Politik

Muss Europa zur Festung werden?

By Sebastian Laubenstein

August 11, 2026

Bild: Nelli Lindner

Berlin 2029. Krisensitzung im Kanzleramt: Russland und Belarus mobilisieren Truppen an der Grenze zum Baltikum in nie dagewesenem Ausmaß. Kommt es zum Angriff auf die NATO-Ostflanke? Diese Szene, betont die Autorin, ist zwar nicht repräsentativ für den Stil ihres neuen Buchs, aber bietet trotzdem einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, wenn man den Sicherheitsproblemen Europas weiterhin den Rücken kehrt. Die Autorin ist Dr. Jana Puglierin und in der Lesung ihres Sachbuchs Wer verteidigt Europa im Seminargebäude der Universität am Pilgrimstein setzt sie sich mit der Frage nach der außenpolitischen Sicherheit Europas auseinander.

Hartes Klima in Europa

Der Raum ist voller Menschen aller Altersklassen, dafür aber umso weniger klimatisiert. Eine gemütliche Atmosphäre kommt im Seminargebäude jedenfalls nicht zustande. Und auch das vorgestellte Buch ist nicht unbedingt eine wohlige Einschlaflektüre. Denn es geht vor allem um eines: Krieg, und wie er zu verhindern sei. Denn angesichts russischer Expansion und chinesischen Großmachtstrebens werde der in Europa immer wahrscheinlicher.

Die Moderation übernimmt Thorsten Bonacker, doch von der obligatorischen Autorinnenvorstellung am Anfang abgesehen, hält er sich sehr zurück. Die ist dafür aber spannend, denn es wird klar: Unbefangen ist Jana Puglierin nicht. Sie nimmt eine zentrale Position in einem Beratungsgremium der Bundesregierung für Sicherheitspolitik ein und wurde überdies mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold ausgezeichnet.

„Glücklich ist, wer in Zeiten des Friedens an Krieg denkt“

Sie kritisiert vor allem die nationale Organisation der Rüstungsindustrie. Frankreich, Großbritannien und Deutschland bauen alle ihre eigenen Panzer, Gewehre etc. Das schaffe Probleme bei der Austauschbarkeit von Munition und Ersatzteilen. Statt nationaler Alleingänge plädiert sie für mehr Zusammenarbeit – im besten Fall eine europäische Armee. Zu politischen Debatten, wie der um die Wehrpflicht oder der umfangreichen Schuldenaufnahme im Rahmen des sogenannten Sondervermögens, bleibt sie jedoch auffällig still.

Und: Die Bevölkerung müsse sich umstellen. Weißt du, wo du im Ernstfall Schutz suchen kannst? Was musst du tun, wenn Internet, Strom und Wasser ausfallen? Hast du ausreichend Nahrung und Wasser zu Hause? Denn Prepping wirkt nutzlos, bis es plötzlich nötig ist – und dann ist es ganz schnell zu spät.

Die gegenwärtige Gesamtlage fasst sie in einem Satz zusammen: „Trump, Xi und Putin vereint die Verachtung gegen Europa und die EU“. Europa müsse deshalb geeint sein, nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen China und die USA.

Sag mir, wo die Gelder sind

Ihre Einschätzung der Sicherheitslage ist sicherlich angemessen und die Handlungsempfehlungen gescheit. Der Großteil des Vortrags besteht allerdings auch aus militärischen Einzelheiten zu Truppenausstattung und Organisationsstrukturen, die die meisten Leute wohl kaum interessieren dürften. Doch obwohl sich Jana Puglierin auf der sicherheitspolitischen Ebene auskennt, bleibt die alltagspolitische Ebene außen vor. Sicherheit ist schön und gut, am Ende aber auch nicht alles.

Denn ob beim massiven Erhöhen der Verteidigungsausgaben oder dem Einziehen junger Männer zum Wehrdienst noch genug vom sozialen Rechtsstaat, den es zu verteidigen gilt, übrig bleibt, wird nicht thematisiert. Der Vortrag geht damit an der gegenwärtigen politischen Debatte gekonnt vorbei. Denn der demokratische Rechtsstaat in Deutschland brennt auch ohne Krieg schon: In Krankenhäusern, Altenheimen und Schulen.

(Lektoriert von phm und mas.)