Sneak-Review #308: „Meine Vulva, mein Königreich!“

Sneak-Review #308: „Meine Vulva, mein Königreich!“

Bild: Emma Osmanovic

Was tut man als arbeitsloser Ingenieur, wenn man finanziell am Ende ist, die Tochter das eigene Haus verkaufen will und die Frau trotz glücklicher Ehe im Bett unzufrieden ist? Man tüftelt logischerweise zuallererst an einem Vibrator, um wenigstens eines der Probleme zu lösen. Der Film Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust bildet genau diesen Lebensabschnitt eines französischen Paares ab und bewegt sich zwischen Kitsch und dem Anspruch, eine revolutionäre Geschichte zu erzählen.

Ein pinker Eiffelturm

Tom, gespielt von François Cluzet, bekannt aus Ziemlich beste Freunde, und Fanny (Alexandra Lamy) sind nach 20 Jahren Ehe noch immer ein glückliches Paar, doch es gibt ein Problem: Fanny hatte noch nie einen Orgasmus und Tom weiß es nicht. Sie geht deshalb zu einer Sexualtherapeutin, womit der Film auch direkt beginnt. Dort soll sie sich von der Seele schreien, was sie beschäftigt und Fingerübungen in ihrem Mund machen. Die Therapeutin hilft ihr zu verinnerlichen: „Ich liebe meine Vulva. Meine Vulva, mein Königreich!“, womit auch schon das Hauptthema das Films deutlich wird.

Die größte Herausforderung für Fanny bleibt jedoch, es ihrem Mann zu gestehen. Sie kauft sich verschiedene Vibratoren, unter anderem einen pinken Eiffelturm, der bei den Zuschauer*innen für Gelächter sorgt, und spricht schließlich mit Tom. Sie offenbart ihm auch, dass keines ihrer Sexspielzeuge das erreicht hat, was es verspricht. Tom ist entschlossen und will sich in seiner Hauswerkstatt selbst ans Werk machen, um ihr mit dem perfekten Vibrator endlich einen Orgasmus zu bescheren. Der Weg dahin erweist sich als holprig und Toms Vorgehen ist für die Zuschauer*innen nur mit viel Fremdscham anzusehen. Er begibt sich auf die Recherche danach, was seiner Frau helfen könnte, spricht dabei allerdings mit wenig Frauen und vor allem nicht mit seiner Eigenen. Mit der Entwicklung seines Produkts hat er schließlich Erfolg, und Fanny hat die glorreiche Idee, den „Womanizer“ als lebensveränderndes Produkt auf den Markt zu bringen.

Was den gesamten Film über schwer zu glauben scheint, ist, dass die Handlung auf wahren Begebenheiten beruht. Deshalb wirkt es übertrieben, dass Tom am Ende als der Mann dargestellt wird, der alle Frauen auf der Welt glücklich macht, nur weil er es bei seiner Frau geschafft hat.

Mitleid mit dem Unbeholfenen

Chéri, ich komme! folgt insgesamt einem recht subtilen Humor, der an vielen Stellen recht lustig, aber leider auch ziemlich vorhersehbar ist. Tom wirkt zu Beginn des Films sehr prüde, was vor allem deutlich wird, als das Paar das erste Mal gemeinsam einen Swingerclub besucht. Er fühlt sich sichtlich unwohl und lernt das erste Mal in seinem Leben das Konzept hinter Glory Holes kennen, was für ihn eine eher traumatisierende als lustbringende Erfahrung bedeutet. Seine tollpatschige Art ist an einigen Stellen so sympathisch, dass man ihn direkt in den Arm nehmen und ein wenig Hilfestellung fürs Leben geben will. Er tut einem auch dann leid, wenn er Sexratgeber kaufen will und eines der Bücher an der Kasse über die Lautsprecher durchgegeben wird – auch das geschieht leider auf eine sehr vorhersehbare Weise.

Wenn man außer Acht lässt, wie Tom versucht, sich in der Welt zurechtzufinden, bleibt nur noch eine kleine Nebenhandlung übrig, die eigentlich nichts zur Handlung des Films beiträgt. Ihre Tochter Elsa versucht als Maklerin das eigene Haus zu verkaufen und wird von ihren Eltern dabei immer wieder gehindert oder blamiert. Die Nebenhandlung stagniert bis zum Ende, sodass das Gefühl entsteht, sie existiere nur, weil Tom und Fanny nicht die einzigen Figuren sein sollen.

Die filmgestalterischen Mittel ergeben grundsätzlich ein stimmiges Gesamtbild. Die Atmosphäre im Film wirkt gemütlich und das französische Dorf, das gezeigt wird, klein, familiär und ländlich. Ein Bruch in der eher langsam gehaltenen Dynamik wird durch einen schnellen Wechsel mittels aneinandergereihter Schnittbilder erzeugt, bei denen verschiedene Bereiche im Haus des Paares beim Sex wackeln. Etwas merkwürdig für uns, erheiternd für das restliche Publikum.

Leichte Kost

Bei den Zuschauer*innen kam der Film mehrheitlich gut an. 78% von ihnen hat der Film überzeugt und 22% stimmten dagegen. Wir schließen uns hierbei der negativen Bewertung an. Die Schwachstellen des Films sind deutlich zu benennen. Die Charaktere wirken ehrlich und auch sympathisch, sind aber leider nicht tief genug gezeichnet. Die Handlung scheint sehr konstruiert, da sich genau vorhersagen lässt, was in der nächsten Szene passiert oder in einer späteren garantiert passieren wird. Der Humor kommt nicht zu kurz, jedoch gilt häufig: Man will nicht hinsehen, aber man muss.

Der Film Chérie, ich komme! – Die Erfindung der Lust läuft ab dem 23. Juli in den deutschen Kinos.

(Lektoriert von sel und nag.)

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