Solidarity Poetry Abend in Marburg erinnert an Anschlag von Hanau

Solidarity Poetry Abend in Marburg erinnert an Anschlag von Hanau

Bild: Annabell Sent

Im Zusammenhang mit dem bundesweiten Gedanken an den rassistischen Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020 fand in Marburg erneut ein Solidarity Spoken Words Poetry Abend statt. Die Veranstaltung wurde von PerspektivWechselPoetry organisiert und setzte bewusst nicht auf das klassische Format eines Poetry Slams. Statt eines Wettbewerbs, bei dem Punkte vergeben werden und Applaus als Maßstab dient, stand das gemeinsame Zuhören und Vortragen von Texten im Mittelpunkt. Der Abend verstand sich als Raum für Erinnerung und Austausch.

Der Abend erinnerte an die Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau. Am 19. Februar 2020 erschoss der Attentäter innerhalb weniger Minuten neun Menschen aus rechtsextremen und rassistischen Motiven. Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov wurden an diesem Abend ermordet. Weitere Personen wie Said Etris Hashemi oder Muhammed B. wurden verletzt. Zuletzt verstarb Ibrahim Akkuş im Januar 2026 an den Folgen seiner schweren Verletzungen von 2020. Der Anschlag zählt zu den schwersten rechtextrem motivierten Gewalttaten der vergangenen Jahre in Deutschland.

Literarische Beiträge mit persönlicher Note

Nach einer kurzen Begrüßung wurde die Bühne für ein offenes Mic freigegeben. Fatih Serbest, Marie-Claire Tjombe, Cansev und Artem präsentierten eigene Texte. Die Beiträge umfassten unterschiedliche literarische Formen, darunter Gedichte, Kurzprosa und persönliche Texte. Inhaltlich knüpften viele der Vorträge an die Thematik des Abends an. Die Auftretenden, allesamt Personen mit eigenen Erfahrungen von Rassismus und teils auch Sexismus, griffen sowohl gesellschaftliche als auch biografische Perspektiven auf. Dabei wurden individuelle Erlebnisse, strukturelle Diskriminierung und Fragen von Zugehörigkeit und Erinnerung thematisiert.

Begleitend zur Lesung gab es auch einen Infostand. Besucher*innen konnten dort unter anderem Bücher, Sticker und Taschen erwerben. Der Stand bot zudem Gelegenheit für den persönlichen Austausch.

Lokales Projekt zur Unterstützung Geflüchteter

Ebenfalls vertreten war die Wechselstube Marburg, eine lokale Initiative, die sich mit den Auswirkungen der sogenannten Bezahlkarte für Geflüchtete auseinandersetzt. Die Karte, die je nach Ausgestaltung Bargeldabhebungen begrenzt und die Nutzung auf bestimmte Akzeptanzstellen beschränken kann, wird von verschiedenen Initiativen als Einschränkung finanzieller Selbstbestimmung kritisiert. Vertreter*innen der Initiative stellten ihre Arbeit vor und informierten über Unterstützungsangebote. Interessierte können jeden Donnerstagabend in der Emil-Mannkopff-Straße 6 Bargeldspenden abgeben, welche betroffene Personen dann gegen Zahlkarten eintauschen können. Zudem werden Möglichkeiten zur weiteren Unterstützung angeboten, beispielsweise über Gutscheine.

Rund 40 Personen besuchten die Veranstaltung. Damit fiel die Resonanz geringer aus als bei der ersten Durchführung im Vorjahr, die auf deutlich größeres Interesse gestoßen war. Unabhängig von der Anzahl der Teilnehmer*innen bot der Abend einen Rahmen für gemeinsames Gedenken und literarischen Austausch.

Erweiterung der Erinnerungskultur

Formate wie der Solidarity Spoken Word Poetry Slam sind Teil einer breiteren Erinnerungskultur, die sich mit den Folgen rechtsextremer Gewalt und gesellschaftlichen Fragen von Diskriminierung und Zusammenleben auseinandersetzt. Erinnerungskultur meint dabei nicht nur das Gedenken an konkrete Ereignisse, sondern auch die fortdauernde öffentliche Auseinandersetzung mit ihren Ursachen und Konsequenzen. Veranstaltungen dieser Art schaffen Räume, in denen Perspektiven sichtbar werden und individuelle wie gesellschaftliche Erfahrungen verhandelt werden können.

Gökhan Gültekin.

Sedat Gürbüz.

Said Nesar Hashemi.

Mercedes Kierpacz.

Hamza Kurtović.

Vili Viorel Păun.

Fatih Saraçoğlu.

Ferhat Unvar.

Kaloyan Velkov.

#saytheirnames

(Lektoriert von jru und jub.)

Studiert American, British and Canadian Studies an der Philipps-Universität Marburg. Seit 2025 beim PHILIPP Magazin.

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