Leben

Malerrolle und Skalpell – Erfahrungsbericht einer Famulatur in Tansania

By Julia Luther

May 09, 2026

Fotos: Julia Luther, Collage: Nelli Lindner

Eine Famulatur im Ausland, das macht jetzt fast jede*r. Wahrscheinlich startet die Organisation für ein solches medizinisches Pflichtpraktikum aber bei den wenigsten über WhatsApp. Während andere in der Bürokratie und dem Stress versinken, den ein Praktikum im Ausland mit sich bringt, können Lara und ich einfach unsere Ansprechpartnerin Carina mit jeder noch so kleinen Frage bombardieren. Wir beide hatten uns unabhängig voneinander für eine Famulatur in Tansania im Sommer 2025 über den Verein MAT e.V. beworben.

Der gemeinnützig eingetragene Verein feiert dieses Jahr sein 15-jähriges Jubiläum und zählt mittlerweile über 100 Mitglieder. Er unterstützt seine Partner*innen vor Ort u.a. bei der Errichtung und Ausstattung von Gesundheitszentren und hilft so an immer mehr Orten Tansanias die medizinischen Grundbedürfnisse der Bevölkerung abzudecken. Dabei sind seit 2022 bereits mehrere Marburger Student*innen nach Tansania gereist, wobei von der Planung bis zur Nachbereitung unserer Reise eine ganz individuelle Gestaltung ermöglicht wird. Wir buchen einen Flug nach Daressalam und möchten nach ein paar Tagen in der größten Stadt Ostafrikas eine Woche in Matanana verbringen. Das kleine Dorf in der Mitte des Landes ist der Ursprungsort des Vereins und damit auch der Ort, an dem MAT e.V. schon am meisten geleistet hat. Etwa eine Stunde entfernt, befindet sich die nächstgrößere Stadt Mafinga. Dort wird unser tatsächliches Praktikum im örtlichen Krankenhaus stattfinden.

Unsere Zeit in Tansania beginnt nach unserer Landung in Daressalam jedoch zunächst am weißen Strand des Kipepeo Beach. Während wir in das türkise Wasser springen, können wir uns einfach keinen besseren Start für ein Pflichtpraktikum vorstellen. Doch schon wenige Tage später bekommen wir mehr als die touristisch gut besuchten Orte zu sehen: Um zu unserem nächsten Stopp – dem kleinen Dorf Matanana – zu kommen, fahren wir erst zwölf Stunden Bus und nehmen dann für die letzte Stunde ein Taxi. Während dieser Fahrt entfernen wir uns immer weiter von den typischen Touri-Hotspots und werden selbst immer mehr zur Attraktion.

Ein neuer Anstrich

In der Dämmerung erreichen wir das Anamed House, unser Zuhause für die nächste Woche. Wir werden von unserer Gastgeberin Viktoria mit den Worten begrüßt, die wir während unserer Zeit in Tansania von allen Seiten hören werden: Karibu sana! (Herzlich Willkommen). Viktoria, die von allen auch Mama Vici genannt wird, kümmert sich herzlich um alle Menschen, die das Anamed House betreten. Sie wäscht Wäsche per Hand, kocht über dem Feuer und zeigt uns zwischendurch auch noch das Leben in Matanana. Ihr Sohn Chingo beschreibt sie ganz gut, wenn er sagt: „She never sits still.“

Nach unserer Ankunft an einem Freitagabend wollen wir am nächsten Tag gleich voller Begeisterung mit dem Arbeiten beginnen. Alle Freiwilligen des Vereins MAT e.V. sollen während ihrer Zeit in Tansania ein Projekt durchführen und damit ein bisschen etwas zurückgeben an die Menschen, die einen hier umsorgen und so unfassbar viel beibringen. Wir wollen daher die Außenwände der kleinen Krankenstation (Dispensary) in Matanana streichen. Doch als wir unseren Plan am Samstag erzählen, erhalten wir nur ungläubige Blicke. Wir wollen jetzt loslegen? An einem Samstag? Am Tag des Herrn und des damit einhergehenden ganztägigen Gottesdienstes passiert hier erstmal überhaupt nichts. Die logische Schlussfolgerung: Den gesamten Samstag machen wir ganz respektvoll nichts. Wir lesen, schreiben Tagebuch und fühlen uns an diesem Ort ganz langsam immer wohler.

Am Sonntag fangen wir dann doch an zu Streichen und lernen ganz nebenbei das Leben in der Dispensary kennen. In der Krankenstation kümmern sich Joyce, Susann und Dr. Kelvin um die Patient*innen, während Benediktor an einer Statistik der HIV-Erkrankten arbeitet. Die vorbeikommenden Patient*innen suchen häufig das Gespräch mit uns und bringen uns auch direkt die nächsten Wörter auf Swahili bei. Kazi mzuri – Gute Arbeit.

Neben der ganzen Arbeit des Streichens kommt jedoch auch das Medizinische nicht zu kurz. Am Mittwoch nimmt uns Dr. Kelvin auf seinem Motorrad mit zur Vorsorgeuntersuchung der Kinder im Nachbardorf. Während Lara die Kinder wiegt, die darüber mal mehr mal weniger begeistert sind, versuche ich verzweifelt, die Impfpässe auf Swahili zu verstehen und alles einzutragen.

Zwischen Neugeborenen und Operationen

Nach einer Woche beschaulichem Dorfleben ziehen wir für unsere eigentliche Famulatur in die nächstgrößere Stadt um. Mafinga ist eine Kleinstadt mit 99 000 Einwohner*innen, die mit dem Mafinga District Hospital die komplette Umgebung medizinisch versorgt. In der mit deutschen Standards verglichen recht kleinen Klinik sind wir die einzigen ausländischen Praktikant*innen und werden dementsprechend bestens umsorgt. Wir dürfen in einem Zimmer für Privatpatient*innen wohnen und müssen dies nur kurz wechseln, als die Präsidentin des Landes Samia Suluhu Hassan für ein Wochenende in dieses scheinbar beste Zimmer der Stadt zieht. Durch unsere Unterkunft direkt im Krankenhaus genießen wir nicht nur die Vorzüge eines eigenen Bads, sondern haben wohl auch den kürzesten Arbeitsweg der Welt.

Für unser Praktikum rotieren wir durch die Stationen des Hauses. Wir sind in der Notaufnahme, Innere, Pädiatrie, Gynäkologie, Geburtshilfe und dazwischen auch zwei Tage pro Woche im OP. Dort sehen wir vor allem Kaiserschnitte, die hier die häufigste Operation sind. Jeder Arzt und jede Ärztin lernt sie daher in der medizinischen Ausbildung auch als Allererstes. Wenigstens einen Kaiserschnitt wollen wir doch auch mal alleine durchführen, oder? Weil das deutsche Medizinstudium jedoch deutlich weniger praktische Tätigkeiten lehrt, fühlen wir uns dem nicht gewachsen und lehnen dankend ab. Wir assistieren aber gerne, besonders weil wir dabei hin und wieder ein Neugeborenes halten dürfen. Der operierende Arzt Dr. James bringt uns alles mit einer für die Menschen hier typischen engelsgleichen Geduld bei. Wir besprechen allerdings nicht nur Indikationen für einen Kaiserschnitt oder verschiedenen Nahttechniken sondern auch die besten deutschen Fußballvereine.

Neben spannenden Fällen von Lepra oder Tuberkulose sehen wir aber während unserem Praktikum besonders das, was fehlt. Wie geht man damit um, wenn das einzige Röntgengerät für ein paar Tage ausfällt? Was macht man bei einem Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt, wenn beides ohne MRT oder CT nicht richtig diagnostiziert und behandelt werden kann? Oder wenn es eben keine Prothese gibt, um einen Oberschenkelhalsbruch zu versorgen? Oft werden diese Patient*innen dann in das zwei Stunden entfernte größere Krankenhaus überwiesen in der Hoffnung, dass sie die Behandlung dort bezahlen können.

Doch so schrecklich dieser Mangel auch ist, so hatten wir doch auch irgendwie damit gerechnet. Vergleichsweise unvorbereitet war ich auf Gespräche, die wir mit Ärzt*innen über Patient*innenautonomie oder Empathie geführt haben. Mein Mitgefühl zu einer Mutter, die ihr Kind im neunten Schwangerschaftsmonat verloren hat beispielsweise, wird von den Ärzt*innen vor Ort allerdings mit Verwunderung aufgenommen. Auch eine Aufklärung vor einer Röntgenuntersuchung oder Schmerzmittel bei einer Spontangeburt sind diesem Krankenhaus eher nicht üblich.

Wenn man die vielen Patientengeschichten hier hört, ist diese Schutzreaktion von den Ärzt*innen sehr nachvollziehbar. Dennoch zeigen einzelne Ärzt*innen das es auch einen Zwischenweg gibt. Das beste Beispiel dafür: Dr. Angel in der Notaufnahme. Niemand auf der Welt hat den Namen Engel mehr verdient als diese Assistenzärztin. Zwischen Desinfektionsmittel in einer Flasche für Glasreiniger und kläffenden Wunden, die mit Gipswasser ausgewaschen werden, steht Dr. Angel mit dem breitesten Grinsen und erklärt uns: „You can´t learn, if you don´t ask.“Neben uns ist sie auch noch für vier weitere tansanische Medizinstudent*innen im zweiten Jahr ihres Studiums zuständig. Obwohl die vier damit deutlich weniger studiert haben als wir im vierten und fünften Jahr, übertrumpfen sie uns mit ihrer praktischen Erfahrung auf allen Ebenen. In Tansania ähnelt das Medizinstudium dem deutschen im groben Aufbau sehr, aber die Studierenden dürfen schon deutlich früher aktiv in den Krankenhäusern mithelfen.

Auch wir konnten aus unserer Zeit im Mafinga District Hospital einiges mitnehmen und gehen nach dieser lehrreichen und prägenden Erfahrung dann doch noch einmal zurück zu den Touristenhotspots. Während unserer Rundreise durch das Land sehen wir die pflanzliche und tierische Vielfalt Tansanias auf Safari, erklimmen den Kilimandscharo und sonnen uns an den Stränden Sansibars.

Was bleibt?

Eine authentischere Erfahrung als die, die wir in Tansania erlebt haben, ist vermutlich gar nicht möglich. Neben grundlegenden medizinischen Fakten nehmen wir aus unserer Zeit dort daher vor allem unseren Perspektivwechsel mit. Von Problemen hören wir viel, doch macht es einen enormen Unterschied, diese mit eigenen Augen zu sehen. Die medizinischen Versorgungslücken gehen uns vermutlich nie wieder aus dem Kopf. Und so bleibt uns gar keine andere Wahl, als die Versprechen einzuhalten, die wir den Menschen vor Ort gemacht haben: Aus Deutschland so viel wie möglich zu helfen und hoffentlich auch irgendwann zurück nach Tansania zu kommen.

Wenn ihr den Verein unterstützen wollt, könnt ihr euch gerne hier informieren, und falls ihr jetzt auch Interesse an einem Praktikum über MAT e.V. habt, schreibt gerne carina.schimmel@matanana.org.

(Lektoriert von lb und jub.)