Film

Sneak-Review #305: Auf dass er tickt wie ein Uhrwerk

By Sebastian Laubenstein

June 16, 2026

Bild: Laura Schiller

Wie kann man einen streitsüchtigen Jugendlichen zum vorbildlichen Musterknaben erziehen? Mit dieser Frage setzt sich der polnische Regisseur Jan Komasa in seinem Film Good Boy auseinander und zeigt, dass nicht alles so eindeutig ist, wie es zunächst scheint. Zwischen perfiden Tricks und grausamer Folter erweckt er hier erfolgreich Figuren zum Leben, die gleichermaßen gestört und spannend agieren. Doch leider muss ich feststellen: So ganz neu ist sein Szenario nicht.

Mit Zuckerbrot und Peitsche

Der Film beginnt mit einer chaotischen Partynacht voller Alkohol, Drogen und Pöbelei. Der 19-jährige Protagonist Tommy (Anson Boon) kostet sein Leben voll aus, bis er plötzlich von einem unbekannten Mann überfallen und entführt wird. Als er wieder zu sich kommt, findet sich Tommy angekettet in einem Keller wieder – von nun an ist dies sein Zuhause. Über dem provisorischen Betongefängnis in der Villa leben Tommys mutmaßlicher Entführer Chris (Stephen Graham) und seine Frau Kathryn (Andra Riseborough) zusammen mit ihrem Sohn Jonathan (Kit Rakusen). Nachdem sie ihn erfolgreich in den Keller bekommen haben, beginnt auch schon die Umerziehung zum Good Boy. Von Zeit zu Zeit schauen sie vorbei, halten Moralpredigten oder lassen ihn sogar mal das Wohnzimmer betreten – stets an der Leine und mit dem Elektroschocker in Reichweite, versteht sich.

Auch von dem Gefangenen im Keller abgesehen scheint die Familie offensichtlich nicht sehr gesund zu sein. Der Sohn vereinsamt und seine Mutter ist anfangs so apathisch, dass man glaubt, sie könne jeden Augenblick tot umfallen. Schnell wird klar, dass Tommy als eine Art krude Familientherapie fungieren soll, um die Verhältnisse zu normalisieren. Doch ob das wirklich klappen kann, hängt ganz davon ab, ob die „Resozialisierung“ des Gefangenen gelingt. Wir wollen nur dein Bestes – so steht es schließlich auch im Untertitel des Films.

„Moment mal, das kenne ich doch!“

Chris setzt Tommy einem Bombardement aus Aufnahmen seiner brutalen Schandtaten und klassischer Musik zur Beruhigung des Gemüts aus, in der Hoffnung, ihn zur Einsicht zu bringen und einen besseren Menschen aus ihm zu machen. Das alles ist für sich genommen wirklich interessant, doch schnell bemerke ich ein kleines Problem: Diese Geschichte hat sich schon mal jemand ausgedacht. Und dieser Jemand heißt Anthony Burgess, seine Geschichte Uhrwerk Orange. Gut, denke ich mir, dann hat jemand aufbauend auf dieser Prämisse nun endlich einen Film gedreht. Doch das zweite kleine Problem: Sie wurde auch schon mal verfilmt; und zwar von niemand Geringerem als Stanley Kubrick. Und während sich die Parallelen immer weiter und weiter verdichten, sehe ich ständig nur Burgess’ Roman und Kubricks Verfilmung vor mir. Das ist schade, denn Menschen, die mit Uhrwerk Orange nicht vertraut sind, können gewiss weitaus unvoreingenommener auf diesen Film blicken, der einen durchaus spannenden Konflikt thematisiert. Das heißt aber nicht, dass der Film überhaupt nichts Neues zu bieten hat.

Anpassen zum Überleben

Tommy gewöhnt sich in bemerkenswertem Tempo an seine neue Situation, sodass die Verwandlung kaum glaubhaft wirkt. Er lässt sich einfach mit neuen Freiheiten ködern und ist zu naiv.Und dann wiederum vielleicht auch nicht, denn die Wenigsten wissen, wie sich ein Mensch in einer Ausnahmesituation der Folter und Konditionierung tatsächlich verhält. Ich auch nicht.

Dem Film gelingt so doch irgendwie eine wirkungsvolle und überzeugende Balance zwischen Absurdität und Glaubhaftigkeit, obschon er nicht die dystopische Qualität eines Uhrwerk Orange erreicht. Das sieht auch das Publikum der Sneak ähnlich und gibt in 90 Prozent der Fälle eine positive Bewertung.

Und dann bleiben da noch zwei Fragen. Erstens: Ist die Traumabindung stärker als Gerechtigkeit? Und zweitens: Kann mal bitte jemand eine psychologische Analyse der Figuren dieses Films machen?

Die polnisch-britische Produktion läuft ab Juni in den deutschen Kinos.

(Lektoriert von sel und mas.)