Bild: Laura Schiller
Ein kleiner Junge im elisabethanischen England kniet am Bett seiner Zwillingsschwester. Ihre Stirn ist heiß, sie schwitzt und will einfach nicht richtig aufwachen. Der schwarze Tod ist sie holen gekommen. Der Vater des Jungen ist kilometerweit entfernt, in London, seine Mutter am anderen Ende der Stadt. Beide wissen nicht, dass eines ihrer Kinder die Nacht nicht überleben wird. So beginnt der Roman Hamnet von Maggie O’Farell, welcher jetzt seinen Weg auf die große Leinwand gefunden hat.
Eine Sneak, die keine ist
Der beinahe randvolle Kinosaal ist wohl dem sehr eindeutigen Sneak-Tipp zu schulden: Ein Schädel und eine Schreibfeder weisen deutlich auf genau den Film hin, der Anfang des Jahres bereits zwei Golden Globes gewonnen hat: Hamnet.
Vor Beginn der ersten Szene wird ein Satz eingeblendet, der für die restlichen zwei Stunden von großer Relevanz sein wird: Die Namen Hamlet und Hamnet waren im alten England beliebig austauschbar.
Hamnet startet anders, als man es von zeitgenössischen Hollywood-Filmen gewöhnt ist. Statt epischer Musik und spannenden Kamerafahrten sehen wir statische Aufnahmen von Bäumen, die ihre grünen Blätter im Wind rauschen lassen. Ein Falke kreist durchs Bild und landet schließlich auf dem Arm einer jungen Frau im roten Kleid.
Wenig Handlung, viel Gefühl
Obwohl sie im Folgenden von großer Wichtigkeit sein wird, erfährt man zunächst nichts über die Frau in rot, nur ihr Name wird enthüllt: Agnes, verkörpert von der brillanten Jessie Buckley. Generell sind die Einführungen der Figuren in Hamnet eher knapp gehalten. Auch über den wohl wichtigsten Mann des Films, der in der nächsten Szene gezeigt wird, gibt es erst einmal keine Informationen. Doch allein sein Aussehen reicht wohl, um klarzumachen, um wen es sich handelt: Paul Mescal als William Shakespeare, dessen Name während des gesamten Films nur ein einziges Mal genannt werden wird.
In einer Mischung aus rauschenden Naturaufnahmen, kurzen Einblicken in die verschiedenen Familien der Hauptfiguren und intimen, geladenen Momenten zwischen Agnes und William wirkt die Handlung von Hamnet etwas zu kurz gehalten. Stattdessen gewährt der Film tiefgreifende Einblicke in die Gefühle, Ängste und Frustrationen seiner Figuren. Auf der einen Seite eine Schwäche, auf der anderen eine Berührung, die bis ins Herz reicht.
Zwei Brüder, die begeistern
Paul Mescal gelingt der Wechsel vom stürmischen, leicht unbeholfenen Lateinlehrer zum frustrierten Schriftsteller fließend. Seine Zerrissenheit zwischen dem Künstlerleben in London und seiner Familie in Stratford nimmt man ihm nur in wenigen Szenen nicht sofort ab.
Auch Jessie Buckley überzeugt in ihrer Rolle als willensstarke Kräuterfrau und liebende Mutter mit so ungefilterten und verletzlichen Emotionen, wie man sie wohl selten auf der großen Leinwand sieht.
Doch die absoluten Highlights der Tragödie sind unangefochten die Brüder Jacobi und Noah Jupe. In seiner Besetzung als titelgebender Hamnet, der 11-jährige Sohn von Agnes und William, beweist der junge Jacobi unglaubliches Schauspieltalent. Er überzeugt mit ansteckender Lebensfreude, Witz und kindlichem Charme. Zu Tränen rührt der kleine Schauspieler schließlich durch seine Angst und den Versuch, trotzdem stark zu sein. Für seinen Vater, für seine Mutter und zuletzt für seine Zwillingsschwester Judith.
Vergiftete Kelche und vertauschte Geschwister
Nachdem klar ist, dass Judith die Nacht nicht überleben wird, nimmt der kleine Hamnet all seinen Mut zusammen: Aus unerschütterlicher Liebe zu seiner Schwester beschließt er, mit ihr die Plätze zu tauschen, um den Tod auszutricksen. Das Tauschmotiv ist aus Hamlet bereits bekannt – dort sind es vergiftete Kelche und Degen, die mit fatalen Folgen ihre Plätze wechseln.
Dem Tod seines einzigen Sohnes folgend beginnt William ein Jahr später, seine erste Tragödie zu schreiben: Hamlet. Als Agnes von dem Stück erfährt, dessen Existenz ihr Ehemann bisher verschwiegen hat, reist sie nach London, um es sich mit eigenen Augen anzusehen.
Auf der hölzernen Bühne ist es schließlich der 20-jährige Noah Jupe, der in der Rolle von Prinz Hamlet das letzte große Highlight des Films liefert. Besonders imposant ist seine Schauspielleistung auch, da er Shakespeares Hamlet im Original aufführt. Ohne Vorwissen erschließt sich das alte Englisch nur schwer, trotzdem muss man einfach gebannt an Jupes Lippen hängen. Zuerst im Dialog mit seinem verstorbenen, als Geist zurückgekehrten Vater, zuletzt, als er seinen finalen Monolog hält. Die Angst vorm Sterben, die Bitte, seine Geschichte weiterzutragen und die schlussendliche Akzeptanz von Stille, von ewiger Ruhe im Tod.
Schall und Rauch
Während des gesamten Films ist es besonders die bildgewaltige Kinematografie, die immer wieder Eindruck macht. Rein visuell überzeugt Hamnet mit seiner Ästhetik voller Waldaufnahmen, Kerzenlicht und kühlen Farben, untermalt mit einfühlsamer, berührender Musik des deutschen Komponisten Max Richter. Ein Werk, das allein beim Anschauen schon Freude bereitet.
Doch hat man das Buch von Maggie O’Farell oder Hamlet von Shakespeare selbst vorher nicht gelesen, wirft Hamnet immer wieder Fragen auf, die nicht beantwortet werden. Dies fällt besonders in der letzten Szene auf, in der Hamlet seinen finalen Monolog hält.So schafft der Film es zwar, seine großen Emotionen an den richtigen Stellen rüberzubringen, diese sind aufgrund des fehlenden Kontextes aber oft nicht richtig zu greifen. Dafür sind einfach zu viele Lücken in der Handlung, die nicht erklärt werden.
Der Rest ist Schweigen
Mit Hamnet hat die Regisseurin Chloé Zhao ein wunderschönes Werk geschaffen. Die absoluten Meisterleistungen fast aller Schauspieler*innen machen allerdings deutlich, dass Hamnet allen voran von seinen Figuren lebt. Gleichzeitig hinterlassen die Fragen, mit denen man den Kinosaal verlässt, nicht nur Unzufriedenheit. Viel eher laden sie ein, sich tiefer mit dem Film zu beschäftigen, das Buch zu lesen und vielleicht sogar einen Blick in Hamlet selbst zu werfen.
Mit überwältigenden 92 Prozent positiven Bewertungen zeigen auch die anderen Kinogänger*innen, dass seine Makel dem Film nicht viel abtun können.
So fällt es, besonders mit etwas Wissen über die Vorgänger des Werkes, leicht, sich in Hamnet fallen zu lassen. In eine Geschichte über Familie und Liebe, über Kunst, Verlust und Trauer. Allen voran aber über einen kleinen Jungen, dessen Name Jahrhunderte überdauert.