Wissenschaft

Zwischen Hoffnung und Warnung: Wie Regenwälder sich erholen können

By Niclas Carl

July 11, 2026

Bild: Niclas Carl, Carla Heinicke, Ella Zak

Ein Interview mit einer Marburger Professorin über eine Nature-Studie zeigt, wie sich tropische Wälder regenerieren können und warum das noch keine Entwarnung ist.

Tropische Regenwälder gelten als Heimat von unzähligen Arten, von Pflanzen und Pilzen bis hin zu Tieren und Bakterien. Zugleich werden sie vielerorts für die Landwirtschaft gerodet. Die neue Studie „Biodiversity resilience in a tropical rainforest“ (Metz et al. 2026) mit Marburger Beteiligung untersucht, inwiefern sich solche gestörten Ökosysteme erholen können. Die Nature-Studie liefert überraschend hoffnungsvolle Ergebnisse. Im Gespräch mit Prof. Dr. Nina Farwig, welche an der Studie beteiligt war, wird deutlich: Die Ergebnisse machen zwar Hoffnung, sind aber keineswegs als Entwarnung zu verstehen.

Regenwälder sind weit mehr als nur grüne Flächen. Sie sind vielschichtige und komplexe Lebensräume mit unzähligen Wechselwirkungen zwischen Tieren, Pflanzen, Pilzen und Bakterien. Neben ihrer Artenvielfalt sind Regenwälder aufgrund der Regulierung regionaler Wasserkreisläufe und der Speicherung von Kohlenstoff für den Klimaschutz von äußerster Relevanz. Gleichzeitig sind diese komplexen Lebensräume stark gefährdet. Dementsprechend sind Regenwälder stark von Rodung und weiteren Störungen, vor allem für landwirtschaftliche Zwecke, betroffen. Dadurch werden nicht nur Bäume gefällt, sondern auch vielschichtige Artengemeinschaften, deren Interaktionen und assoziierte ökologische Prozesse wie etwa Bestäubung, Samenverbreitung, Bodenbildung und Wasserspeicherung gestört.

Um mehr über die Hintergründe und Ergebnisse der Studie zu erfahren, habe ich Prof. Dr. Nina Farwig vom Fachbereich Biologie der Philipps-Universität Marburg interviewt. Sie war eine der beteiligten Forscherinnen an der Studie und ich wollte von ihr wissen, wie die Forschung im ecuadorianischen Tieflandregenwald ablief, welche Rolle Tiere bei der Rückkehr des Waldes spielen und inwiefern sich der Wald regenerieren konnte.

Hoffnung mit Bedingungen

Farwig beschreibt als besonders beeindruckend, dass nach etwa 30 Jahren Regeneration bereits ein großer Teil der Lebensgemeinschaften wieder zurückkehrt. Sie erwähnt auch, dass in diesem Zeitraum Artenvielfalt und Häufigkeit wieder mehr als 90 Prozent des Niveaus intakter Wälder erreichten. Die Artenzusammensetzung ähnelte den Referenzflächen zu etwa 75 Prozent. Gleichzeitig müsse man berücksichtigen, dass 25 Prozent der Artenzusammensetzungen zwar noch fehlen, trotzdem seien die Ergebnisse als ein hoffnungsvolles Ergebnis einzuordnen.

Farwig ordnet im Interview die Mosaiklandschaft als Schlüssel für die Regeneration ein. Die Waldregeneration startet nicht bei null. Ein kleinräumiges Mosaik aus Waldresten, Kakaoflächen und Weiden mit einzelnen Schattenbäumen, wirkt als Reservoir, aus dem Tiere, Pflanzen und weitere Organismen die ehemals genutzten Flächen wiederbesiedeln können. Farwig erwähnt, dass Landnutzende einzelne Bäume als Schattenspender für das weidende Vieh oder den Kakaoanbau übriggelassen haben. Diese vertikale Struktur inklusive der Blätter, Blüten und Früchte wirke wie ein Magnet auf viele Tierarten und somit förderlich für die Wiederbesiedlung. Die Marburger Biologie Professorin schildert, dass Tiere als aktive Mitgestalter des Ökosystems und der Regeneration gelten. Mobile Tiere wie Vögel, Fledermäuse und Bienen spielen eine essenzielle Rolle in der Regeneration, da sie Samen verbreiten, Pollen transportieren und Flächen miteinander vernetzen.

Um die Regenwaldregeneration zu verstehen, ist ein breiter Blick auf Bäume, Tiere und Bakterien wichtig. Farwig sagt: „Man muss verschiedene Organismengruppen betrachten, weil alles miteinander zusammenhängt und jede Art unterschiedliche Rollen im Ökosystem übernimmt.“ Farwig vergleicht das komplexe Ökosystem mit einem Kletterspinnennetz auf einem Spielplatz. Mit Knoten und Verbindungen seien Pflanzen, Tiere, Bakterien und Pilze über Nahrung, Bestäubung, Zersetzung und Samenverbreitung, wie ein Netz miteinander verknüpft.

Forschung zwischen Gummistiefeln und Datenmengen

Ein solches komplexes Zusammenspiel erschwert die Feldarbeit und Datenauswertung. Farwig beschreibt die Feldarbeit als herausfordernd. Für die Datenaufnahme wurden 62 Flächen mit den Maßen 50 mal 50 Meter zufällig ausgewählt, wobei man teilweise ein bis zwei Stunden Fußmarsch zwischen den Flächen zu absolvieren habe. Hohe Luftfeuchtigkeit, matschige Bedingungen und Hitze erschwerten diese langen Wege in Gummistiefeln. Für die Datensammlung wurden Bäume kartiert, Keimlinge gesammelt, Fledermäuse und Insekten gefangen, zudem Kameras und Audiorekorder aufgestellt. All das mit dem Ziel, einen möglichst großen Anteil des Nahrungsnetzes innerhalb des Ökosystems aufnehmen zu können. Trotzdem betont sie, dass aufgrund der Komplexität des Ökosystems nicht alle Komponenten erfasst wurden. Dennoch war es bereits eine große Herausforderung alle diese Daten aufzuarbeiten, zusammenzuführen und zu analysieren.

Zu den Ergebnissen der Studie und zu den Arten, welche sich am schnellsten erholen, erwähnte die Biologie-Professorin, dass kleinere, generalistische Fledermaus- und Vogelarten schnell wieder durch ihre Mobilität in die gestörten Gebiete zurückkehren. Hingegen bräuchten Bakterien, spezialisierte Säuger, Keimlinge und Bäume länger, um zurückzukehren. Die Studie zeigt zudem, dass ehemalige Kakaoflächen gegenüber Weideflächen bessere Startvoraussetzungen für die Regenwaldregeneration bieten. Dies liege daran, dass ehemalige Kakaoflächen eine bessere 3D-Struktur bilden, welche Schatten spende und Nistmöglichkeiten biete. Sie erwähnt, dass in der zweiten Phase der Studie im Fokus stehe, inwiefern man in Zukunft die Startbedingungen der Artenregeneration in Weidenflächen fördern könne.

Die Abbildung zeigt, wie unterschiedlich schnell sich Tiere, Pflanzen und Bakterien nach landwirtschaftlicher Nutzung erholen. Oben sind ehemalige Kakaoplantagen dargestellt, unten ehemalige Weideflächen. Quelle: Metz et al. (2026), Fig. 2, S. 1234.

Die Ergebnisse der Studie zeigen für die Renaturierung tropischer Regenwälder, dass man in manchen Regionen darauf vertrauen kann, dass natürliche Regeneration ohne Zutun des Menschen erfolgen könne, so Farwig. Sie führt weiter aus, dass man Ressourcen und Kapazitäten bündeln sollte, also in Gebieten ohne Mosaiklandschaft gezielte, aktive Unterstützung leisten solle, während in anderen Gebieten passiver agiert werden könne.

Der Marburger Blick auf die nächste Waldgeneration

Die Marburger Arbeitsgruppe hat sich speziell mit der natürlichen Ansiedlung von Baumkeimlingen beschäftigt. Die Doktorandin Eva Tamargo Lopez kartierte dafür über 100 Baumarten auf kleineren Teilflächen der 62 untersuchten Flächen. Farwig sagt, dass bestehende Baumgemeinschaften zeigen, was sich in der Vergangenheit etabliert hat. Keimlinge hingegen geben Hinweise darauf, wie der zukünftige Wald aussehen könne. Farwig betonte ihre Faszination für die Artenvielfalt im Regenwald, welche ihre Forschung motiviert. Ziel ihrer Forschung sei, nachhaltige Nutzungskonzepte zu finden, die sowohl den Erhalt der biologischen Vielfalt als auch die Ökosystemfunktionen für den Menschen gewährleisten. Die Biologie Professorin erwähnt als wichtigen Punkt der Studie, dass der Regenwald zwar eine hohe Resilienz und Potenzial zur Renaturierung habe, aber dies auf dem Erhalt intakter Wälder in der Umgebung basiere.

Abschließend vermittelt die Studie ein hoffnungsvolles Bild, dass tropische Regenwälder unter bestimmten Bedingungen ein großes Potenzial zur natürlichen Regeneration besitzen. Gleichzeitig darf man die Ergebnisse nicht als Entwarnung verstehen. Durch das Interview mit Prof. Dr. Nina Farwig wird klar, dass intakte Wälder als natürliches Reservoir gelten und die Grundlage für Renaturierung bilden. Im Gesamtbild zeigt sich: Renaturierung kann funktionieren, aber sie ersetzt nicht den Schutz der noch bestehenden intakten Wälder.

Artikel: Metz, T., Farwig, N., Dormann, C. F., Schaefer, H. M., Guevara-Andino, J. E., Brehm, G., Burneo, S., Chao, A., Chazdon, R. L., Colwell, R. K., Diniz, U. M., Donoso, D. A., Endara, M.-J., Erazo, S., Escobar, S., Falconí-López, A., Feldhaar, H., Garcia Villamarin, M., Grella, N., … Blüthgen, N. (2026). Biodiversity resilience in a tropical rainforest. Nature, 652, 1232–1239. https://doi.org/10.1038/s41586-026-10365-2

(Lektoriert von skb und nag.)