Sport

Ti amo, Olympia

By David Bücker

March 21, 2026

Fotos: David Bücker

Dezentrale Spiele, wenig Stimmung, keine Atmosphäre – auch unter den Sportlerinnen und Sportlern der unterschiedlichsten Disziplinen: Die Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 wurden durchaus skeptisch betrachtet. Aber lohnt es sich nicht dennoch, sich dieses gigantische Sport-Spektakel einmal vor Ort anzusehen?

Um das herauszufinden, machte ich, David, mich mit meinem Kumpel Benni auf den Weg nach Italien. Ich selbst studiere seit inzwischen einigen Jahren Lehramt in Marburg. Daneben bin ich mit ihm und dem Projekt ON THE PITCH aber seit über sechs Jahren in die Welt der Sport-Podcaster getaucht. Nach meiner Rückkehr aus Italien darf ich nun an dieser Stelle als Gastautor über meine Erlebnisse schreiben. Und dann noch über Wintersport – der mich schon seit Kindheitstagen begeistert. Die Wochenenden vom morgendlichen Eiskanal bis zum abendlichen Skispringen vor dem Fernseher zu verbringen – das ist bei mir oft immer noch so.

Tickets schon ein Jahr vor den Spielen gesichert

Vor gut eineinhalb Jahren machte ich mich erstmals auf die olympischen Socken. Wie ist das so vor Ort bei Sommerspielen? Was macht das mit einer Metropole wie Paris? Und tatsächlich war ich sehr positiv überrascht: Top organisiert, fantastische Stimmung und alle Wettkampfstätten innerhalb der Stadt gut mit der Metro zu erreichen. Wenn man sich frühzeitig beim IOC registriert, kann man in einem zugewiesenen Zeitslot sogar – im Vergleich zu großen Konzerten von Megastars – vergleichsweise erschwingliche Tickets erwerben. Wobei man sich bei manchen Ausreißern dann schon fragt, warum man für Tischtennis-Viertelfinals locker dreistellige Summen hinblättern muss.

Nun, ähnlich in Bezug auf die teuren Tickets war es auch bei den ersten Winterspielen, die ich mir jetzt also vor Ort angeschaut habe. Die Karten konnten wir im Februar 2025 ergattern. Daneben war aber auch ein wenig mehr Organisationsaufwand als vor Paris gefragt: Was will man sich ansehen? Wie kommt man von A nach B? Und wie viel Geld werden mein Kumpel und ich insgesamt ungefähr los?

“Wir sind schon auf dem Brenner” – Winter-Edition

Vor über einem Jahr hatten wir uns in unserem Ticket-Zeitslot für Skispringen, Nordische Kombination und Biathlon entschieden – auch ein Langlauf-Event passte dann erfreulicherweise noch in unseren Plan. Zwei Wochen komplett in Norditalien zu verbringen, ist kaum zu finanzieren – davon mal abgesehen, auch schwer in den Terminkalender zu integrieren. Also suchten wir uns als Liebhaber der nordischen Disziplinen einige Events der ersten Wettkampfwoche aus, die wir besuchen wollten. Die ersten Tage, die Eröffnungsfeier oder auch den Sturz-Schock von US-Alpinstar Lindsey Vonn verfolgten wir noch zuhause am Fernseher. Dann aber ging die Reise nach Norditalien los – natürlich über den Brenner. 

Wir kamen also auf unserer Hütte an – ungefähr eine Stunde von den für uns wichtigsten Wettkampfstätten in Predazzo und Tesero entfernt – und suchten das Olympia-Flair. Kein Schnee. Auch die Menschen, die dort wohnen, wirkten nicht so, als ob ein Großevent in der Nähe stattfindet. Irgendwie verständlich, schließlich fallen Ski-Touristen auch sonst auf den Pisten oder Wintersport-Fans an den Weltcup-Austragungsorten ein. Am ersten Abend verfolgten wir also das sensationelle Skisprung-Gold von Philipp Raimund noch am TV. Kneifen musste man sich dabei aber auch bei dem Gedanken: Da stehen wir morgen selbst im Schanzenauslauf  – und vielleicht erleben wir ja auch eine deutsche Medaille hautnah mit.

Schanzenanlage in Predazzo bei Nacht

An der Loipe ganz nah am Geschehen

Das Langlauf-Stadion in Tesero

Skisprung-Stimmung am Tag nach dem deutschen Gold

Nun, so kam es beim Mixed-Team-Wettbewerb hauchdünn leider nicht dazu. Dennoch war es ein buntes Treiben an der Schanze von Predazzo. Eine Truppe bestens gelaunter slowenischer Fans peitschte das Publikum in den Pausen zu jeder Menge spaßiger Aktionen auf. Man konnte sich mit den Fans aus Japan über die tollen Leistungen freuen oder einfach lauschen, wie die einzelnen Nationen ihre Starterinnen und Starter anfeuern. Dass das deutsche “ZIIIIEEEH” bei dem einen oder der anderen für Verwunderung sorgte, war dabei keine Überraschung. 

Im Vergleich zu großen Weltcup-Events lässt sich aber festhalten: Die Stimmung wirkte etwas steriler als bei der Vierschanzentournee oder in Willingen. Und auch die Verpflegung machte nicht wirklich was her – vom astronomisch teuren Merch mal ganz zu schweigen. 

Zudem musste man sich noch als Nicht-VISA-Nutzer vergewissern, dass man genug Bargeld hat, denn andere Zahlungsmittel wurden nicht angeboten. Danke an das IOC für diese bescheuerte Sponsoring-Folge. Knapp 100 Euro für einen Abend sind zudem ein stolzer Ticketpreis. Das hört man häufiger, wenn man sich mit anderen Fans unterhält. Es ist nun mal Olympia. Umso bitterer, dass das deutsche Team dann Bronze um 1,2 Punkte verpasste. 

Wie unter einer großen Glocke, wie in einer anderen Welt, fühlte man sich unter dem Flutlicht des Skisprungstadions. Um einen herum nichts als dunkle Berggipfel, die man dann aber im hell erleuchteten Rund nicht mehr wahrgenommen hat. Ganz nach dem Motto: In diesem Moment schaut fast die gesamte Welt genau hierhin! Die Magie der fünf olympischen Ringe hat nicht nur uns in ihren Bann gezogen.

Die Königsdisziplin zittert um ihre Olympia-Zukunft

Am Tag danach war es uns ein Herzensanliegen, die am meisten wackelnde Sportart im olympischen Programm, die Nordische Kombination, anzusehen: Das IOC ist sich immer noch nicht sicher, ob man bei Olympia in Frankreich 2030 nun wirklich auch die Kombiniererinnen dabei haben möchte oder ob, und das ist die bittere und leider einzige Alternative, die nordische Königsdisziplin komplett gestrichen wird. Der Wettkampf der Männer selbst war aber der beste Beweis, dass diese Sportart spannend ist – Starter vieler Nationen duellierten sich erst auf der Schanze und dann in der Loipe um Edelmetall… Leider konnten die Deutschen hier nicht ganz mithalten.

Frenetische Fans aus Skandinavien beim Langlauf

Der Schießstand im Biathlon-Hexenkessel Antholz

Fan-Wanderung bei der Nordischen Kombination

Estnische Langlauf-Zwillinge 

Eine besonders schöne Begegnung hatten wir an “unserem” dritten Wettkampftag: Am Rande der Langlaufloipe von Tesero trafen wir beim 10 km-Rennen der Frauen, neben bestgelaunten skandinavischen Fans, auch ein estnisches Elternpaar. Ihre Zwillingstöchter haben es erneut geschafft, sich beide (!) für Olympia zu qualifizieren – dementsprechend viel hatten die Eltern zu erzählen und wir dann auch anzufeuern. Was für eine tolle Familiengeschichte – völlig egal, dass es dann bei Weitem nicht für die Medaillen reicht. Vor vier Jahren durfte die Familie nicht einmal mit nach China reisen – danke Corona!

Sonnenbrand-Finale beim Biathlon

Von vornherein war für uns noch der Biathlon-Zirkus von Antholz gesetzt. In dieses Mekka ging es dann zum Schluss unseres Olympia-Trips. Wir mussten eine längere Anreise auf uns nehmen als die sonst übliche Stunde, die wir von unserer Unterkunft auf einem abgelegenen Bauernhof zu den anderen Austragungsorten auf uns nehmen mussten. Doch mit frühem Aufstehen konnten wir uns dem Logistik-Chaos im Grenztal zu Österreich dann doch besser entziehen als es im Fernsehen immer mal wieder (zurecht) problematisiert wurde. Es ist nun mal ein Großevent – verstreut im Hochgebirge und nicht in einer Metropole. Da darf der Parkplatz zum Bus-Shuttle auch mal tiefen Schlamm haben.

Und zum Abschluss gab es dann – wie es sich für Winterspiele gehört – noch einen schönen Sonnenbrand. Antholz bei feinstem Sonnenschein ist ein hervorragender Tipp, um das erste Mal im Leben ein Biathlonrennen live vor Ort zu verfolgen. Schießstand direkt im Blick, Sonne am blauen Himmel hinter den Berggipfeln und ein spannendes Rennen. Mini-Manko dann aber, dass auch hier kein deutsches Edelmetall erreicht wurde. Aber sei es drum – dabei sein ist alles – die Floskel muss sein.

Dicke Empfehlung für Spiele in Frankreich 2030

Abschließend: Wenig Stimmung in den Ortschaften selbst? Mag mitunter sein, es ist aber auch kaum anders möglich gewesen. An den Wettkampfstätten kam dann aber schon Olympia-Flair auf. Auch wenn einige Sportarten an ihren Austragungsorten recht isoliert waren. Es gibt eben kein vergleichbares Event mit dieser Magie. Vor Ort waren alle entspannt und stressfrei – auch dank der vielen tollen Volunteers. Das bekommt man in keinem Stadion der Fußball-Bundesliga.

Auch wenn wir weder die Social-Media-Iconics des verbotenen Curling-Fingers in Cortina oder den Wolfshund auf der Langlauf-Loipe selbst gesehen haben – es waren einmal mehr unvergessliche Spiele. Gerade da die Winterspiele in vier Jahren wieder in halbwegs erreichbarer Nähe sind, kann ich nur weiterempfehlen, sich den Trip nach Frankreich schon mal in den Hinterkopf zu setzen.

(lektoriert von nag.)