekommen zu können?

Wenn das Land könnte, würde es wahrscheinlich alles wegkürzen. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht mehr verdienen. Finanzierung ist auch immer so ein großes Argument, wenn es um Tarifierung geht. Grundsätzlich bedeutet ein Tarifvertrag aber nicht, dass alles mehr Geld kostet. Das bedeutet in erster Linie, dass die studentischen Beschäftigten das Recht, das sie haben, auch einklagen können. Außerdem ist das Land, wenn es einen Tarifvertrag gibt, auch in einer größeren Verantwortung, diesen zu finanzieren.

Die nächste Tarifrunde steht an. Welche Aktionen sind dafür geplant?

Ende Februar geht die Tarifrunde los und zieht sich dann über den kompletten März. Die dritte Verhandlungsrunde ist dann Ende März. Wir sind dabei, in einem großen studentischen Bündnis mit verschiedenen Hochschulgruppen Aktionen zu planen und zu schauen, was wir machen können. Unser Ziel ist es, alle studentischen Hilfskräfte einzubeziehen, um zu sagen: „Das sind unsere Forderungen, wir sagen, was wir wollen und wir kämpfen auch dafür.“

Wie sehen dann die Chancen aus?

Wenn alle studentischen Hilfskräfte für ihr Recht kämpfen, dann gibt es gute Chancen, dass sie auch Recht bekommen. Auch wenn sich zuletzt im Tarifvertag der Länder die Arbeitgeberseite bis zum Schluss geweigert hat, ist für Hessen noch nichts entschieden.

Die Universität setzt tariflose Beschäftigte in die Universitätsbibliothek und ins HRZ, weil sie billiger sind und weniger Rechte haben.

Hast du sonst noch Anmerkungen?

Es gibt einen Paragraphen im Hessischen Hochschulgesetz (§82 HessHG), der definiert, was studentische Hilfskräfte sind und was sie überhaupt machen. Das ist unsere rechtliche Grundlage. In diesem Paragraphen steht, dass wir studiennahe Dienstleistungen erbringen, wir in Forschung und Lehre unterstützen und dass unsere Tätigkeiten der eigenen wissenschaftlichen Weiterqualifizierung dienen. Jetzt fragen wir uns aber, wenn studentische Beschäftigte am Tresen in der Universitätsbibliothek sitzen oder im HRZ arbeiten, wie sie sich da wissenschaftlich weiterqualifizieren können.

Tatsächlich sind die Tätigkeiten, die im HRZ und in der Universitätsbibliothek von studentischen Beschäftigten ausgeführt werden, Tätigkeiten, die bereits in einem Tarifvertrag geregelt sind. Es gibt im Tarifvertrag des Landes Hessen Eingruppierungen, die dies umfassen. Dennoch werden in den Bereichen nur studentische Hilfskräfte ohne Tarifvertrag eingesetzt. Das bedeutet, dass studentische Beschäftigte nicht nur die größte Tariflücke sind, sondern dass es bereits solche gibt, die eigentlich ein Recht auf einen Tarifvertrag haben. Die Universität setzt dort aber tariflose Beschäftigte hin, weil die billiger sind und weniger Rechte haben.

Und warum geht da niemand gegen vor?

Es hat sich vermutlich über die Jahre so ergeben, dass da studentische Hilfskräfte hingesetzt wurden und niemand etwas dagegen gemacht hat. Aktuell gibt es aber Entwicklungen, wodurch die Tarifflucht als Problem gesehen wird. Ich kann mir also vorstellen, dass es unabhängig von TVStud für die Hilfskräfte in der IT und Verwaltung eine tarifgebundene Perspektive geben wird.