Kultur

Zwischen Poesie und Protest: Jina Khayyer liest in Marburg

By Yaren Eroglu

April 28, 2026

Bild: Ina Roh, Nelli Lindner

Jina Khayyer stellt im TTZ Marburg ihren Debütroman „Im Herzen der Katze“ vor. Es handelt sich um ein Buch, welcher ihre persönliche und die politische Realität miteinander verbindet. Einen Tag zuvor wurde sie in Kiel mit dem Leserschatz-Preis von Hauke Harder ausgezeichnet. Bei ihrem Auftritt in Marburg tritt sie dennoch ruhig und gelassen auf. Organisiert wurde die Lesung von der Kulturellen Aktion Marburg – Strömungen e.V., dem Marburger Literaturforum e.V. und dem Weltladen Marburg.

Ein Roman aus persönlicher und politischer Erfahrung

Khayyer, die als Dichterin, Malerin, Journalistin und Autorin arbeitet und seit 2006 in Paris sowie in Südfrankreich lebt, erzählt von den Hintergründen ihres Buches. Ausgangspunkt ist der Tod von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022. Die Nachricht erreicht die Protagonistin über Instagram, ein Moment, der sie stark trifft. Der gleiche Name verstärkt die Identifikation und wird zum Auslöser, sich intensiver mit der eigenen Geschichte und Herkunft auseinanderzusetzen.

Der Roman bewegt sich zwischen verschiedenen Zeitebenen: Gegenwart, Erinnerungen an frühere Aufenthalte im Iran und die Proteste der Grünen Bewegung 2009. Dabei geht es nicht nur um persönliche Erinnerungen, sondern auch um Fragen von Zugehörigkeit, Freiheit und Identität. Immer wieder rücken die Erfahrungen von Frauen  in den Mittelpunkt, deren Alltag von Kontrolle und Unsicherheit geprägt ist. In der ersten Passage führt Khayyer in das frühere Leben im Westiran, es handelt von familiären Situationen, Begegnungen und alltäglichen Szenen, die eine große Nähe erzeugen.

Ruhig und konzentriert

Khayyer liest etwa 15 bis 20 Minuten, in einem ruhigen, fast zurückgenommenen Ton. Im Raum entsteht schnell eine dichte und aufmerksame Atmosphäre. Viele im Publikum – überwiegend ältere Zuhörerinnen und Zuhörer – schließen die Augen, während sie zuhören.

Die Sprache des Romans fällt dabei besonders auf: poetisch, weich, stellenweise sehr ruhig. Ein Satz wie „Such in den Rosen die Gesichter deiner Tanten“ bleibt im Gedächtnis. Gleichzeitig steht diese sprachliche Schönheit im Kontrast zu den Erfahrungen, die geschildert werden, einem Alltag, in dem Unsicherheit und Gewalt für viele Frauen zur Realität gehören.

Form und Wirkung

Im anschließenden Gespräch mit Moderator Manfred Paulsen geht es um die Entscheidung für die Form des Romans. Khayyer beschreibt ihn als notwendiges Mittel, um die Tiefe und Komplexität der Geschichte zu erfassen. Nur so lasse sich ein Raum schaffen, in dem Leser*innen wirklich eintauchen können. Auch die Struktur des Buches wird thematisiert: das gleichzeitige Erzählen von Gegenwart, Vergangenheit und politischer Geschichte. Diese Ebenen greifen ineinander und spiegeln eine Realität, die zugleich persönlich und kollektiv ist.

In einer zweiten Lesepassage begleitet das Publikum zwei Schwestern auf einer Reise, bei der sich persönliche Spannungen und unterschiedliche Lebenswege andeuten.

Nach der Lesung folgt eine Fragerunde, in der es um Sprache, Erinnerung und die Verbindung von Schönheit und Brutalität im Text geht. Khayyer beschreibt ihre Arbeit als Versuch, beides zusammenzudenken – eine poetische Sprache und eine oft harte Realität.

Zum Abschluss bleibt der Abend offen: Viele Besucher*innen nutzen die Gelegenheit, mit der Autorin ins Gespräch zu kommen oder sich ihr Buch signieren zu lassen.

(Lektoriert von sel und lurs.)