Film

Sneak-Review #302: Der pErFeKte Actionfilm

By Caroline Theile und Jana Kreuzinger

June 06, 2026

Bild: Emma Osmanovic

Eine hitzige Verfolgungsjagd geliefert, etliche Gangster abgeknallt, ein Dutzend verschiedene motorisierte Karren gefahren, der Plan ist mehr oder weniger erfolgreich aufgegangen, dabei kein Zeichen von Schweiß oder emotionaler Regung im Gesicht. Aber man bemerke: Die Prada-Sonnenbrille sitzt!

Am 19. Mai 2026 konnten sich Filmbegeisterte in der Sneak Preview im Cineplex Marburg den neusten Film von Guy Ritchie ansehen. Der Regisseur, im Action-Genre bekannt durch Filme wie Der Pakt oder Fountain of Youth, inszeniert mit seinem neuen Werk In the Grey ironischerweise genau die Art von Film, die der Titel selbst schon widerspiegelt. Ohne viel vorwegzunehmen: Der Film ist weder schwarz noch weiß, sondern eher grau.

Testosteron at its best

Der Film handelt von der Anwältin Rachel Wild, gespielt von Eiza González, die mit ihrer eingespielten Bande aus männlichen Gangstertypen „in the grey“, in der rechtlichen Grauzone, operiert. Die Darstellerin verkörpert die perfekte weibliche Bossfigur und trägt deshalb den perfekt auf ihre Eigenschaften und Vorgehensweise zugeschnittenen Namen. Genauso perfekt besetzt wurden ihre zwei wichtigsten Gangstergehilfen Bronco (Jake Gyllenhaal) und Sid (Henry Cavill), die sie gefügig wie kleine Kampfhunde „Mom“ nennen. Gemeinsam versuchen sie das gestohlene Milliardenvermögen einiger Finanzakteure von einem skrupellosen Despoten zurückzubeschaffen, wobei ein clever ausgefeilter Plan in den Einsatz kommt.

Von Beginn an werden die Zuschauenden ins aggressive Geschehen der Handlung geworfen. Eine lärmende Schießerei, die im Auto zitternde Rachel und extreme Kameraeinstellungen, bei denen man den Eindruck hat, man stehe selbst neben dem Erschossenen, sorgen für das Gefühl, direkt mittendrin zu sein: Der perfekte Einstieg in einen Actionfilm. Die Zuschauenden werden mit roher Gewalt und abrupten Morden abgeholt. Von Beginn an ist die Aufmerksamkeit geweckt und der Spaß kann losgehen.

In der ersten Hälfte des Films wird vor allem der perfekt durchgeplante Coup der Bande erklärt. Immer wieder tauchen hier dieselben Gestalten auf: Korrupte Bankiers, die normschöne weibliche Bossfigur und die allesamt heißen Gangmitglieder des perfekt ausgewählten Hollywood-Casts. Männer, die natürlich fortwährend einen kühlen Kopf bewahren, zu jeder Zeit alles perfekt im Griff haben und sich (kein ironischer Witz!) die „Wolf-Gang“ nennen. Das Testosteron sprießt. Die Rollen wirken insgesamt perfekt auf die Schauspielenden zugeschnitten. Wenn Plan A nicht funktioniert, kommt Plan B zum Einsatz, dann C, dann D, dann E – man versteht …

Laut, brutal, ironisch

Nicht gespart wurde auch beim Einsatz von Maschinen, Maschinen und noch mehr Maschinen, wie es eben das stereotypische Herz eines testo-geladenen Actionfilmlovers begehrt. Darunter vor allem röhrende Motoren und lärmende Waffen. Tatsächlich erwartet uns zum Ende des Films auch ein Hauch an Emotionen, natürlich aber in Grenzen gehalten durch große Mengen an Sarkasmus. Ohne die humoristischen Elemente wären die gewalttätigen Szenen auch kaum anzusehen, besonders dort, wo die rohe Gewalt immer wieder merklich in die Länge gezogen wird. Viel mehr lässt sich zur Handlung nicht sagen, da keine Charakterentwicklung stattfindet, sondern typische Stereotype eingesetzt werden, um die Handlung voranzutreiben. Der Plan der Bande, das Geld zurückzuholen, wirkt so perfekt, dass man als zuschauende Person eigentlich nur darauf wartet, dass endlich etwas schiefgeht. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Der vermeintlich perfekte Plan läuft nicht ganz so perfekt, aber auch nicht völlig schief, womit erneut auf den Titel des Films referiert werden kann.

Für das Publikum funktionierten vor allem die kalkulierten Späßchen, die sarkastischen Sprüche und die kurzen, komischen Schnitte. Sie entschleunigen die ernsten Szenen, die teils sehr rohe Gewalt enthalten und durchbrechen die schnelle Dynamik des Schlachtplans.

Die Mehrheit ist zufrieden

Was bis hierhin wohl schon deutlich geworden ist: Auf uns wirkt der ganze Film im Grunde zu perfekt. Zugegebenermaßen wäre diese Art von Actionfilm eine der letzten, die wir uns anschauen würden, jedoch hat er uns über knapp anderthalb Stunden erstaunlich angenehm unterhalten, exklusive der Gewaltszenen. Der Film ist für einen Actionfilm perfekt, aber trotzdem nicht gut genug, da nicht wirklich Spannung aufgebaut wurde und überraschende Momente eher ausblieben. Mit der überwiegend kritischen Wertung gehören wir zu den lediglich 16% der negativen Sneak-Bewertungen. Ganze 84% der Zuschauenden im Cineplex bewerteten In the Grey positiv.

Verständlich ist die allgemein positive Bewertung für uns aber trotzdem. Gezeigt wurde ein perfekt funktionierender, klassischer Actionfilm mit perfekter Länge, perfekt aussehenden und funktionierenden Charakteren und einer riesigen Kombination an beliebten Action-Elementen. Nicht zu kurz, nicht zu lang. Nicht zu hart, nicht zu emotional. Nicht wirklich gut, aber auch nicht durch und durch schlecht. Eben das perfekte Mittelmaß. In the Grey ist ein klassischer Unterhaltungsfilm, der Zuschauende dazu anregt, den eigenen Kopf auszuschalten und sich durch einen perfekten Spannungsbogen geleiten zu lassen. Dieser wenig originelle Film wird wohl allein schon durch den mehrheitlich weißen, männlichen, normschönen Hollywood-Cast weniger das Mainstream-Kino revolutionieren als vielmehr seinen Zweck der Massenunterhaltung erfüllen und die Kassen der Produktion erfolgreich für den nächsten Guy Ritchie-Actionfilm füllen.

Der Film In the Grey ist am 21. Mai in den deutschen Kinos gestartet.

(Lektoriert von sal und nag).