In unserer Reihe Marburg auf Standby berichten Marburger Studis von ihren Auslandsaufenthalten. Diesmal Niklas, der sein Auslandssemester in Tromsø verbracht hat. Wie es ist, nördlich des Polarkreises zu studieren, wieso sich die Erasmus-Erfahrung auch abseits der großen Party-Szene lohnt und vieles mehr, lest ihr hier.
Raus von Zuhaus‘
Fjorde, Polarlichter, Mitternachtssonne, Elche und Rentiere: Nördlich des Polarkreises gibt es einiges zu erleben. Warum also nicht gleich ein Auslandssemester daraus machen? So landete ich in Tromsø, auch bekannt als das „Paris des Nordens“. Und das, obwohl ich vor der Reise kein Wort Norwegisch konnte und insgesamt kaum Auslandserfahrung hatte. Spoiler: Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.
Nach dem Endgegner Erasmus-Bürokratie geht es bereits im August nach Norwegen, denn dort beginnt das Semester deutlich früher als in Deutschland. Während in Marburg noch 35 Grad herrschen, empfängt mich Tromsø mit vergleichsweise angenehmen 25 Grad. Später erfahre ich, dass das eher Ausnahme als Regel ist: Ich erlebe die stärkste Hitzewelle seit den 90ern. Trotzdem liegt auf 400 Metern Höhe noch Schnee. Perfekt, um sich bei Wanderungen abzukühlen.
Auf den Einführungsveranstaltungen fällt schnell auf: Viele Deutsche. Sehr viele. Bei Wanderungen, Workshops und Uni-Events sind sie fast immer vertreten. Kein Wunder, denn mit 69 Studierenden stellen Deutsche die größte Gruppe der insgesamt 527 Austauschstudierenden. Auch in der Stadt hört man ständig Deutsch, vor allem von Tourist*innen. Das führt mehr als einmal dazu, dass man minutenlang in einer rein deutschen Gruppe Englisch spricht, bis es irgendwann allen auffällt.
Den norske levemåten
In Dänemark und Norwegen gibt es das Adjektiv „Hygge“, was man im Deutschen wohl am besten mit „gemütlich“ übersetzen kann. Es beschreibt aber vielmehr ein ganzes Lebensgefühl, etwa mit Kuschelsocken und heißer Schokolade vorm Kamin zu sitzen und zu genießen. Mein Erasmussemester ist stark von diesem typisch skandinavischen Lebensgefühl geprägt: Die Uni organisiert viele soziale Events. Dozent*innen werden beim Vornamen genannt. Das Studium rückt schnell in den Hintergrund auf all den Wanderungen und vielen Trips, etwa ans Nordkapp, nach Sommarøy oder auf die Lofoten. Abends wird gespielt, gemalt oder gemeinsam gekocht, organisiert vom Erasmus Student Network. Oder man wechselt einfach zwischen Sauna und eiskaltem Fjordwasser.
Dinge, die du über dein Erasmus in Tromsø wissen solltest:
- Da das Semester schon im August startet, solltest du deine letzten Klausuren oder Vorhaben in Deutschland frühzeitig planen.
- Wenn du auf einen Flug verzichten möchtest, ist die Anreise auch mit Nachtzug und Reisebus möglich. Die Winterlandschaften auf der Rückfahrt sind es wert.
- Tromsø ist nicht unbedingt ein Party-Ort, unter anderem, weil Alkohol extrem teuer ist. Es gibt aber viele kleinere Uni-Events, WG-Abende und Outdoor-Aktivitäten sowie auch größere Ausflüge, sodass es trotzdem nie langweilig wird.
- Layering mit diversen Kleidungsschichten wird dein bester Freund bei Wanderungen werden. Funktionalität über Ästhetik.
- Plane extra Geld für Trips ein, zum Beispiel für einen Abstecher nach Svalbard (Spitzbergen).
- Norwegen ist generell teuer. Die Erasmusförderung reicht meist nur für die Miete.
- Es gibt viele Deutsche, aber auch Studierende aus aller Welt. Ob du in einer Bubble landest, liegt ganz bei dir.
- Norwegisch ist kein Muss, denn jeder spricht fließend Englisch. Dennoch würde ich dir empfehlen, dich (frühzeitig) zum Sprachkurs der Uni anzumelden. Es war sehr unterhaltsam, die Gemeinsamkeiten in den Sprachen zusammen mit niederländischen Studierenden zu suchen.
- Bewirb dich frühzeitig für Wohnheimplätze bei Samskipnaden. Bestenfalls noch bevor du den Erasmusplatz sicher hast.
- Auf einer Wanderung wird dich sehr wahrscheinlich jemand joggend überholen, mit nichts außer einer Wasserflasche bewaffnet. Lass dich hiervon nicht verunsichern. Norwegians are just built differently!
- Das Semester endet vor Weihnachten. Feiertage ohne sich anbahnenden Prüfungsstress? Absoluter Luxus!
Ein Wanderrucksack voller Erinnerungen
Zugegeben, inhaltlich nehme ich aus den Vorlesungen weniger Tiefe mit als in Marburg. Dafür bleibt aber viel mehr als ein paar Credit-Points: Atemberaubende Landschaften, Gespräche in Saunen und Erinnerungen an den ersten Schnee im Oktober. In diesem Winter war ein Blick aus dem Fenster keine grau-nasse Enttäuschung, sondern löste angesichts der Schneeberge wahre Serotoninstöße aus. Und manchmal, ja manchmal, zeigten sich sogar Polarlichter über der Stadt. Ein Wunderland zum Verlieben.
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