„Der zerbrochne Krug“ begeistert am HLTM
Foto: Jan Bosch, Collage: Laura Schiller
Es ist fraglich, ob man hier im Theater oder in einer Heimsuchung gelandet ist. Ein dunkler Raum, ein Mann liegt in einem Bett, umhüllt von Nebelschwaden, umspielt von leiser Klaviermusik. Und dann – ein Lichtstrahl. Wie aus einem Tor zur Totenwelt tritt eine weiß gekleidete Frau auf die Bühne. Immer weiter nähert sie sich dem Mann, steigt irgendwann auf sein Bett und singt leise: „You should learn how to go“.
Noch bevor ein Wort gesprochen wird, hat die Inszenierung schon ihre Macht entfaltet. Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug am HLTM macht direkt klar: Das ist kein klassisches Lustspiel. Das ist ein Albtraum.
Aber worum geht es eigentlich?
Kleists Stück, hier unter Regie von Paul Spittler, spielt in dem kleinen niederländischen Dorf Huisum. Dort soll ein (scheinbar) simpler Fall verhandelt werden: Frau Marthe Rull beschuldigt den Verlobten ihrer Tochter Eve, ihren wertvollen (und titelgebenden) Krug zerbrochen zu haben. So weit, so unspektakulär.
Doch schon die Umstände des Prozessbeginns wirken ungewöhnlich. Der Dorfrichter Adam, zuständig für die Aufklärung des Falls, hat gerade ganz andere Sorgen: Sein Gerichtsschreiber Licht findet ihn morgens verletzt, mit zweifelhaften Erklärungen für seine Wunden, und – noch peinlicher – ohne seine Richterperücke vor. Als dann auch noch der Gerichtsrat Walter unangekündigt auftaucht, um die Amtsführung der Justiz auf dem Land zu prüfen, ist klar: Irgendetwas ist faul im Dorfe Huisum.
Von Krügen und Lügen
Der Gerichtsprozess, ursprünglich begonnen wegen eines zerbrochenen Kruges, entwickelt sich zur Farce. Die Aussagen der Zeug*innen widersprechen sich, sind lückenhaft oder offenkundig eigennützig: Eves Verlobter Ruprecht (Flamur Blakaj) ist überzeugt, dass sie ihn in der Tatnacht betrogen hat und versucht sie nun vor Gericht zu denunzieren. Schließlich hat der Eifersüchtige in jener Nacht selbst die Tür zu Eves Schlafzimmer eingetreten und einen Mann flüchten sehen, dem er dann noch die Türklinke über den Kopf gezogen hat.
Frau Marthe Rull wiederum versucht, Ruprecht die Tat in die Schuhe zu schieben, um die Gerüchte der vermeintlichen Untreue ihrer Tochter abzuwehren und ihren guten Ruf zu schützen. Licht wünscht sich Adams Scheitern herbei, denn er will selbst Dorfrichter werden. Und Frau Brigitte (David Zico) beschuldigt kurzerhand den leibhaftigen Teufel als Täter. Je mehr Menschen sprechen, desto unklarer wird, was wirklich geschehen ist.
Das ist kein Zufall, sondern Teil des dramaturgischen Konzepts: Der zerbrochne Krug ist ein analytisches Drama. Die Wahrheit liegt vor Beginn des Stücks und wird erst rückwärts aus Widersprüchen, Lügen, Geständnissen und Indizien rekonstruiert. Dass man zu Beginn deswegen erstmal wenig bis gar nichts versteht, ist also gewollt. Die Inszenierung zwingt das Publikum, sich im Strudel der Aussagen selbst zurechtzufinden. Die Aufklärung am Ende kommt, aber nicht im Stil eines Agatha-Christie-Krimis, bei dem am Schluss die perfekte Lösung präsentiert wird. Der Weg zur Wahrheit ist hier ein Prozess voller Lücken und individueller Deutungsmöglichkeiten.
Richterin Barbara Salesch wäre stolz
Die Streitparteien rennen durch den Zuschauerraum und brüllen sich über die Köpfe des Publikums hinweg an. Mein erster Gedanke: Wie bei RTL II. Und mein Gedanke wird bestätigt. Hinter einer glitzernden Löwenkulisse stellt Richter Adam ein Foto von Barbara Salesch auf sein Pult. Und genauso wie bei der bekannten pseudodokumentarischen Gerichtsshow wirkt auch das schrille Auftreten der Figuren. Hier wird weniger Recht gesprochen als performt. Ein Schauprozess: Wahrheitsfindung wird zu Selbstinszenierung.
Das Dorf vor Gericht
Die Erscheinung der Frau Marthe Rull (Bibiana Malay), die Betonung liegt hier übrigens auf „Frau“, denn eine andere Charaktereigenschaft hatte sie laut Kleist wohl nicht nötig, ist Theater pur. Herrlich schrill mit neon-pinkem Lippenstift donnert sie ihre Anklagen über die Bühne. Ihre flammende Rede für ihr liebstes Dekorationsobjekt, dass sie unter allen Umständen rächen will, ist ein Fest. In Atempausen raucht sie E-Zigarette und trägt eine Frisur, auf die Marie Antoinette neidisch gewesen wäre.
Gerichtsrat Walter (Ulrike Walther) hingegen ist nicht nur tödlich genervt von den Allüren Adams, sondern vor allem scharfsinnig. Sie scheint von Anfang an alles durchschaut zu haben, fragt kritisch nach und wirkt wie die einzige moralisch aufrichtige Person in dieser Posse.
Der Gerichtsschreiber Licht (AdeleEmil Behrenbeck) ist in seinem Schwanken zwischen Machtgier und ironischem Überlegenheitsgefühl gegenüber seinem Vorgesetzten eine komödiantische Figur. Im Hintergrund kommentiert er mit seinen Gesten und Mimen Adams Verhalten wortlos.
Kleist liebt sprechende Namen: Das biblische Sündenfall-Pärchen (Richter) Adam und Ev(a)e, das uns eigentlich von Beginn an einen Hinweis auf eine Tragödie gibt. Der kluge, wahrheitsgetreue Gerichtsschreiber, der wortwörtlich Licht ins Dunkel bringt und den Gerichtsrat Walter, ein Verwalter.
Ein Richter im freien Fall
Sven Bormann spielt den Richter Adam großartig überhöht: Ein Mann, der zwischen Wutanfällen, theatralischen Machtgebärden und panischer Selbstverteidigung schwankt und versucht, seine Unsicherheit mit übertriebenen Emotionen zu verdecken. Seine königliche Robe trägt er mit der Überzeugung eines Monarchen, auch wenn seine Herrschaft von Minute zu Minute mehr bröckelt. Immer wieder erinnert er sich in Schreckensmomenten an die Vergangenheit. Die Bühne verdunkelt sich, Klavierklänge setzen ein und alle Figuren starren ihn an. Sind das Dämonen? Oder doch eher die personifizierte Schuld? Diese Visionen zeigen: Adam trägt die Wahrheit mit sich herum. Er weiß es, und die anderen wissen es auch. Sie zeigen einen Mann, der etwas zu verbergen hat. Die Inszenierung spart nicht an Symbolik: Hier zerbricht nicht nur ein Krug, sondern ein ganzes System.
Die stumme Wahrheit
Eve (Anke Hoffmann) erscheint zunächst wie eine überforderte, völlig genervte Teenagerin, gekleidet in Leo-Jeans und Felljacke, einer pinken Haarsträhne in den wasserstoffblonden Haaren. Doch ihr vermeintliches Nichtstun ist sehr tatkräftig.
Ihr Körper protestiert lange, bevor sie spricht. Apathisch sitzt sie auf der Anklagebank, wackelt mit den Beinen, reibt ihre Hände nervös aneinander. Je länger der Prozess dauert, desto klarer wird, dass sie etwas weiß. Denn warum setzt sich der Richter immer wieder über ihre Versuche hinweg, sich im Prozess zu äußern? Konstant wird sie von allen Parteien unter Druck gesetzt: von ihrer Mutter, ihrem Verlobten, der Justiz.
Und Eve? Die dreht sich irgendwann wortlos von der Szenerie weg zum Publikum. Auf der Bühne existiert kein Raum für ihre Wahrheit, also wendet sie sich an diejenigen, die ihr tatsächlich zuhören können, die sie sehen. Ihr Blick ist starr.
Alle reden über Eve, aber niemand redet mit ihr. Alle richten über Eve, doch eigentlich ist sie diejenige, die richtet. Der Song „Violet“ von Courtney Love und Eric Erlandson, der den Abend durchzieht, wird mit Eves Stimme schließlich zu einer Protest-Perfomance. Und schließlich deckt sie doch alles auf: Stockend und verstört gibt sie die Wahrheit von sich.
In der Figur Eve verdichtet sich der weibliche Protest. Sie verweigert sich, Teil eines Prozesses zu werden, der sie zum Schweigen bringen will, aber gleichzeitig über sie urteilt. Eve stellt sich gegen das System und wird so selbst zur Richterin.
Was zerbricht hier eigentlich alles?
Hier scheint mehr zu zerbrechen als nur ein Dekorationsobjekt. Die gängigste Deutung ist wohl das Zerbrechen von Eves Jungfräulichkeit – und damit zerbricht auch die Beziehung zu Ruprecht. Doch auch Richter Adams Stellung wird von Aussage zu Aussage brüchiger. Nach Eves Aussage zerbricht männliche Macht, die heile Welt des kleinen Dorfes fällt in sich zusammen. Und am Ende zerbricht schlicht das gesamte Justizsystem. Was Frau Marthe mit dem zerbrochenen Krug also anklagen will, bleibt am Ende jedem selbst überlassen. Dass auf dem Krug Bilder der Gründung der Niederlande zu sehen sind, verweist zusätzlich auf ein politisches und juristisches Fundament, dass längst Risse bekommen hat.
Die Inszenierung am HLTM ist bunt, glitzernd, überdreht und gleichzeitig erschreckend düster. Genau darin liegt ihre Stärke: Kleists Lustspiel wird zu einem Albtraum über Macht, Gewalt, Wahrheit und deren Verdrängung. Es ist ein zersplittertes Spiegelbild einer Gesellschaft und eines Systems, das vorgibt, Gerechtigkeit zu schaffen, aber selten die Richtigen schützt. Lachen und Weinen vor Wut liegen hier nah beieinander. Als letzter Nachhall bleibt eine Zeile aus dem Song: „When they get what they want, and they never want it again.“ Vielleicht ist das die bitterste Erkenntnis dieser Inszenierung.
Der zerbochne Krug läuft noch bis 29. Januar und am 22. Mai im Hessischen Landestheater Marburg.
ist seit Oktober 2024 bei PHILIPP, studiert PoWi und Neuere deutschsprachige Literatur, weiß (fast) alles über die Simpsons und kann "Faust" auswendig zitieren.

