Die Buchhandlung der Exilanten: Paris 1940 – Zuflucht und Widerstand
Bild: Emma Osmanovic
Adrienne Monnier und Sylvia Beach – zwei mutige Buchhändlerinnen und stille Heldinnen im Zweiten Weltkrieg. Sie führen zwei benachbarte Buchhandlungen in der Pariser Rue de l’Odéon, dem literarischen Treffpunkt der Stadt in den zwanziger und dreißiger Jahren. Dort verkehren Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler wie James Joyce, Ernest Hemingway oder Pablo Picasso. Doch mit der deutschen Besatzung im Jahre 1940 ändert sich alles und die Buchhandlungen werden zum Zufluchtsort für Exilanten und ihre Betreiberinnen zu Fluchthelfern.
In seinem Buch erzählt Uwe Neumahr die Geschichte der beiden Frauen, die mutigen Widerstand leisteten – vollständig auf realen Ereignissen basierend, wie Neumahr betont.
Uwe Neumahr stellt sein Buch vor
Einige Minuten vor Beginn der Lesung am 12.06.2026 füllt sich der Saal im Marburger Technologie- und Tagungszentrum. Die Veranstalter tragen immer wieder neue Stühle in den Raum, um allen Besuchern einen Platz anbieten zu können, weshalb sich der Beginn um einige Minuten verzögert. Dann ergreift Prof. Dr. Olaf Müller vom Institut für romanische Philologie der Universität Marburg – welches den Abend gemeinsam mit der Kulturellen Aktion Marburg Strömungen e.V. veranstaltet – das Wort.
Von Applaus begleitet, beginnt Neumahr schließlich die Vorstellung seines Buches. Zunächst gibt er einen kurzen Überblick über die „literarisch-kulturelle Hochkultur“ in und um die Buchhandlungen Monniers und Beachs und deren Niedergang durch den Einfall der Deutschen im Jahr 1940. Auch thematisiert er die Internierung deutsch-jüdischer Exilant*innen in Frankreich, die mit der deutschen Besetzung lebensgefährlich wird und die Buchhändlerinnen zu Fluchthelferinnen werden lässt.
Das Buch ist in zwei Erzählstränge eingeteilt, die im Wechsel erzählt werden. Einer beschreibt die Zeitspanne von der Gründung und der Glanzzeit der Buchhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg, der andere die Zeit im Zweiten Weltkrieg, geprägt durch Exilant*innen, Fluchthilfe und die deutsche Besetzung.
Zwischen Buchhandel, Internierung und Befreiung
Nach der Einführung liest Neumahr drei Passagen aus seinem Buch vor, beginnend mit dem Prolog, der vom Jahr 1942 berichtet. In diesem wird die gebürtige Amerikanerin Sylvia Beach vorgestellt und der Moment geschildert, in dem sie erfährt, dass sie von der Gestapo abgeholt werden soll. Ebenso wird erzählt, wie sich die Situation in Frankreich im Buchhandel und allgemein seit der Kontrolle durch die Nationalsozialisten verändert hat, von der Zensur bis hin zu Verhaftungen. Auch Beach wird, nachdem Deutschland Frankreich den Krieg erklärt hat, verhaftet und mit anderen amerikanischen Frauen in dem früheren Freizeitpark Jardin d’Acclimatation eingesperrt.
Danach springt der Autor zu einer Stelle, die zeitlich früher angesiedelt ist, und von der Beziehung zwischen Sylvia Beach und dem Schriftsteller Jamey Joyce handelt, dessen Roman Ulysses sie trotz Vorwürfen der Obszönität und damit einhergehenden Skandalen in der Vergangenheit als erste vollständig veröffentlicht. Ihre Buchhandlung wird dadurch berühmt.
Die letzte von Neumahr gewählte Textstelle behandelt die Internierung des deutschen Philosophen Walter Benjamin, der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Paris ins Exil ging, im Jahr 1939. Es wird erklärt, dass deutsche Emigranten als potenzielle Gefährder in Internierungslagern gesammelt werden. Auch Benjamins Zeit in einem ebensolchen Lager wird beschreiben.
Nach der circa 30-minütigen Lesung geht Neumahr auf die erfolgreichen Bemühungen von Adrienne Monnier ein, Walter Benjamin und auch Siegfried Kracauer, der ebenfalls interniert war, aus dem Lager zu befreien. Ebenso spricht der Autor über das Ende seines Buches, wo er schildert, wie Ernest Hemingway die Buchhandlungen von Monnier und Beach während der Kämpfe in Paris mit seiner Privatarmee verteidigt und von NS-Soldaten befreit.
Fragerunde und ein Happy End
Daraufhin kann das Publikum Fragen an den Autor stellen, die dieser bereitwillig beantwortet.
Hierbei erläutert er unter anderem, dass Adrienne Monnier, obwohl sie mitunter eine größere Rolle für die Geschehnisse gespielt hat, deutlich weniger populär ist als Sylvia Beach, und bezeichnet sie – auch weil sie nie selbst über ihre Rettungsaktionen geschrieben oder berichtet hat – als „stille Heldin“.
Auch das Thema „Sachbuch“ wird aufgegriffen. Hier erklärt Neumahr, dass sich das klassische Sachbuch in einer „verkäuferischen Krise“ befinde, weshalb das erzählende Sachbuch – wozu auch Die Buchhandlung der Exilanten zählt – in den Fokus rücke. Dabei betont er, dass sein Werk keinerlei fiktionale Elemente enthalte, sondern dass sich alles, was er schildert, auch tatsächlich so abgespielt habe. Er sagt: „Wenn Sylvia Beach in einem Zugabteil sitzt und außen einen Engländer in Uniform sieht, der seiner Frau zuwinkt, die Sylvia Beach gegenübersitzt, dann hat sie das so berichtet. Das habe ich mir nicht ausgedacht.“
Auf Nachfrage von Prof. Dr. Müller liest Neumahr spontan noch eine kurze Passage aus der „Happy-End-Szene“ seines Buches vor und bringt die Veranstaltung damit zu Ende.
Im Anschluss können die Zuschauenden sich ihre Bücher signieren lassen.
Über den Autor
Uwe Neumahr ist promovierter Romanist und Germanist und war lange an Universitäten tätig, bis er in die Buchbranche wechselte, wo er heute hauptsächlich als Literaturagent arbeitet, aber auch selbst Sachbücher veröffentlicht.
Sein letztes Buch Das Schloss der Schriftsteller: Nürnberg ’46. Treffen am Abgrund (2023) hat es, ebenso wie das aktuelle, auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft.
Die Buchhandlung der Exilanten: Paris 1940. Zuflucht und Widerstand ist am 20. Februar 2026 im Verlag C.H.Beck erschienen.
