Zwischen Makkaroni-Auflauf und Sorgen um eine feministische Zukunft – Ein Gespräch mit Katarina Barley
Foto: Carla Heinicke; Dr. Frank Gaeth / Wikimedia Commons, Für die Collage bearbeitet. Originalbild, Layout: Nelli Lindner
Gebürtige Kölnerin, Jura-Studium an der Universität in Marburg und Vizepräsidentin im Europäischen Parlament – Katarina Barley war unter anderem Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz sowie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bevor sie in die europäische Politik wechselte. In einem Gespräch gibt sie uns Einblicke in ihre Tätigkeit als SPD-Politikerin und verrät uns, welche Themen ihr am Herzen liegen.
Who is Katarina Barley?
Barleys Weg in die Politik beschreibt sie als eine Fügung aus zufälligen Gegebenheiten: „Es war nie mein Plan, in die Politik zu gehen.” Zwar sei Barley in einem politisch geprägten Elternhaus aufgewachsen, trat der SPD jedoch erst bei, während sie sich in ihrer Promotion befand. Seitdem arbeitete sie auf mehreren Ebenen: Sie begann als Mitglied bei den JuSos auf kommunaler Ebene, 2013 folgte ihr Einzug in den Bundestag. Seit 2019 ist sie Abgeordnete im Europäischen Parlament.
Ihren Arbeitsalltag als Vizepräsidentin fasst sie in drei Worten zusammen: „abwechslungsreich, anstrengend und unglaublich voll.” So reist sie als Mitglied des Vorstands für PES, die Europäische Sozialdemokratische Parteienfamilie, regelmäßig ins Ausland. Besonders viel Freude hat Barley mit den Besucher*innengruppen, die das Europäische Parlament entdecken. Sie betont, es sei wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Entscheidungen auf EU-Ebene direkt auf die nationale Rechtsordnung wirken.
Wir fragen sie, welche Fähigkeiten aus ihrem Jurastudium in ihrem Job besonders zugutekommen, sie antwortet: „Zum einen die Konditionierung darauf, dass man Dinge von allen Seiten betrachten muss, bevor man entscheidet. Zum anderen die Auseinandersetzung in der Sache von der persönlichen Ebene trennen zu können.” Perspektivwechsel und die Fähigkeit, Personen gleichzeitig als politische Diskussionspartner zu sehen und dennoch wertschätzend zu begegnen, stehen dabei im Fokus.
Barley und Marburg
Der Makkaroni-Auflauf im Café Barfuß mit extra Pfeffer, beinahe Hochschulmeisterin mit dem Rock‘n‘Roll-Team des Universitätssports und unvergessliche Partys im Konrad-Biesalski-Haus – prägende Erlebnisse für Katarina Barley aus ihrer Studienzeit in Marburg, die sie rückblickend als die intensivste Zeit ihres Lebens beschreibt.
Doch keineswegs stand Marburg als Ort des Jurastudiums für Barley von Anfang an fest. Sie schmunzelt darüber, „wie viele wirklich wichtige Entscheidungen am Ende völlig zufällig zustande gekommen sind und total anders verlaufen können.“ Die Universitätswahl erfolgte über die „Zentrale Vergabestelle für Studienplätze“ und war somit nicht nur in der eigenen Hand. Ursprünglich plante Barley ein Studium in ihrer Heimatstadt Köln und entschied sich schließlich dazu, einen Backup-Ort anzugeben, damit sie im Zweifelsfall nicht einer Stadt zugeordnet werden konnte, in die sie keineswegs wollte.
Allerdings hatte sie nicht bedacht, dass jede Person, die Marburg auch nur in das Ranking ihrer gewünschten Studienorte aufnahm, mit hoher Wahrscheinlichkeit der Philipps-Universität zugeordnet werden würde. Barley erklärt, dass zumindest damals viele für ein Jurastudium nicht nach Marburg wollten, „weil es den Ruf einer linken Fakultät hatte. Jura und links, ganz viele wollten das eben nicht. Ich war damals noch nicht Mitglied in einer Partei, aber mich hat es natürlich überhaupt nicht gestört.” Das Backup Marburg stellte sich schließlich doch als ziemlicher Glückstreffer heraus.
Doch wie wurde Barley auf das Städtchen Marburg aufmerksam? Sie erinnert sich an eine Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung in einem Wartezimmer, von dessen Titelblatt ihr Marburg entgegen lachte. „Und da stand, Marburg hat keine Universität, Marburg ist eine Universität. Und ich habe das dann gelesen und fand es irgendwie sympathisch.“
In Marburg begegnete Barley ihrem späteren Doktorvater, der einen tiefen Eindruck bei ihr hinterließ. Sie beschreibt ihn als exzellenten Professor, doch besonders betont sie seinen wertschätzenden Umgang mit den Studierenden. Barley schildert uns im Interview, wie sie gemeinsam mit weiteren Kommiliton*innen für die Lösungsskizze eines Falles argumentierte, welche von seinen Vorstellungen abwich. Anstatt auf seiner Position zu verharren, zeigte er Offenheit und ließ sich schließlich überzeugen, die Bewertung ins Positive zu verändern. Diese Art von Eingeständnis machte ihn für Barley zu einem souveränen und bewundernswerten Menschen.
Aufruf zum Feminismus
Wenn man sich Barleys Instagram-Account anschaut, fällt einem sofort der Hashtag Feminismus in ihrer Bio auf. Wir wollen verstehen, was Barleys Politik zu einer feministischen macht. Für Katarina Barley ist Feminismus kein Add-on, sondern Teil einer gesellschaftlichen Pflicht: „Man kann eigentlich gar nicht Nicht-Feministin sein”, meint sie. Ziel sei es doch, dass jeder Mensch sich frei entfalten könne.
Für Barley ist es besonders wichtig, zu verstehen, dass anti-feministische Bewegungen in Europa kein neues Problem, sondern bereits seit Jahrzehnten in der Politik verankert sind: „Antifeministische Kampagnen entstehen nicht spontan, sondern sind massiv institutionell gestützt.”
Barley erkennt ihre Aufgabe als EU-Parlamentarierin darin, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir um den Feminismus kämpfen müssen. Ein Kampf, der nur in Zusammenhalt und Solidarität gelingen kann.
„Wir müssen aufhören, uns auseinanderdividieren zu lassen” meint sie und findet damit klare Worte gegen den wachsenden Antifeminismus. In den USA fordern rechtsextreme ideologisch geprägte Stimmen ein sogenanntes „Familienwahlrecht“. Pro Familie soll es nur eine Stimme geben, ausgeübt vom, meist männlichen, Familienoberhaupt. Der christlich-fundamentalistische Aktivist Joel Webbon etwa propagiert offen eine Zurückdrängung von Frauen in den häuslichen Bereich.[1] Barley warnt vor solchen Entwicklungen: „Bei so vielem können wir uns im Moment noch nicht vorstellen, was für Attacken möglich sind auf Dinge, die wir für selbstverständlich halten.“
Insbesondere feministische Kämpfe im digitalen Sektor unterstützt Barley. Sie setzt sich mit der Frage auseinander: „Wie sind Frauen in der digitalen Welt vor Gewalt in jeder Hinsicht geschützt?” Sie fordert dazu auf, unter anderem HateAid zu fördern – eine Organisation mit Sitz in Berlin, die Betroffene, insbesondere Frauen, bei Hass und digitaler Gewalt unterstützt. Im Dezember 2025 verhängte die US-Regierung unter Donald Trump Sanktionen und Einreiseverbote gegen die beiden Geschäftsführerinnen, mit der Begründung, die Organisation schränke die amerikanische Online-Meinungsfreiheit ein.[2]
Barleys Botschaft an uns
Zusätzlich zu ihrem Anliegen, der aktuellen antifeministischen Entwicklung in gemeinsamer Stärke entgegenzuwirken, macht Katarina Barley Vorschläge, wie sich junge und motivierte Menschen politisch engagieren können. Man müsse sich zuerst darüber bewusst werden, wie vielfältig Politik sei. Kommunalpolitik in Marburg sei nicht die einzige Möglichkeit, sondern auch die Hochschulpolitik der Universität selbst oder NGOs können alternative Anlaufstellen darstellen, wie beispielsweise die Bewegung „Pulse of Europe”.[3]
Barley betont, dass es nicht unsere Entscheidung sei, ob Politik überhaupt stattfinde. Vielmehr liege es in unserer Hand, ob wir uns isolieren und sagen, wir hätten keine Lust und Kapazität für Politik oder ob wir versuchen, die Dinge anzupacken und zu verändern.
Trotz der vielen Sorgen, die Barley vor allem im Hinblick auf die Entwicklung in den USA mit uns teilt, gibt uns das Gespräch auch Hoffnung. Ein realistischer Blick sei wichtig, doch mindestens genauso wichtig sei der Gedanke, dass ein unermüdlicher Kampf für eine gerechtere und feministische Zukunft gelingen mag.
(Lektoriert von lurs und mas.)
[1] https://www.peoplefor.org/rightwingwatch/post/christian-nationalist-pastor-joel-webbon-says-women should-not-be-allowed-to-vote (letzter Aufruf: 11.05.2026).
[2] https://hateaid.org/einreiseverbot-gegen-geschaeftsfuehrerinnen-von-hateaid/ (letzter Aufruf: 11.05.2026).
[3] https://pulseofeurope.eu/ (letzter Aufruf: 11.05.2026).
