Film

Sneak-Review #290: Mord für die Karriere

By Niklas Günther

April 07, 2026

Dienstagabend ist Sneak-Abend. Diese Woche wurde erneut ein Film gezeigt, der bei den Oscars für die Kategorie „Bester internationaler Film“ eingereicht wurde. Unser Redakteur Niklas war im Kino und verrät, ob sich dieser kompromisslose Trip lohnt.

Mit No Other Choice legt Park Chan-wook eine schwarze Satire über eine kapitalistische Gesellschaft vor, in der sich Menschen ausschließlich über ihren materiellen Besitz definieren. Wie viel bleibt vom eigenen Selbstwert, wenn man seine finanziellen Mittel verliert? Wie weit treibt einen die Angst vor sozialen Abstieg?

Der Grat zwischen sozialem Auf- und Abstieg

Im Zentrum steht Man-soo (Lee Byung-hun), der scheinbar alles richtig gemacht hat: eine vierköpfige Familie, ein großes Haus, welches noch abzubezahlen ist, sowie eine 25-jährige berufliche Karriere mit Auszeichnungen. Doch im Zuge großflächiger Entlassungen verliert er seinen geliebten Job in der Papierindustrie und sieht sich mit einem übersättigten Arbeitsmarkt konfrontiert.

Die Angst, dass sein früheres Leben ihm vollständig entgleitet, treibt ihn zu einem verzweifelten Gedanken: Kann man die eigene Chance auf einen Arbeitsplatz erhöhen, indem man die Mitbewerber*innen ausschaltet?

Zynisch, bitter und finster

Park inszeniert diese Abwärtsspirale sozialen und moralischen Zerfalls mit kühler Präzision. Wie im koreanischen Kino üblich werden Thriller-Elemente mit schwarzem Humor gepaart, etwa, wenn für einen Mord ein Blumentopf in der richtigen Größe gesucht wird. Dabei lernt Man-soo seine Mitbewerber*innen kennen und muss realisieren, dass sie ihm in der Leidenschaft zur Industrie nahestehen. Einerseits kämpft er damit, einen ihm gleichenden Menschen umzubringen, andererseits fürchtet er, wie seine Opfer, bald von Alkoholsucht, Seitensprüngen der Frau und dem Verlust des hart erarbeiteten Eigentums heimgesucht zu werden.

Gerade aus westlicher Perspektive ist der Einblick in sozialen Erwartungen, den ökonomischen Druck und die familiären Rollenbilder Südkoreas eine neue Erfahrung. Sie bilden ein engmaschiges Netz, welches die Arbeitenden gefangen hält. Besonders eindrücklich ist, wie der Film mit dem Titel spielt. Obwohl Man-soo kein Psychopath ist, klingt No Other Choice wie eine Rechtfertigung und entlarvt sich zugleich als Selbstbetrug. Park fragt hierbei nicht, ob seine Figuren anders hätten handeln können, sondern warum sie es nicht getan haben.

Wenn du nicht lachst, musst du weinen

Die gewichtige Ästhetik aus kreativen Kameraeinstellungen bildet zusammen mit dem bitteren Humor ein sehenswertes Stück Gesellschaftskritik und eine würdige südkoreanische Einreichung für die Oscars, auch wenn der Film es nicht unter die Nominierten geschafft hat. No Other Choice zeigt eine Gesellschaft, in der Entscheidungen zwar individuell getroffen werden, ihre Ursachen jedoch strukturell sind. Für Fans des etwas speziellen morbiden koreanischen Kinos wie dem Oscar-prämierten Parasite (2019) findet sich hier ein weiterer interessanter Eintrag, auch wenn Parks Werk dem Vergleich nicht standhalten kann. Die größte Schwäche ist die Laufzeit von kräftigen 139 Minuten, die einige wenige im Publikum zu einem frühzeitigen Verlassen der Vorstellung verleitet hat. Die verbliebenen Besucher*innen haben ihm eine strenge Bewertung von 55 Prozent positiven und 45 Prozent negativen Stimmen verliehen.

Die südkoreanische Produktion startete am 5. Februar in den deutschen Kinos.