Sneak Preview #292: Eine Frage der Anpassung
Bild: Nelli Lindner
Das Leben in unserer Gesellschaft ist nicht immer einfach, vor allem wenn man nicht ganz ins Bild passt. Therapie für Wikinger (im dänischen Original „Den sidste viking“ – Der letzte Wikinger) zeigt auf makabere Art und Weise und mit nicht zu wenig Gewalt, dass sich lieber die Anpassbaren an die Unanpassbaren anpassen sollten.
Die Suche nach der Beute und noch mehr
Die neue schwarze Komödie von Anders Thomas Jensen begleitet Anker (Nikolaj Lie Kaas), der 15 Jahre nach einem Raubüberfall mit Todesfolge aus dem Gefängnis freikommt. Um endlich seine Beute zu bekommen, kehrt er nach Hause zu seinen beiden Geschwistern Freja (Bodil Jørgensen) und Manfred (Mads Mikkelsen) zurück, denn nur sein Bruder weiß, wo die Beute versteckt liegt. Theoretisch – er scheint es nämlich vergessen zu haben.
Manfred leidet unter einer dissoziativen Identitätsstörung, auf die Anker keine Rücksicht nimmt und durch sein unempathisches und ignorantes Verhalten dafür sorgt, dass Manfred immer wieder versucht sich selbst zu verletzen. Um Manfreds aktueller Identität – John Lennon – einen Sinn zu geben, planen sie, die Beatles wiederzuvereinigen und finden sich dazu wenig später im Elternhaus der Geschwister wieder. Deren Mutter ist mittlerweile verstorben und das Haus dient nun als Airbnb, Beuteversteck und als ein Ort, der Anker Antworten auf Fragen gibt, von denen er nicht wusste, dass er sie hatte.
Wir erleben die brüderliche Beziehung Ankers und Manfreds, und wie sie mit ihrer traumatischen Kindheit umgehen, lernen ein weiteres ungleiches Paar kennen, das nun das Airbnb betreibt und ebenfalls Dinge aufzuarbeiten hat, und fiebern bei den Proben einer Band mit, die aus weit mehr Personen als den vier Beatles besteht.
Dunkel, gewaltvoll und trotzdem irgendwie gut
All das erzählt Jensen in Form einer schwarzen Komödie, bei der man sich schlecht fürs Lachen fühlt und doch oftmals nicht anders kann, als die überraschenden Einschübe komisch zu finden. Gleichzeitig thematisiert der Regisseur und Drehbuchautor ein schweres Thema und gibt seinen Figuren Raum, um sich weiterzuentwickeln (oder eher anzupassen). Und auch die absurde und sehr explizite Gewalt, die auf einmal überhandnimmt, gibt der Handlung einen seltsamen Sinn. Auf die ein oder andere blutige Szene hätte man verzichten können, doch die Menschen, die mit Jensens Filmen vertraut sind, sollten darauf vorbereitet sein.
Zum Nachdenken regt der Film dennoch an und wirft – wenn auch sehr überspitzt – die Frage auf, wie weit sich die Gesellschaft an eine dissoziative Identitätsstörung (und darüber hinaus) anpassen kann. Baut man – wie im Film erklärt – einem Napoleon ein ganzes Königreich, damit er sich endlich wohl und wie zuhause fühlt, oder schließt man ihn aus und behandelt ihn als anders? Fühlt sich eine beeinträchtigte Person nur dann wieder wohl, wenn sich ihr Umfeld an ihre Bedingungen anpasst, anstatt andersherum? Therapie für Wikinger versucht diese Frage auf seine eigene Art zu beantworten.
Der Film schneidet gut ab
Das Publikum der Sneak Preview im Cineplex sah Therapie für Wikinger mit 88% positiven Stimmen als durchaus gut an, 12% stimmte mit schlecht (-) oder sehr schlecht (- -) ab. Wer also gut mit schwarzem Humor umgehen und explizite Gewalt aushalten kann, hatte es nicht bereut, sich diesen Film ab dem 25. Dezember in den deutschen Kinos angeschaut und den Brüdern bei ihrer Vergangenheitsbewältigung die Daumen gedrückt zu haben.

Toller Artikel! Man bekommt einen guten Eindruck von der Gesamtstimmung, ohne zu viel zu verraten, und wird neugierig auf einen Film, den man sonst vermutlich eher übersehen hätte.