Film

Sneak #307: Der perfekte Guru?

By Marit Thore

July 04, 2026

Bild: Nelli Lindner

„Das, was du willst, ist das, was du bist.“ Dieser an das Publikum seiner Show und an die Kinozuschauer*innen gerichtete Satz führt direkt in den Ton des Films Guru ein. Im Mittelpunkt steht der erfolgreiche und gefeierte Life-Coach Matt, dessen von Motivationssprüchen geleitetes Leben immer mehr außer Kontrolle gerät.

Hinter der perfekten Show

Der Life-Coach Matt Vasseur (Pierre Niney) begeistert mit seinen perfekt inszenierten Seminaren und erfolgreichen Motivationsvideos Tausende Menschen. Untermalt mit einfachen Botschaften und griffigen Sprüchen im Stil von „just fucking do it“ verspricht er den Teilnehmer*innen ein besseres Leben und mehr Selbstvertrauen. Nach einer kurzen Einführung in seine geschäftliche und private Lebenswelt, in der er zunächst als nahezu perfekter Selbstoptimierer erscheint, zeigt der Film schnell die Schattenseiten seines Geschäftsmodells. Zu einem seiner überzeugtesten Anhänger*innen gehört Julien (Anthony Bajon), der sich während einer Veranstaltung von Matt dazu bewegen lässt, vor dem gesamten Publikum über den sexuellen Missbrauch in seiner Kindheit zu sprechen.

Während Matt auch mithilfe eines auf Intuition statt Fachwissen setzenden Ansatzes immer mehr Kund*innen gewinnt, gerät er zunehmend unter Druck. Eine französische Kommission plant strengere Regeln für die Coaching-Branche und möchte künftig nur noch Fachkräfte mit therapeutischer Ausbildung zulassen. Während die Verabschiedung dieses Gesetzes immer wahrscheinlicher wird, verschlechtert sich gleichzeitig auch Matts Beziehung zu seiner Freundin und Geschäftspartnerin Adèle (Mystery Joy), Julien entpuppt sich als zunehmend besessen von ihm und sein Bruder Étienne (Laurent Lafitte) bezeichnet seine Coaching-Methoden als unseriös.

Als Reaktion darauf steigert sich Matt zunehmend in einen Wahn hinein und erfindet schließlich eine Missbrauchsgeschichte aus seiner Kindheit, um sich selbst als Opfer zu inszenieren und die öffentliche Wahrnehmung seiner Person zu beeinflussen. Je weiter sich die Ereignisse zuspitzen, desto stärker werden seine Verfolgungsängste und desto mehr sieht er überall Feinde. Besonders als er von einer Person aus seinem Umfeld zunehmend unter Druck gesetzt wird, versucht er immer verzweifelter, sein öffentliches Image zu wahren.

Alles nur eine beeindruckende Inszenierung

Schon der wirkungsvolle Einstieg, bei dem die Zuschauer*innen in die Rolle des Publikums versetzt werden, ist visuell beeindruckend gestaltet. Als später Matts große Auftritte vor Publikum immer wieder aufgegriffen werden, wird ein überzeugender Kontrast gezeichnet. Zu seinen perfekt geplanten Shows recherchiert ein ganzes Team im Vorfeld die persönlichen Schicksale und Traumata ausgewählter Zuschauer*innen, die Matt später gezielt anspricht. Was am Anfang des Films noch spontan wirkt, ist in Wahrheit bis ins Detail geplant. Dieser langsame Wandel in der Darstellung gelingt sowohl visuell als auch erzählerisch nahezu perfekt. Auch die teilweise verzweifelten Kund*innen, die sich hoch verschulden, um in den Seminaren Gemeinschaft zu erfahren und sich in den Einzelsessions mit Matt gesehen zu fühlen, wirken sehr authentisch und verdeutlichen die problematischen Seiten der Coaching-Branche.

Ein eindrucksvoller Hauptdarsteller

Besonders die privaten Szenen von Matt, in denen er zunehmend verzweifelter und paranoider wird, werden fantastisch inszeniert. Die hektisch wirkende Filmmusik und die von ihm in Dauerschleife angesehenen Motivationsvideos mit ihren spätestens nach der fünften Wiederholung belanglos klingenden Sprüchen verdeutlichen seine Gedankenwelt auf eindrucksvolle Weise. Dass man mit dieser vollkommen in der Selbstoptimierungswelt lebenden Hauptfigur mitfühlen kann, liegt auch an der sehr überzeugenden Schauspielleistung von Pierre Niney. Er schafft es, den nicht wirklich sympathischen Matt als greifbare Person mit teilweise nachvollziehbaren menschlichen Antrieben darzustellen. Niney nutzt den ihm gegebenen Raum sehr überzeugend, während andere Figuren etwas blass bleiben, weil sie erzählerisch weniger ausgearbeitet sind. Besonders Matts Freundin Adèle, deren Streits mit ihm einen großen Einfluss auf seine Entwicklung haben, wird kaum näher beleuchtet. Ein tieferer Einblick in ihre Perspektive auf die zunehmenden Spannungen in ihrer Beziehung hätte die Figur weniger eindimensional gemacht und dem Film noch etwas mehr Tiefe verliehen.

Spannend bis zur letzten Minute

Gegen Ende driftet die Handlung von Guru zunehmend in eine deutlich stärkere thrillerartige Richtung ab, in der die Eskalation stark durch dramatische äußere Ereignisse angetrieben wird. Dieser leichte Tonwechsel wirkt in Teilen überraschend und beinahe abrupt, fügt sich aber insgesamt durchaus in die Eskalation seiner inneren Welt ein. Gerade die Unvorhersehbarkeit der Handlung sorgt dafür, dass der Film bis zum Schluss äußerst spannend bleibt und durch sein ambivalentes Ende zusätzlich an Wirkung gewinnt.

Die Sneak-Zuschauer*innen zeigten sich gespalten: 53 Prozent bewerteten den Film positiv, während 47 Prozent ein negatives Urteil abgaben. Guru läuft ab dem 18. Juni 2026 in den deutschen Kinos.

(Lektoriert von sel und nag.)