Film

Sneak-Review #296: Ein Spaß für die ganze Familie!

By Sebastian Laubenstein

May 09, 2026

Bild: Emma Osmanovic

Triggerwarnung: Dieser Artikel beinhaltet sexuell explizite Darstellungen.

Der neueste Film von Karim Aïnouz heißt Rosebush Pruning und zeigt das verstörendste Familiendrama, das ich seit einiger Zeit gesehen habe. Geschwisterliebe wird hier großgeschrieben. Oder ist es vielleicht doch noch mehr als nur das?

„Menschen sind Rosen. Familien sind Rosensträucher. Rosensträucher muss man stutzen.“ Und gestutzt wird hier reichlich.

Mein schönes Katalonien …

Die Familiengeschichte beginnt vergleichsweise harmlos. Ed (Callum Turner), Protagonist und Ich-Erzähler des Films, erzählt aus seinem Familienleben. Er, seine zwei Brüder und seine Schwester wohnen mit ihrem reichen, erblindeten Vater in einer katalanischen Villa. Die Mutter wurde zwei Jahre zuvor von Wölfen gefressen. Ganz normale Sache also. Die Brüder verbindet neben einem großen Modebewusstsein die Fürsorge für den Vater und ihre mal leichter und mal stärker ausgeprägte Homosexualität.

Bis dahin wirken die Szenen wie der Auftakt eines relativ harmlosen Familiendramas, wie es das Kino schon häufiger gesehen hat. Doch erste Abgründe tun sich auf, als man erfährt, dass die Familie regelmäßig zum Unglücksort der Mutter in den Wald fährt und den Wölfen ein Lamm als Opfer darbietet. Aus dem Auto heraus ergötzen sie sich dann an dem brutalen Spektakel. Begleitet wird dies von einem skurrilen Soundtrack, der zwar unkonventionell, aber gerade deswegen auch passend wirkt.

Die Fassade der Unschuld bleibt jedoch noch bestehen, als der älteste Sohn Jack (Jamie Bell) seine Freundin Martha (Elle Fanning) der Familie vorstellt. Zwar gibt es Spannungen zwischen den Familienmitgliedern, hervorgerufen durch die Ablehnung Marthas von der Tochter Anna, doch alles in allem bleibt der Film bis zu diesem Punkt noch erträglich.

Abstieg in die Hölle

Doch was anfangs noch als harmlose, beinahe herzerwärmende Geschwisterliebe portraitiert wird, schlägt schließlich um zu Familienverhältnissen, die selbst die Habsburger erblassen ließen. Denn durch die Offenbarung diverser Fetische der vier Geschwister und deren Auseinandersetzung damit entstehen sexuelle Spannungen. So legt sich Robert beispielsweise aufreizend in sein Bett, bittet seinen Bruder Jack, zu ihm zu kommen und macht sich dann über seinen Blut-Fetisch lustig: „Ich habe meine Tage, Jack. Ist das zu glauben?“ Nein danke!

Gegenseitig schaukeln sie sich immer weiter hoch und als klar wird, dass auch der Vater nicht ganz unschuldig an der perversen Familiensituation ist, kann einen das kaum noch überraschen. Doch niemand, wirklich niemand im Kino will sehen, wie ein Sohn seinem Vater beim abendlichen Zähneputz-Ritual mit sehr viel Zahnpasta noch eben einen runterholt. Der Film zeigt es trotzdem. Leider. Nicht zuletzt wegen solcher Vorfälle nehmen schließlich die Spannungen innerhalb der Familie stark zu und ein offener Konflikt droht auszubrechen.

Macht, dass es aufhört!

Doch obwohl der Film keinen wirklich erkennbaren roten Faden hat, sondern nur eine Aneinanderreihung immer abstoßender werdender Szenen darstellt, findet er zumindest ein würdiges Ende. Das muss man ihm lassen. Das und die wirklich anständige schauspielerische Arbeit, die hier zum Besten kommt.

Aber mal im Ernst: Was zur Hölle war da los? Rosebush Pruning ist der verstörendste Film, den das Kino seit langem erleben durfte. Man muss zugeben, dass er eine gewisse künstlerische Vision verfolgt, auch wenn eine klare Botschaft schwer zu finden ist. Er ist pervers und abstoßend, gleichzeitig dadurch aber auch stimmig. Auch für das Brechen von Tabus ist die Kunstfreiheit gedacht und das ist gut so. Doch ob man sich einzig und allein deswegen einen derart inzestuösen Streifen geben will, muss am Ende jeder mit sich selbst ausmachen. Eine Empfehlung ist jedenfalls guten Gewissens nicht auszusprechen.

Zumindest 64 Prozent der Besucher*innen der Sneak sehen das ähnlich und strafen das satirische Familiendrama mit einer negativen Bewertung ab. Insgesamt 45 Prozent sehen den Film sogar sehr negativ.

(Lektoriert von jru und nag.)