Das Juckpulverfestival 2026 – ein Spektakel der besonderen Art
Bild: Enya Baldauf
Vom 14. bis zum 18. Oktober wurde die Elisabethkirche in Marburg zu einem Ort für Performance und Kreativität. Ein Einblick in eine Welt der Musik unterschiedlichster Art, die alles war, aber nicht langweilig.
Zwischen Faszination und Überraschung
Als ich die Elisabethkirche am Mittwoch, den 14.10.26, zu abendlicher Stunde betrete, habe ich alle typischen Merkmale bisheriger Festivalbesuche im Hinterkopf: viele große Bühnen, Menschenmassen, so weit das Auge reicht und eine ausgelassene Partystimmung während der Acts. Wie genau ich mir das alles in der Elisabethkirche vorstellen soll, war mir zuvor nicht ganz bewusst. Überrascht bin ich umso mehr darüber, was ich letztendlich erblicke.
In der Kirche ist es dunkel, der einzige Lichtschein taucht einen Kreis in warmes Licht. Im Kreis befinden sich viele kleine mechanische Konstrukte, die sich teilweise bewegen und unterschiedliche Geräusche von sich geben. Im ersten Moment erscheint die Geräuschkulisse, die zwar eher leise, aber von vielen unterschiedlich hohen und tiefen, hellen und dumpfen Klängen geprägt wird, reizüberflutend. Das legt sich jedoch schnell. Ein Gewöhnungseffekt tritt ein, der die verschiedenen Töne fast schon entspannend klingen lässt. Das sehen wohl auch die 20 bis 30 Besucher*innen so, die auf Stühlen rund um das Spektakel sitzen und gebannt zuhören, manche mit geschlossenen Augen. Es herrscht eine ruhige, geradezu ehrfürchtige Atmosphäre. „Hört sich an wie ein mechanischer Urwald“, flüstert eine Person und ich kann mich dieser Wahrnehmung nur anschließen. Zu schwer ist es für mich, eigene Worte für das zu finden, was sich vor mir abspielt.
Aufregende Performances und spannende Persönlichkeiten
Die Gruppe Válek Merta Tarnowski setzte damit den Startschuss für die kommenden Abende, an denen das Publikum insgesamt elf verschiedene Acts erleben durfte. Am selben Abend begeisterte auch Eleni Poulou mit ihrer Performance Perusing the Hidden Obvious, einer Mischung aus aufgezeichneten Melodien, dumpfen Tönen und live eingesprochenen Zeilen. Den krönenden Abschluss der viertägigen Veranstaltung am Samstagabend bildete das Duo Wolf Eyes, welches sich durch seine Experimentierfreudigkeit mit der elektronischen Musik auszeichnet und mit über 22.000 Follower*innen auf Instagram einen gewissen Bekanntheitsgrad besitzt.
Was spielt sich hinter dem Juckpulverfestival ab?
Auf dem Social Media Account der Organisator*innen vom TNT, dem Theater neben dem Turm, fanden sich schon im Vorfeld einige Informationen zu den einzelnen Künstler*innen und ihren geplanten Auftritten. Die künstlerische Leiterin Kristin Gerwien beschreibt das Festival, welches eine Mischung aus Performance, Theater und Konzert sei, folgendermaßen: „aufregend, ästhetisch und auf positive Weise beunruhigend“.1 Damit wäre wohl auch die Herkunft des Namens Juckpulverfestival geklärt.
Auch das Konzept der Barrierefreiheit sei durchdacht gewesen, insbesondere für blinde und sehbeeinträchtigte Personen, erklärt eine Access-Beraterin. Dazu gehörte der Access Point mit Abendeinführung, bei der beispielsweise Beschreibungen räumliche Anordnung geliefert wurden. Außerdem seien Begleitungen für den Weg zur Elisabethkirche organisiert und an diversen Haltestellen bei Bedarf zur Verfügung gestellt worden. Ziel sei es gewesen, blinden und sehbeeinträchtigten Besucher*innen den Besuch des Events zu ermöglichen, ohne dass sie eine eigene Begleitperson hätten mitbringen müssen.2
Für jüngere Menschen gestaltete sich das Festival unter anderem aus dem Grund attraktiv, dass Studierende der Marburger Universität freien Eintritt bekamen. Irreführend war hingegen der ausgeschriebene Zeitraum des Festivals vom 14. bis zum 18. Oktober. Entgegen den Erwartungen, das Festival ziehe sich über fünf Tage, gab es am Sonntagabend keine Auftritte mehr.
Nichts für jede*n
Auch wenn das Juckpulver sich als spannende und inspirierende Erfahrung der anderen Art entpuppen kann, wird vermutlich nicht jede Person einen Zugang zu diesen zugegebenermaßen eher speziellen Musik- und Kunstrichtungen gefunden haben. Eine gewisse Bereitschaft dafür, sich auf das Neue und Unbekannte einzulassen und sich von dem Dargebotenen mitreißen zu lassen, war sicherlich von Vorteil. Für das nächste Mal gibt es von mir jedoch eine klare Empfehlung, einfach mal hinzugehen und sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen.
(Lektoriert von fdh, sal und nag.)
