Wenn Fischer Fritz nach Worten fischt
Foto: Jan Bosch, Collage: Martha Schoop
Mit Fischer Fritz bringt das HLTM ein Stück von Raphaela Bardutzky auf die Bühne, das nicht nur durch seine spannenden Figuren, sondern auch durch geschickte sprachliche Gestaltung beeindruckt. In einem künstlerischen Wechselspiel zwischen Hochdeutsch, Hessisch und Ukrainisch, entsteht ein Theaterstück, das die Relevanz des Alltäglichen betont.
Jetzt hat’s sich ausgefischt
Fischer Fritz fischt jetzt schon seit einiger Zeit keine frischen Fische mehr. Stattdessen liegt er im Krankenhaus und versucht, sich von seinem Schlaganfall zu erholen. Schnell wird klar, dass er nicht mehr in der Lage sein wird, für sich selbst zu sorgen. Auch sein Sohn Franz kann nicht die Zeit dafür aufbringen, seinen Vater zu pflegen und ein Pflegeheim ist zu teuer. Also muss eine andere Lösung her. Über eine Agentur engagiert er daher die ukrainische Live-in-Pflegekraft Uljana, die sich fortan an sechs Tagen der Woche um den alten Fritz kümmert. Am siebten Tag kommt Franz vorbei, um etwas Zeit mit seinem Vater zu verbringen.
Die harte Realität einer Pflegekraft
Der repetitive Alltag Uljanas zermürbt sie schnell. Früh aufstehen, Fritz waschen, Frühstück zubereiten, putzen, kochen und einkaufen – abends fällt sie todmüde ins Bett. Sie fühlt sich einsam und kommt kaum dazu, das Haus zu verlassen und etwas Freizeit zu haben. Ihr einziger Lichtblick in manch einer freien Minute ist das Chatten mit einem Ukrainer, den sie kurz vor Beginn ihres Pflegejobs kennengelernt hat. Doch trotz des Stresses kommt es immer wieder zu gemeinsamen Momenten der Empathie, die sie verbinden. Zum Beispiel, wenn sie neue Kartenspiele ausprobieren oder Fritz Geschichten vom Fischerleben mit ihr teilt. So kann sich auch der mürrische Fritz an die bemühte Uljana gewöhnen und findet sich damit ab, nicht mehr alles selbst erledigen zu können.
Die Perspektiven, die hier auf die fordernde Care-Arbeit sowie die schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhne ausländischer Pflegekräfte geworfen werden, sensibilisieren für die Thematik. Und dennoch: Das Stück zeigt nur einen winzigen Teil dieses Massenphänomens moderner Ausbeutung.
Care-Arbeit auf drei Sprachen
Mal auf Hessisch, mal auf Hochdeutsch und mal auf Ukrainisch laufen die Gespräche zwischen Fritz und Uljana ab. Während ersterer versucht, seine Sprachkompetenzen nach dem Schlaganfall wieder zu erweitern, trainiert die Ukrainerin ihr eingestaubtes Deutsch. Dabei entstehen immer wieder clevere Wortspiele und herausfordernde Zungenbrecher, wie auch jener vom titelgebenden Fischer Fritz. Das Spiel mit Worten ist zuweilen so geschickt, dass es bedauerlich war, die ukrainischen Sätze nicht verstehen zu können, denn dort hätte sich gewiss noch das ein oder andere linguistische Kunststück verborgen. Dem Gesamtverständnis des Stückes tut dies jedoch keinen Abbruch. Und darüber hinaus hat Fischer Fritz nicht nur aus einer sprachlichen Perspektive heraus etwas zu bieten.
Auf Fischer folgt Friseur
Auch das Verhältnis zwischen dem Sohn Franz und seinem Vater ist schwierig. Seitdem sich Franz entschieden hatte, Friseur zu werden und somit der langen Familientradition im Fischerdasein zu brechen, ist ihre Beziehung angespannt. Lang unterdrückte Konflikte treten zutage und es stellt sich die Frage, ob sie trotzdem wieder zueinander finden können. Die Suche nach Verständigung und Harmonie bleibt das Leitmotiv des Stückes und zeigt auf, dass auch in den schlechtesten Zeiten Raum für Menschlichkeit bleiben muss.
Am Ende bringt das Hessische Landestheater Marburg ein ansprechendes Stück auf die Bühne, das zwar keine wirklich überraschende Handlung oder wirkmächtige Bühnenbilder zu bieten hat, dafür aber durch seinen geschickten Umgang mit Sprache und authentisch wirkenden Einblicken in einen sonst eher unterbelichteten Lebensalltag brilliert. Wer seinen Horizont erweitern und mal eine etwas andere Form der Unterhaltung sucht, wird damit auf seine Kosten kommen.
Fischer Fritz läuft voraussichtlich zum letzten Mal am 9. Mai im HLTM.
kommt aus Bielefeld, studiert Politikwissenschaft, Soziologie sowie neuere deutschsprachige Literatur und ist seit 2025 bei PHILIPP. Mag Füller, Veggie-Döner und alte Filmklassiker.

