Bild: Emma Osmanovic
Ein Hauch von Magie
Langsam und bedacht erfassen meine Augen das Cover. Etwas vergilbt, ein paar kleinere Kratzer und ein altes Preisschild. Vorsichtig nehme ich das Inlay heraus: Ein Foto der Band und ein Teil der Liedtexte. Nun zum Wichtigsten: Die Platte selbst. Vorsichtig platziere ich sie auf dem Plattenspieler. Ich hebe den Tonarm und stelle die richtige Geschwindigkeit ein. Anschließend lasse ich die Nadel vorsichtig und sanft auf die Platte fallen: Ein leichtes Kratzen, dann erklingt die Musik.
So oder so ähnlich lässt sich die Faszination hinter der Schallplatte in Worten fassen. Doch wie kommt es eigentlich, dass die Schallplatte noch immer ein begehrtes Medium ist? Und wie kann man sich die Vinyl-Kultur in Marburg vorstellen? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich mich mit den Inhabern der Marburger Plattenläden unterhalten, um auch eine marktwirtschaftliche und standortbezogene Einschätzung zu erhalten.
Eine kurze Tonträger Geschichte
Doch wo genau beginnt eigentlich die Geschichte der Schallplatte?
Die Schallplatte ist ein sogenannter “analoger Tonträger”. Das bedeutet, dass die darauf vorhandenen Inhalte nicht digital, sondern physisch “gespeichert” sind. Zum Auslesen wird also kein digitales Endgerät, wie zum Beispiel bei CDs oder DVDs benötigt.
Diese technische Einordnung verschafft einen ersten Eindruck, wie alt dieses Medium bereits ist. Die Schallplatte, wie wir sie heute kennen, ist aus Vinyl mit einem Durchmesser von i.d.R. 12 Zoll mit einer Wiedergabegeschwindigkeit von meistens 33RPM, welche in dieser Form seit 1948 existiert.
Mit der Einführung der CD im Jahr 1982 folgte ein langsamer, aber sicherer Rückgang der Vinyl-Produktion und Distribution.
Von vielen wurde die Schallplatte damals für tot erklärt, war die CD doch das günstigere, leichtere und vor allem mobilere Medium.
Die CD blieb auf dem Vormarsch und selbst erste “Nachfolger” wie der MP3-Player oder die Mini-CD konnten dem wenig Einhalt gebieten.
Seit den 2010er Jahren gewann zudem die Streaming-Industrie an Zuwachs und macht (Stand 2025) in Deutschland etwa 85% des Musikmarktes aus.
Gen-Z und der neue Platten Hype
Und nun geht der Vinyl Umsatz seit den letzten 5 Jahren konstant nach oben. In Deutschland wurde 2025 erstmals fast genauso viel Umsatz mit Vinyls wie mit CDs erzielt. Doch woran liegt das? Und wie sieht die Vinyl-Kultur ganz konkret in Marburg aus?
Dazu habe ich mich mit Stefan Danowski, dem Inhaber der Musik Attack Plattenläden mit Standorten in Marburg und Gießen unterhalten.
Laut Danowski zielen die aktuellen Pressungen von beispielsweise Taylor Swift oder Harry Styles vor allem durch künstliche Verknappung auf kalkulierte Gewinne: Insbesondere mit Sonderpressungen wie farbigem oder marmoriertem Vinyl lassen sich echte Sammlerobjekte erschaffen. Auch die häufig als “audiophil” beworbenen extra-schweren Vinyls seien laut ihm mehr Marketing als Qualität: “Da wird ein Mehrwert verkauft, der keiner ist”. Dies sei vor allem darauf zurückzuführen, dass “die heutigen Presswerke nicht mehr in der Lage sind, leichtere Platten zu pressen”. Der steigende Umsatz gehe außerdem mit dem steigenden Preis für Vinyl-Neuware einher. Für den Preis einer neuen Platte bekommt man heute bis zu 3 neue CDs.
Ebenfalls spannend: Viele junge Käufer*innen besitzen gar keinen Plattenspieler und sehen die Vinyl-Alben vor allem als Lifestyle-Produkt, das schön im Regal aussieht und weniger als echte Alternative zum Musikkonsum per Streaming. Und die Kund*innen, welche noch (oder wieder) einen Plattenspieler besitzen, haben laut Danowski häufig keine genaue Idee davon, wie sie damit umzugehen haben: “Da kommen Leute mit den wildesten Kombinationen und fragen, ob man das so machen kann.”
Vinyl-Culture in Marburg
Jenseits von den technischen Herausforderungen, auf welche sich die Gen-Z beim Wiederentdecken der Schallplatte gefasst machen muss, interessiert mich vor allem die Vinyl-Szene hier in Marburg. Dazu habe ich mit Wolfgang Richter, dem Inhaber des “Markt 2 Fashion & Vintage” Geschäfts befragt:
Petersen: Gibt es ein Genre oder eine Richtung, nach der gerade von jungen Leuten vielleicht besonders häufig gefragt wird?
Richter: Erstaunlicherweise hard and heavy hier bei mir. Also Hard Rock, Heavy Metal geht, aber dann auch so bekannte Sachen wie Pink Floyd, Queen und Pop eben, z.B. auch Michael Jackson. Man muss dazu sagen, dass ich eben auch wirklich nur gebrauchte, also alte Schallplatten habe. Ich verkaufe keine neuen. Schallplattenläden, die neue verkaufen, kann ich mir vorstellen, dass es da anders ist.
Auch bei „Musik Attack“ habe ich dieselbe Frage gestellt:
Danowski: Also du kriegst alles an Vinyl verkauft, wenn es billig ist. Also je billiger, desto besser. Es ist zweitrangig, der Zustand, es ist zweitrangig, was es irgendwie ist. Hauptsache es ist günstig. Das betrifft Secondhand-Vinyl und bei Neuheiten wird das, was man verkaufen kann, immer weniger. Ich brauche nicht mehr diese Breite. Also ich kann diesen Laden hier mit 500 Artikeln bestreiten. Ich brauche keine 25.000. Und weil vieles über soziale Medien irgendwie funktioniert und da werden immer die gleichen Kombinationen gekauft. Also so ’n Klassiker zum Beispiel ist Radiohead O.K. Computer kombiniert mit Fleetwood Mac Rumours, kombiniert mit Jeff Buckley Grace. Das verkaufe ich jeden Tag, diese Dreier Kombination. Und dann gibt es halt noch so ’n paar andere Kombinationen. Es gibt halt noch ein paar Künstler, da geht das immer.
Das Kaufverhalten der Gen-Z scheint also verhältnismäßig “genormt” zu sein. Besonders spannend finde ich hierbei den von Danowski beschriebenen Social Media Faktor. Dieser erinnert mich ein wenig an “BookTok”, eine vergleichbare Bubble, nur dass in unserem Fall die Alben Empfehlungen im Vordergrund zu stehen scheinen.
Parallel zur (zumindest Umsatz-Technischen) Rückkehr der Schallplatte sinken die Verkaufszahlen von CDs in den Keller. Auch hierzu habe ich Danowski und Richter befragt:
Petersen: Können Sie sich den Rückgang der CD erklären?
Richter: Eigentlich nicht so richtig. Also auch oft haben die CDs Booklets dabei, wo man lesen kann. Vom Hören ist es eben ähnlich, es soll nicht ganz so gut sein wie die Schallplatte. Wundert mich ehrlich gesagt auch, dass die Schallplatte so ein riesen Comeback hat. Freue mich darüber, weil ich habe mein Leben lang nur Schallplatten gehört, im Prinzip CDs, also wenig.
Danowski: Und die CD ist ja nicht so schlecht, wie das Ansehen von ’ner CD. Aber das ist genauso bei der Musikindustrie, die reduzieren immer weiter das CD-Programm und die Raritäten sind nicht die Platten, die man im Augenblick kauft. Die Raritäten sind die CDs, die man heute kauft. Wenn du von 2025 ’ne CD irgendwie gekauft hast von einem kleineren Künstler, die ist in 1-2 Jahren richtig gesucht, weil es die einfach nicht mehr gibt.
Zuletzt habe ich dann noch nach der Zukunft der Schallplatte gefragt:
Richter: Ich glaube schon, dass das anhalten wird bei bestimmten Künstlern, weil die ja auch sehen, dass von der Platte eben die Musik ganz anders rüberkommt. Also ihre eigene Musik, das ist authentischer auch auf der Schallplatte. Und die sich das leisten können, die bestehen darauf, dass die Schallplatten gepresst werden. Ganz klar. Das ist gut so. Aber dass das jetzt so eine Massengeschichte wird, das glaube ich nicht. Es wird nach wie vor das Streaming die Mehrheit sein.
Danowski: Das kann man so pauschal nicht sagen. Also, die Massenproduktion sehe ich nicht. Ich sehe halt immer wieder total viel Kleinstauflagen, mal 200 Stück in dieser Farbe, mal 300 Stück in ’ner anderen Farbe. Also das geht überwiegend alles weg.
Ist das Vinyl, oder kann das weg?
Die Schallplatte ist zurück, jedoch nicht als massentauglicher Musikträger, sondern als Lifestyle-Produkt, Blickfänger im Regal und vereinzelt als Teil spezifischer Fankreise. Dazu kommt für die ältere Kundschaft der Erinnerungsfaktor und für die jüngeren die Faszination eines Mediums, das schon vor über 30 Jahren für tot erklärt wurde. Und die Zukunft bleibt ungewiss: Vielleicht wird 2026 das Jahr, in welchem mit Vinyl erstmals mehr Umsatz generiert wird als mit CDs, vielleicht erfährt die CD in den nächsten Jahrzehnten auch ein Comeback, und vielleicht konnte ich mit diesem Artikel ein wenig Kontext in die Gesamtsituation bringen.
An dieser Stelle möchte ich mich auch noch einmal ganz herzlich bei den Herren Danowski und Richter für die netten Interviews mit mir bedanken. Wer sich für Schallplatten interessiert, der kommt am „Markt 2” und „Music Attack” gar nicht vorbei. An dieser Stelle natürlich nochmals meine ganz klare Empfehlung, sich diese Läden gerne einmal anzuschauen.