Bild: Laura Schiller
Es ist nie zu spät, sich kulturell weiterzubilden. Gerade die Studienjahre bieten endlose Zeit, unermüdliches Interesse, ja sogar akademische Pflicht, sich mit den künstlerischen Einträgen aus jedweder Epoche auseinanderzusetzen. In dieser Reihe möchten wir euch die wichtigsten Werke der Weltliteratur, die anerkanntesten Alben der Musikgeschichte und die fantastischsten Filmklassiker näherbringen – unserer Meinung nach, versteht sich.
Wir befinden uns in ferner, aber nicht allzu ferner Zukunft. Die Menschheit hat die Mittel für interplanetare Raumfahrt erlangt und sich auf die Suche nach außerirdischem Leben begeben. Doch anstatt auf hochentwickelte Zivilisationen zu treffen und mit diesen Kontakt herzustellen wurde nur ein einziger belebter Planet gefunden: Die Solaris. Entdeckt wurde zudem keine Zivilisation aus grünen Männchen. Stattdessen bedeckt den gesamten Planeten eine riesige biologische Masse, genannt Polytheria oder schlichtweg „der Ozean“, welcher seinen eigenen physikalischen Gesetzen gehorcht. Sofort stürzen sich Scharen an Forscher*innen auf diesen „Ozean“, organisieren Expeditionen, stellen Theorien auf und errichten eine Raumstation, auf der sich zeitweise über 100 Personen aufhalten. Doch diese Hochphase der Solarisforschung ist zum Zeitpunkt der Geschichte schon lange vergangen. Seit Jahrzehnten gab es keine großen Durchbrüche mehr und auf der eben genannten Raumstation befinden sich lediglich drei Forscher*innen. Zur Verstärkung wird der Protagonist des Buches, der Psychologe Kris Kelvin, zur Solaris geschickt.
Interplanetare Liebe und interplanetares Scheitern
Kris‘Ankunft auf der Raumstation läuft merkwürdig-verstörend ab. Die einzige Person, die ihn begrüßt ist der Forscher Snaut, welcher sich sehr merkwürdig verhält. In einem Gespräch mit Snaut kommt heraus, dass sich der Forschungsleiter und ehemalige Mentor von Kris am Vortag das Leben genommen und sich Sartorius, der dritte Bewohner der Raumstation, im Laboratorium eingesperrt hat. Snaut warnt Kris zudem vor gewissen „Gästen“, welche er aber nicht näher erläutert. Am Folgetag findet Kris heraus, was mit „Gästen“ gemeint ist, denn als er aufwacht, sieht sich Kris einem Abbild seiner früheren Geliebten Harey gegenüber, für deren Suizid er sich nach 10 Jahren noch immer verantwortlich fühlt.
Nach einigen Gesprächen und Forschungen wird sukzessive klar, dass der Ozean die „Gäste“ aus verdrängten, in der Regel traumatischen Erinnerungen, erschaffen hat. Eine bösartige Absicht des Ozeans ist aber nicht zu vermuten. Allerdings haben die Gäste den unüberwindbaren Drang, immer in der Nähe ihrer Bezugspersonen sein zu wollen, was ihre Anwesenheit für die Forschenden häufig unerträglich macht. Zu Beginn trifft dies auch auf Kris zu, doch mit dem Fortschreiten des Buches beginnt Harey, eine eigenständige und ihrer selbst bewussten Persönlichkeit zu entwickeln, wodurch in Kris romantische Gefühle für sie aufkeimen.
In diese Erzählung eingeflochten werden immer wieder Episoden aus der Geschichte der Solarisforschung erzählt. Das Buch macht dabei mehr und mehr klar, dass diese vor allem eine Geschichte des vollkommenen Scheiterns der wissenschaftlichen Forschung ist: trotz hundert Jahren Forschung, trotz ganzen Bibliotheken voll Büchern über die Solaris, ist einem Verständnis des Ozeans mindestens so fern wie zur Zeit der Entdeckung der Solaris. Außerdem wird klar, dass der seit Beginn angestrebte Kontakt zwischen der irdisch-menschlichen Zivilisation und dem „Ozean“ nicht möglich ist und auch niemals möglich sein wird.
Die philosophische Science-Fiction
Der Grund für dieses Totalversagen der Wissenschaft findet sich in einem Zitat Snauts: „Wir [Die Menschen] brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen.“ Der Mensch ist in seinen eigenen Denkmustern demnach so eingeschränkt, sein Blick und seine Vergleiche so auf sich selbst und die Erde fokussiert, dass ein Verständnis von grundlegend anderen Wesen wie dem Ozean unmöglich ist. Denn selbst, wenn der Ozean ein vernunftbegabtes Wesen sei – seine Denkmuster und Ausdrucksweisen wären den unseren so grundverschieden, dass jegliche Art der Verständigung zum Scheitern verdammt ist.
Das Thema der Problematik (oder Unmöglichkeit) eines interplanetaren Kontakts wird in der sowjetischen Science-Fiction häufiger aufgegriffen. Der Autor von Solaris, Stanislaw Lem, hat sich mit diesem Thema wiederholt auseinandergesetzt und kann als Koryphäe auf diesem Gebiet bezeichnet werden.
Doch neben dieser philosophischen Fragestellung wirft das Buch auch noch andere Fragen auf. Das systematische Scheitern der Wissenschaft präsentiert sich etwa als Ausgangspunkt für Überlegungen, inwiefern die Naturwissenschaften wirklich ihrem Anspruch auf universelle Ergründung des Universums gerecht werden können. Auch drängt sich durch die menschenähnliche, aber nicht tatsächlich menschliche Harey wiederholt die Frage auf, ab wann denn nun ein Mensch wirklich ein Mensch ist – und ob das Töten eines solchen quasi-Menschen denn nun Mord ist? Das alles führt dazu, dass man im Verlauf des Lesens das Buch immer wieder zur Seite legen muss, um über das eben Gelesene nachzudenken.
Solaris – ein Meisterwerk
Solaris wird nicht ohne Grund als der Klassiker der sowjetischen Science-Fiction bezeichnet. Auf eine geniale Art und Weise stellt das Buch eine tragische Liebesgeschichte, das Scheitern der Forschung, und die generelle Problematik des Menschen in Umgebungen jenseits der Erde dar. Solaris ist als solches Werk auch ein Bezugs- und Ausgangspunkt für zahlreiche andere Werke der sowjetischen Science-Fiction. Solaris kann deswegen auch als Einstieg in dieses Genre, welches von der westlichen Science-Fiction doch sehr verschieden ist, dienen. Oder man liest und genießt einfach nur dieses Buch (und die folgende kleine Existenzkrise).