Wie eine Familie zerreißen kann
Bild: Hannah Benner
Deutschland in den 1950ern: Ein junges Mädchen stellt seine Eltern vor Herausforderungen im Alltag. Doch aus anfänglicher Überforderung erwächst schließlich eine neue Perspektive auf das Leben. Saskia Hennig von Lange erzählt in ihrem Roman die mitreißende Geschichte einer kleinen Familie in der jungen Bundesrepublik.
Saskia Hennig von Lange hat mit Heim 2024 bereits ihren dritten Roman veröffentlicht und wurde mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet. In ihrem neuesten Werk thematisiert sie das Leben einer Kleinfamilie, bestehend aus Tilda, ihrem Mann Willem und deren gemeinsamer Tochter Hannah, die „anders“ ist als die anderen Kinder ihres Alters. Die Einführung der Lesung ist schnell vorüber und die Autorin beginnt zu lesen.
Wie ein Kind die Welt sieht
Hennig von Lange liest zunächst aus dem ersten Kapitel ihres Romans vor. Aus Hannahs Perspektive wird das Umfeld in ihrem Heim, ihrem Zuhause, beschrieben. Es entsteht der Eindruck eines wachen, aufmerksamen Verstandes, der sein Umfeld scharfsinnig beobachtet. Die Welt erklärt sich ihr in Zahlen: Die Menge an Karos auf der Bettdecke oder Insekten im Erdreich – alles ordnet Hannah genaustens ein. In den Augen ihrer Mutter zu genau, denn für sie wirkt Hannah realitätsfremd und abwesend. Überdies spricht Hannah kaum und singt stattdessen Lieder. Tilda hat wenig Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Tochter, empfindet sie eher als ein Hindernis.
Hannah findet Zuflucht vor allem bei ihrem Vater Willem, wenn die beiden heimlich in den Keller gehen. Dort hören sie Jazz-Platten und können gemeinsam in der Musik schwelgen. Musik – das hilft Hannah, bereitet ihr Freude und bleibt ein Leitmotiv der Erzählung.
Auf der Suche nach schriftstellerischer Inspiration
Nun gibt es eine erste Pause in der Lesung. Die erste Frage: Was hat es mit dem Titel auf sich? Die Doppeldeutigkeit des Wortes „Heim“ sei bewusst gewählt, steht es doch sowohl für das Zuhause eines Menschen als auch für Einrichtungen wie Kinderheime oder Pflegeheime, erklärt die Autorin. Der Titel sei jedoch die Idee ihres Lektors gewesen.
Anschließend fragt eine Zuhörerin, wie die Autorin Hannahs Perspektive im Buch so glaubhaft verwirklichen konnte? Denn obwohl im Roman nie direkt erwähnt, so wird doch schnell deutlich, dass sich Hannah auf dem Autismus-Spektrum bewegt. Umso beeindruckender ist es, wie selbstverständlich und nachvollziehbar Hannahs Handlungen und ihre Gedankenwelt an die Zuhörer*innen vermittelt werden.
Saskia Hennig von Lange kommt darauf zu sprechen, dass sie sich für diese Geschichte erstmals ein reales Vorbild aus den Reihen ihrer Familie nahm. Heim erzählt in weiten Teilen die Geschichte ihrer Großcousine und deren Eltern. Vier Jahre lang habe sie daran gearbeitet, recherchiert und Familienmitglieder befragt. Als sie feststellte, dass beinahe jeder in ihrer Familie eine andere Version der Ereignisse erzählte, entschied sie sich, den ursprünglich als Bericht geplanten Text zu fiktionalisieren und einen Roman daraus zu machen.
Eine Tochter zurücklassen
Sie springt in die Mitte des Romans: Tilda und Willem entschließen sich, ihre Tochter in einem Heim abzugeben. Die Autofahrt im Opel Olympia (dies war der Arbeitstitel des Buchs) wirkt noch fröhlich. Hannah und Willem singen gemeinsam zur Musik im Radio, während Tilda in den letzten Momenten mit ihrer Tochter vor der Trennung schweigt. Der Abschied erfolgt kurz und schmerzlos.
Hannah ist im Heim nicht zufrieden und trifft auf wenig Verständnis seitens der Heimerzieher*innen. Währenddessen schlägt die anfängliche Erleichterung ihrer Eltern, sich nicht mehr mit dem Kindeswohl befassen zu müssen, schnell in eine bedrückte Stimmung um. Weder Willem noch Tilda sind alleine wirklich glücklich. Und Tilda merkt, dass ihr Mann – einstiger Held der Luftwaffe in der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg – auch nicht mehr der ist, der er früher einmal war. Doch diese Vergangenheit im Nationalsozialismus wird totgeschwiegen, ebenso wie das allgegenwärtige Wissen darüber, was Kindern wie Hannah damals angetan wurde.
Die historische Dimension
In der zweiten Lesepause entsteht ein reges Gespräch über das Schweigen nach dem Krieg und die grausamen „Euthanasie“-Morde, die das NS-Regime an Menschen mit Behinderung beging. Im Austausch wird auch die Rolle der Stadt Marburg in dieser perfiden Aktion betont, die unter anderem in ihren sogenannten „Zwischenanstalten“ Menschen für den Weitertransport in Tötungsanstalten sammelte. Und er handelt davon, wie sich die Menschen aus reinem Opportunismus heraus stets so ausrichten, wie es ihnen gerade passt. Bisher war die gesamte Geschichte sehr nah an der Realität der Großcousine Hennig von Langes. Im letzten Teil des Romans nutzt sie jedoch ihre schriftstellerische Freiheit aus und dichtet ein fiktives Ende hinzu:
Nachdem Tilda und Willem bewusst geworden war, wie sehr ihnen ihre Tochter doch fehlte, beschließen sie, Hannah wieder nach Hause zu holen; wenn nötig mit Gewalt, da sie das Sorgerecht offiziell an das Heim übergeben haben.
Nach der Lesung entsteht noch eine kurze Fragerunde. Hennig von Lange erzählt, dass einer der Auslöser für ihren Roman die politische Entscheidung gewesen sei, Tests bei Schwangeren auf Trisomie zur Kassenleistung zu machen. Heim ist ihre Antwort auf diese Kontroverse. Sie versucht außerdem, einen kritischen, wenn auch nicht ablehnenden Blick auf Kinderheime zu vermitteln. Was man als zentrale Botschaft des Romans mitnehmen soll? Die Menschen sollten mutiger sein, wie die Eltern von Hannah am Ende. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Doch Heim ist facettenreich, vielschichtig und eindrücklich in seiner Erzählung. Eine mitreißende Geschichte, die zum Nachdenken anregt und einen festhält.
