Kultur

Wo spielt die Musik?

By Caroline Theile

June 27, 2026

Bild: Nelli Lindner

An diesem warmen Sonntagnachmittag haben sich am 31. Mai 2026 um 16 Uhr einige wenige Menschen im historischen Rathaussaal Marburg eingefunden, um Benjamin Maack bei der Lesung seines neuesten Buches Bewerbungen um einen Job als Mensch gemeinsam mit dem Marburger Literaturforum zu lauschen. Dabei geht es um ein Depressionstagebuch, das eigentlich keines sein soll.

Verwunderung über den Autor

Bevor die Lesung richtig beginnt, bedankt sich Maack erst einmal für das Erscheinen des Publikums. Die Atmosphäre ist sofort sehr familiär, er selbst nahbar und charismatisch. Schnell erweckt er den Eindruck, nicht der Autor des Buches zu sein. Immerhin ist es erst seine vierte Lesung und er gesteht scherzhaft, sich noch an das Buch gewöhnen zu müssen. Er gibt sich teilweise überrascht über das, was der Autor da geschrieben hat, doch nach dem anfänglichen Fremdeln wird schnell klar, dass er sehr wohl der Verfasser ist. Er erzählt zwischen den Lesepassagen, dass es ab Anfang 2025 entstanden ist, als er begann, die Depression mit seinen Instagram-Follower*innen zu teilen. Der Suhrkamp Verlag bekam dann zu Beginn 60 bis 70 Seiten von ihm, bis er schließlich den Rest ergänzte und über 400 Seiten vorlegte. Aus denen wurde das jetzige Buch.

Der Untertitel des Buches gibt an, dass es sich um ein Depressionstagebuch handelt, doch dem widerspricht er. Er selbst hätte es nicht darauf geschrieben, da man sich täglich neu in der Welt positioniert und Gattungen verschwimmen. Jedoch bleibt es ein Tagebuch, wenn auch mit losgelösten Daten vom ‚Nullten Januar‘ bis hin zum ‚87. Januar‘. Er erklärt, dass er sich hierbei nicht anmaßen will, den Leser*innen eine bestimmte Zeitwahrnehmung aufzuzwingen.

*Hier bitte Musik einfügen*

Über zwei Stunden hinweg nimmt er das gespannt lauschende Publikum mit auf die Reise durch seinen persönlichen Werdegang. Dabei liest er aus seiner zerbrechlichen Kindheit, berichtet von Gedichten und kafkaesken Parabeln während seiner Jugendphase und der ständigen Entwicklung im Hier und Jetzt. Er gesteht, sich auf Bildern nicht zu mögen, gibt Einblicke in seine innere Zerbrechlichkeit und liest über die Angst davor, sich selbst zu lieben. Auch seelischer Schmerz durch Liebeskummer, Trauer oder Verlust muss gefühlt werden, um ihn zu verstehen, genau wie bei Liedern. Die Passagen wirken trotz der Schwere der Themen angenehm und nachfühlbar. Maack scheint es unangenehmer als dem Publikum. Er versteht es, die Stimmung binnen einer Sekunde zu ändern, indem er nach Beendigung des Buchabschnitts anfängt, eine Melodie anzudeuten, mit dem Kommentar: „Jetzt wäre der richtige Moment, um Musik zur Auflockerung zu spielen.“ Der Humor bleibt bei der Lesung definitiv nicht auf der Strecke. Zwischen Ernst und komisch-lustigen Überlegungen führt er das Publikum durch sein Buch. Höflich fragt er nach, ob er noch drei Kapitel lesen soll oder ob wir alle rausgehen wollen, um das Wetter zu genießen. Alles geschieht in Abstimmung mit den Anwesenden, die sich darauf freuen, mehr aus dem Buch zu hören.

Tagträumereien

Maack ist talentiert darin, mit Sprache visuelle Bilder zu erzeugen. So liest er eine Passage vor, in der er seine Verlustgedanken äußert. Er will ein situativer Wohltäter sein und vereinzelten Handschuhen ein gemeinsames Zuhause bieten. Er verliert sich in alltäglichen Überlegungen, worin sich die Zuhörer*innen allemal wiedererkennen. Die Vielfalt an alltäglichen Themen, über die er spricht, ist riesig, und trotzdem hat man durchgängig das Gefühl, noch mehr erfahren zu wollen, weil das Identifikationspotenzial sehr groß ist.

Neben den zahlreichen Tagträumereien kommt er letztendlich auf das Thema Depression zu sprechen. Sein Umgang damit ist sehr offen. Er verrät, dass er ein kranker, aber sehr glücklicher Mensch ist. Zu sagen, dass er unter Depression leidet, lehnt er ab, um der Krankheit nicht zu viel Macht einzuräumen. Er gibt einige Einblicke in sein Leben mit der Depression und erzählt, dass Humor als eine Art Katalysator essentiell für ihn ist. Maack scheint sich über alles sehr bewusst zu sein und berichtet im Gespräch mit der Moderatorin und dem Publikum auch, dass er mit seiner Therapeutin aktiv daran arbeitet, die Depression dann doch ganz gerne loszuwerden.

Die Lesung fühlt sich wie eine große Bereicherung an, da Maack viele Themen in den Raum wirft und es schafft, jedes einzelne davon souverän zu sortieren, sodass man sich am Ende fragt: Wie macht er das?

Zum Buch

Benjamin Maack: Bewerbungen um einen Job als Mensch. Ein Depressionstagebuch. Berlin: Suhrkamp Verlag 2026. 432 S., 25 €, E-Book 21,99 €.

(Lektoriert von sel und nag.)