Sneak-Review #299: „F*ck the Queen”, Tourette und weitere Flüche
Bild: Emma Osmanovic
Spoiler Warning:
Dieser Rezension enthält Spoiler für den gesamten Film.
Spätestens seit dem Aufklärungserfolg von Gewitter im Kopf ist Tourette für Viele im deutschsprachigen Raum mehr als nur ein Fremdwort. Den Kampf für Aufklärung, den Jan Zimmermann (†) und Tim Lehmann in Deutschland führten, kämpfte John Davidson bereits seit seiner Kindheit in Schottland. In einer Zeit, in der Tics mit blutigen Händen bestraft wurden.
Erst Pub, dann ab – weshalb Davidsons Vater die Familie verließ
Kirk Jones begleitet in I swear oder Verflucht Normal das Leben des John Davidson, gespielt von Robert Aramayo. Davidson wächst in der schottischen Kleinstadt Galashiels auf. Er stammt aus einer klassischen britischen Arbeiterfamilie: Drei Kinder, Reihenhaus, wenn’s dem Vater zu viel wird, geht er in den Pub. Zunächst scheint er eine normale Kindheit zu leben. Er spielt gerne Fußball und soll sogar von einem Talentscout begutachtet werden. Doch mit zwölf Jahren, der Junge ist gerade auf eine neue Schule gekommen, verändert sich etwas. Er bekommt zunehmend motorische und verbale Tics. Sein Umfeld reagiert mit Ablehnung und Unverständnis. Der Schuldirektor schlägt ihm mit dem Gürtel die Handflächen wund, sein Vater verlässt nach dem vergeigten Fußball-Scouting die Familie und auch seine Mutter scheint den Jungen eher als Belastung zu empfinden.
Zucker statt Koks
Nach einem Zeitsprung in die 90er Jahre, Davidson ist nun ein junger Mann, begegnet er Dotty.
Dotty ist die scheinbar krebskranke Mutter eines alten Schulfreundes und die Erste, die ihn akzeptiert und unterstützt, wie er ist. Bereits nach einem Tag beschließt der junge Mann zu Dotty und ihrer Familie zu ziehen. Sie rät ihm seine Medikamente abzusetzen und hilft ihm, mit seinen Tics zu leben.
Davidson scheint das erste Mal wirklich glücklich zu sein und findet mit Dottys Hilfe sogar einen Job als Aushilfe beim Hausmeister des Bürgerzentrums. Tommy, der Hausmeister, baut eine enge, fast väterliche Beziehung zu Davidson auf. Er will ihn überreden, sein Leben zu nutzen, um andere über das Tourette-Syndrom aufzuklären, doch dieser ist zunächst nicht überzeugt. Trotz einiger Umwege über einen Sozialbau und eine kurze Karriere als Drogenkurier – es war nur Zucker – geht Davidson in seinem Job auf und übernimmt nach Tommys Tod dessen Stelle.
„F*ck the Queen” und Hoffnung
Als die Eltern einer jungen, ebenfalls an Tourette erkrankten Frau Davidson um Hilfe bitten, nimmt sein Leben abermals eine Wendung. Er folgt Tommys Rat und fängt an, sich für Touretteerkrankte zu engagieren. Er organisiert Treffen für Betroffene, betreibt Aufklärung an Schulen und in Polizeipräsidien. Davidson scheint seine Bestimmung gefunden zu haben und wird dafür, wie am Anfang des Films geteasert, auch von der Queen geehrt. Dieser begegnet er passend mit einem „F*ck the Queen”.
Das Ende ist hoffnungsvoll: Eine neue experimentelle Behandlung scheint Davidsons Tics nahezu vollständig zu unterdrücken und im Zug lernt er eine nette Frau kennen, mit der er sich gut zu verstehen scheint.
Zwischen Spannung und Humor
Die Filmbiografie über Davidson und dessen durchaus erschütterndes Leben meistert den schwierigen Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Humor hervorragen. Der Film lädt zum Schmunzeln ein, schafft es anderer Stelle aber auch wieder Ruhe von den Zuschauenden einzufordern.
Was los ist mit dem Jungen? Wir wissen’s leider schon
Trotzdem empfinden wir beide einige Entscheidungen im Drehbuch als suboptimal. Schon in der ersten Szene des Films, die in der Zukunft spielt,– ist ein Tic identifizierbar. Die Zuschauenden begreifen, während Davidson und dessen soziales Umfeld es zunächst nicht tun, was der Grund des Andersseins ist. Das baut eine gewisse Distanz zwischen dem leidenden Davidson und den Zuschauenden auf und schadet der Dramaturgie.
Wo ist eigentlich der Vater hin?!
Einige Entscheidungen und Handlungen, vor allem in Bezug auf die Familie und den Vater, missen emotionalen Tiefgang. Hier sei der verwunderliche Abgang des Vaters zu nennen. Diese Verwunderung rührt aber nicht aus einem Unverständnis, dass die Beweggründe niederträchtig sind, sondern eher daher, dass der Abgang abrupt wirkt und die Gründe sehr reduziert. Der Vater, der zu Beginn relevant für die Handlung ist, verschwindet und taucht nie mehr auf der Spielfläche auf.
Abschließende Worte – Das denken wir und das Publikum
Alles in Allem überzeugt der Film gerade aufgrund des Aufklärungscharakters und der schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten. Robert Aramayo und Maxine Peake lassen den Film dank ihrer authentischen Spielweise fast dokumentarisch wirken.
Verflucht normal ist kein gewagter, außergewöhnlicher oder überraschender Film, viel Spielraum bietet das Genre diesbezüglich aber auch nicht. Die Bewertung der 71 Sneak-Besucher*innen fiel gänzlich positiv aus. Niemand von ihnen bewertete den Film negativ, 58 Personen gefiel der Film gut, 18 Personen sehr gut.
Zusammenfassend: Eine gute Filmbiografie, die aber nicht überrascht.
(Lektoriert von Caroline Theile cat und nag.)
