Bild: Martha Schoop
Virgina Woolfs Night & Day – ein großer Name und ein mittelmäßiger Film. Hier hat Regisseurin Tina Gharavi den durchschnittlichsten Film geliefert, der aus der Romanvorlage herauszuholen war. Gesellschaftskritik als Massenware lautet hier die Losung.
Astronomin ohne Perspektive
Ganze Nächte verbringt Katherine (Haley Bennett) im Freien, um den Glanz der Sterne zu beobachten. Sie ist eine junge Londonerin und forscht im Jahr 1910 an ihrem großen astronomischen Durchbruch. Sie hat eine neue Methode gefunden, die Größe des Universums zu berechnen und kommt zu dem Schluss, dass es bedeutend größer ist als bisher angenommen. Man begleitet die junge Astronomin fortan beim Versuch, mit ihrer Erkenntnis an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch die männlich dominierte Gesellschaft legt ihr Steine in den Weg. Als Frau kann sie weder selbst Texte in Fachzeitschriften veröffentlichen noch der physikalischen Gesellschaft beitreten, woran auch ihr verzweifeltes Plädoyer für die Rechte der Frauen wenig ändern kann.
Zufall und die Flucht vor dem herrischen Vater führen sie schließlich zu der Fabrik einer Art Suffragetten-Untergrundbewegung, die ihr einen Ort zum Forschen ermöglichen. Eine Fabrik, in der ausschließlich Frauen arbeiten und die einem Zweck dient, der im Film nie erläutert wird. Es wirkt surreal, wird kaum erklärt und zerstört die Glaubhaftigkeit des Films ein Stück weit. Dafür kann sich der Film aber einer umfassenden Ästhetisierung der Dampfmaschine bedienen. Dass diese Dinger notorisch laut bis gehörschädigend sind, scheint Katherine, die inmitten der Fabrik an ihren Studien rechnet, gar nicht aufzufallen.
Einfach nur durchschnittlich
Der Film entfaltet über seine anderthalb Stunden einen üblichen Spannungsbogen mit Erfolgen, Rückschlägen und kleineren Pointen, die aber allesamt niemanden aus den Socken hauen dürften. Die Liebesgeschichte darf selbstverständlich auch nicht fehlen, obwohl auch sie nicht weiter handlungstragend ist. Dafür kommt man ihretwegen in den Genuss, Elyas M’Barek ein weiteres Mal vor der Kamera zu sehen, diesmal in einer Rolle, die so unbedeutend ist, dass ich mir nicht mal ihren Namen merken konnte. Ist auch nicht weiter schlimm, später wird er als „der Deutsche“ vorgestellt, was ausreicht, um ihn vom Rest der Figuren abzugrenzen. Man hätte gewiss auch schlechtere Schauspieler casten können.
Andere Nebenfiguren wie Katherines weibliche Mitstreiterinnen oder ihr schwuler Cousin sind da schon wesentlich spannender, verschwinden aber irgendwo hinter dem raumeinnehmenden Charakter der Protagonistin. Die Chance wurde leider gekonnt vertan.
Aus der Zeit gefallen
Der Film ist durchzogen mit merkwürdigen Anachronismen, besonders in Hinblick auf ein teilweise völlig übertriebenes Kostümdesign und den modernen Sprachgebrauch. Natürlich muss man nicht auf ganzer Linie akkurate Sprache der 1910er-Jahre recherchieren und durch das Drehbuch auf die Leinwand peitschen, aber zumindest die schlimmsten Modewörter der letzten dreißig Jahre hätte man vermeiden können.
Auch nervt Katherines ständig wiederholte, unglaublich schwülstige Rede von der Menschheit als Nadel im Heuhaufen des Universums. Ja, wir sind klein und unbedeutend, aber das muss man nicht zehnmal wiederholen, damit man es verinnerlicht hat. Ebenso absurd wirken die zum Szenenwechsel eingeworfenen CGI-Darstellungen des Universums, die dermaßen billig aussehen, dass dagegen selbst Raumschiff Enterprise von 1966 gut dasteht.
Und die Botschaft?
In seiner Gesamtaussage bleibt der Film schlussendlich zu zahm: Homophobie blöd, Feminismus cool. Das ist keinesfalls verkehrt, aber die Botschaft bleibt in der Vergangenheit hängen. Was 1919, als Woolfs Romanvorlage erschien, noch kontrovers und erfrischend gewesen sein mag, entfaltet ein Jahrhundert später nicht mehr dieselbe Wirkung. Die vertretenen Positionen sind längst im Mainstream angekommen und werden kaum noch jemanden zum Nachdenken bewegen. Und die paar zurückgebliebenen Patriarchen, die dieser Film vielleicht noch belehren könnte, werden ihn sich ohnehin nicht ansehen. Es bleibt Kritik an einer Gesellschaft, die sich in den letzten hundert Jahren stark verändert hat, ohne dass die Botschaft des Werkes daran angepasst wurde.
Dennoch konnte eine Mehrheit von 65 Prozent der Kinobesucher*innen dem Film etwas Gutes abgewinnen. Der Film läuft seit Juli in den deutschen Kinos.