Von Marburg in die Welt: Hessenpremiere von „Silent Friend” mit einem Ginkgo als Star

Von Marburg in die Welt: Hessenpremiere von „Silent Friend” mit einem Ginkgo als Star

Bild: Annabell Sent

Am 14. Januar fand im Cineplex Marburg eine besondere Premiere statt: Der 2024 in der Stadt gedrehte und international besetzte Film Silent Friend wurde das erste Mal in Hessen gezeigt. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Ginkgo-Baum im Alten Botanischen Garten, an dem die Geschichte von drei Menschen aus verschiedenen historischen Epochen miteinander verwoben erzählt wird. Mit der Ausnahme weniger Aufnahmen, die etwa in Köln, Budapest oder Paris entstanden, fanden die Dreharbeiten überwiegend in Marburg statt. Neben dem Alten Botanischen Garten wurde dafür auch in der Universitätsbibliothek, dem Fachbereich Chemie und der Oberstadt gedreht. Für den Anlass der Hessenpremiere waren unter anderem die Regisseurin Ildikó Enyedi sowie die Darsteller*innen Luna Wedler und Enzo Brumm nach Marburg gekommen.

Die Gäste der Hessenpremiere

Bevor die lang erwartete Vorführung des Films begann, richteten mehrere der eingeladenen Gäste noch einige Worte an das Publikum. Die Regisseurin Ildikó Enyedi bedankte sich bei der Universität und der Stadt Marburg dafür, dass bei den Dreharbeiten so viel ermöglicht wurde. Die Marburger*innen seien zudem sehr herzlich gegenüber allen an der Produktion beteiligten Personen gewesen. Der Produzent Reinhard Grundig bedankte sich ebenfalls bei der Stadt und ihren Bewohner*innen sowie bei allen Förderern des Films. Zu guter Letzt hielt noch der Hessische Wissenschafts- und Kunstminister Timon Gremmels eine kurze Ansprache, in der er Marburg als eine aufstrebende und spannende „Filmstadt” bezeichnete und die Bedeutung von lokalen Produktionen für die Filmbranche in Hessen und Deutschland hervorhob.

Drei Geschichten und ein Gingko

Anschließend folgte die Vorführung des knapp zweieinhalbstündigen Werks, das von seinen miteinander zerfließenden und recht sprunghaft wechselnden Handlungssträngen geprägt ist.

Im Jahr 1908 begleitet der Film Grete (Luna Wedler), die als erste Studentin in einem naturwissenschaftlichen Fach an der Philipps-Universität Marburg Botanik studiert. Sie hat dabei schon beim Bewerbungsgespräch mit den geschlechtsbezogenen Vorurteilen ihrer Professoren und männlichen Kommilitonen zu kämpfen. Durch einen Nebenjob als Assistentin eines Fotografen beginnt sie, kleinste Strukturen und Muster in Pflanzen und Menschen miteinander in Beziehung zu setzen und diese zu dokumentieren.

Im Sommer 1972 beschäftigt sich der Film mit dem jungen Studenten Hannes (Enzo Brumm), der sich als etwas schüchterner Außenseiter vom Land zunächst schwer in das städtische Leben in Marburg einfügt. Er beginnt sich jedoch zu öffnen, als er die Biologiestudentin Gundula (Marlene Burow) kennenlernt, die ein Experiment zur Wahrnehmung von Pflanzen mit einer Geranie durchführt. Obwohl Hannes dem Konzept zunächst eher skeptisch gegenübersteht, erklärt er sich bereit, in Gundulas Abwesenheit auf die Pflanze und das dazugehörige selbstgebaute Messgerät aufzupassen. Dabei begeistert er sich langsam auch für die Untersuchung der Reaktionen der Geranie und entwickelt ein tieferes Interesse für die Gefühle und Wahrnehmungen von Pflanzen.

Im Handlungsstrang des Jahres 2020 folgt der Film dem Neurowissenschaftler Dr. Tony Wong (Tony Leung Chiu‑wai) aus Hongkong, der eigentlich die Gehirnentwicklung von Babys erforscht. Als die Corona-Pandemie während seiner Gastprofessur in Marburg ausbricht und der Lehrbetrieb zum Erliegen kommt, findet er sich alleine auf dem leeren Universitätsgelände wieder. Zufällig richtet sich sein Interesse auf den Ginkgo‑Baum im Alten Botanischen Garten und er beginnt mithilfe der Anleitung der französischen Botanikerin Alice (Léa Seydoux) ein Experiment. Ähnlich wie bei seinen Untersuchungen zur Gehirnentwicklung versucht er mit Messgeräten die Reaktionen des Baumes auf verschiedene Umwelteinflüsse sichtbar zu machen und damit die Empfindungen von Pflanzen direkt mit der menschlichen Sinneswahrnehmung zu vergleichen.

Beeindruckende Aufnahmen von Pflanzen und Marburg

Das besondere Interesse an den Gefühlen und Wahrnehmungen von Pflanzen, das alle drei Protagonist*innen im Laufe ihrer Geschichte entdecken, spiegelt sich im Ginkgo als zentrales Symbol wider. Der Film verwendet dabei faszinierende und ungewöhnliche Aufnahmen des Baumes, bei denen etwa von oben durch die Äste auf einen Darsteller gefilmt wird und Reaktionen der Wurzeln im Boden auf äußere Handlungen gezeigt werden oder Nahaufnahmen von kleinen Käfern zu sehen sind, die dadurch wie riesige Tiere erscheinen. Ebenso wie die Protagonist*innen entwickeln auch die Zuschauer*innen eine Faszination für den alten Ginkgo, der in verschiedenen filmischen Bildern immer wieder zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten sowie bei verschiedensten Wetterlagen gezeigt wird.

Doch der Film enthält nicht nur schöne Aufnahmen der Naturwelt und ihrer Pflanzen, auch die Stadt Marburg wird auf eine atmosphärische Art und Weise gezeigt. Die eindrucksvollen Bilder der leeren Universitätsbibliothek oder der nächtlichen Oberstadt vom Alten Botanischen Garten aus sind besonders für alle Einwohner*innen Marburgs sehr ansprechend. Beim Schauen lassen sich dabei auch immer wieder verschiedene kleinere Orte der Stadt wiederentdecken.

Fragerunde mit den Gästen

Nach der mit viel Applaus bedachten Vorführung des Films wurden bei der Premiere auch noch alle anwesenden Mitarbeiter*innen der Produktion auf die Bühne gebeten und vom Publikum für ihren Einsatz gewürdigt. Unter der Moderation von Tina Kaiser fand anschließend noch eine kleine Fragerunde mit dem Publikum statt. Bei dieser erzählte Ildikó Enyedi unter anderem, dass sie sich bei der Verfilmung für Marburg als Drehort entschieden hat, weil ihr Mann in den 1970er Jahren in Marburg studierte und sie die Stadt schon lange sehr schätze. Die Schauspieler*innen Luna Wedler und Enzo Brumm reflektierten über eine Frage zur Arbeit mit Pflanzen als Szenenpartner. Beide hoben die interessante neue Erfahrung hervor und betonten, dass der Film ihre Perspektive über die Wahrnehmungsfähigkeit von Pflanzen verändert habe. Zum Abschluss einer gelungenen Premiere schenkte der Förderverein des Alten Botanischen Gartens den drei Gästen jeweils ein eingerahmtes Gedicht von Goethe, das in dem Handlungsstrang aus dem Jahr 1972 eine prägnante Rolle spielt.

Der Film Silent Friend legt einen eindrucksvollen Fokus auf das Gefühlsleben und die Wahrnehmung von Pflanzen. Mithilfe faszinierender Aufnahmen werden die drei verschiedenen Handlungsstränge durch den zentralen Ginkgo, der sogar als Darsteller im Abspann genannt wird, miteinander fließend verbunden. Die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Pflanzen werden wirkungsvoll dargestellt und die verschiedenen Geschichten der Protagonist*innen großartig in Szene gesetzt. Allein schon die beeindruckenden und vielfältigen Aufnahmen von Marburg machen den Film für jede*n Marburger*in sehenswert!

(Lektoriert von mas und jub.)

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