Sneak-Review #313: Die Sieger aus Ratzeburg
Bild: Emma Osmanovic
Itzehoe 1947. Der Ex-Boxtrainer Karl Adam, kurz Adam, sitzt im Verhör, nachdem er nur ein paar Jahre zuvor mit dem Eliteschmieden des Box-Nachwuchses beschäftigt war. Doch seine eigentliche Aufgabe bestand darin, den Jugendlichen währenddessen den Nationalsozialismus einzuimpfen. Er wird als entlastet eingestuft und darf sich nun als Trainer eines Rudervereins in Ratzeburg ausprobieren. Der Film Adams Acht zeigt den Aufstieg ebendieser Achter-Mannschaft, die aus individuellen Schicksalen besteht, aber in einer Sache geeint ist: dem Ehrgeiz für den Sport.
Jeder trägt sein Päckchen
Das Rudern erfüllt für viele eine unterschiedliche Funktion. Für Adam (Oliver Masucci) bedeutet es einen Neustart, für Gammel (Leonard Kunz) den Versuch, vom Problemschüler auf die richtige Bahn zu kommen, und für Ari (Felix Kammerer) die Möglichkeit, das zu perfektionieren, was er ohnehin die ganze Zeit schon macht: heimlich über die innerdeutsche Grenze auf die andere Seite zu seiner Geliebten rudern. Die acht Ruderer könnten unterschiedlicher nicht sein, doch ihre individuellen Charaktere kommen erst richtig zum Vorschein, wenn sie gemeinsam am See trainieren. Oft gibt es Streit und Konkurrenzkämpfe untereinander, und doch schaffen sie es, sich sportlich weiterzuentwickeln. Nicht ganz unbeteiligt daran ist der humorvolle Adam, der immer eine neue Idee und die nötige Willenskraft hat. So optimiert er den Achter und hat auch nichts gegen einen kleinen Diebstahl, wenn dieser zum Sieg verhilft.
Mit allen Wassern gewaschen
Die Spannungen in der Mannschaft sind groß, weshalb man sich fragt, wieso sie so erfolgreich sein kann. So findet man sie beim Rudertag in Kiel, bei der Achtermeisterschaft in Duisburg, bei der Ruder-Europameisterschaft in Polen und schließlich bei den Olympischen Spielen in Rom 1960 wieder. Der Film bildet die wichtigsten Etappen der Mannschaft ab und widmet sich nebenbei noch Liebesbeziehungen und dem politisch aufgeladenen Alltag, was durch kurze Aufnahmen von Grenzkontrollen aufgezeigt wird. Die Balance der Themen ist dabei sehr ausgewogen. Adams Acht macht außerdem deutlich, wie sehr man voneinander lernen kann, auch wenn man persönliche Probleme miteinander hat.
Teils sind die Schicksale und Lebensetappen der Figuren sehr ernst und tragisch, doch der Humor kommt definitiv nicht zu kurz. Vor allem Adam hat in brenzlichen Situationen oft einen kalenderreifen Spruch parat und sorgte im Kinosaal durch seine spontane Art für einige Lacher. So wird er z.B. auf der Rückfahrt aus Polen im Zug ungefragt fotografiert, aber anstatt sich darüber zu ärgern nimmt er die Kamera, schmeißt sie aus dem Fenster und bemerkt nur trocken: „Ah, war ‘ne Leica.“ Aber auch die Drohnenaufnahmen davon, wie er mit „Onkel Bräsig“, einem winzigen Ein-Mann-Boot, schreiend neben dem Achter fährt, sorgen für den Funken Lächerlichkeit, den der Film braucht.
Im selben Boot mit den Ruderern
Was der Film perfekt hinbekommt, ist das Gefühl zu vermitteln, man sei in jeder Szene hautnah dabei. Die Kamera bewegt sich stets dynamisch mit und führt die Zuschauer*innen nah an die Figuren heran. Erst besteht eine große Distanz, dann befindet man sich direkt und sehr nah bei ihnen. Besonders überzeugend ist das Spiel mit Kameraperspektiven auf dem See in Ratzeburg, wo die Mannschaft trainiert. Es ist viel Natur zu sehen, was vor allem durch den Wechsel zwischen Nah- und Landschaftsaufnahmen gelingt.
Die See-Aufnahmen strahlen dabei sehr viel Ruhe aus und vermitteln den Eindruck, man sitze mit im Boot und könne die Wasseroberfläche vor sich in der Sonne funkeln sehen. Auch die stimmungsvolle Farbgebung des Films und die szenisch angepasste Musik runden sommerliche Atmosphäre ab. Der See ist dabei für Ari der Zugang in den Westen, birgt jedoch zugleich auch ein großes Gefahrenpotenzial. Das wird in einigen Szenen durch die Fahrlässigkeit von Gammel deutlich, der sich in Ruder-Duellen so sehr reinsteigert, dass er aus Versehen die Grenzbojen passiert. Neben der stimmungsvollen Musik ebenfalls immer wieder zu hören: Die Warnsirenen.
Mein einziger Kritikpunkt hierbei betrifft lediglich die Postproduktion. Zu Beginn ist es für die Zuschauer*innen durch Einblendungen sehr gut nachvollziehbar, wo und in welchem Jahr wir uns gerade befinden. Jedoch lässt dies im Film nach, weshalb ich mir an dieser Stelle mehr Konstanz gewünscht hätte. Der Abspann des Films ist, was die Postproduktion betrifft, jedoch sehr gut aufgearbeitet. Nach dem Ende der Handlung folgen Informationen darüber, was aus den einzelnen Charakteren in der Realität geworden ist und wie ihr Leben nach Olympia 1960 weiterging. Dadurch wird gezeigt, wie einmalig die Erfolgswelle von Adams Acht in dieser Konstellation war, denn danach haben die einzelnen Ruderer nie wieder zusammengefunden.
Ein Sieg für die Acht, ein Sieg für den Film
Adams Acht überzeugte ganze 89 % der Zuschauer*innen und nur 11 % hat der Film nicht wirklich gefallen. Ich schließe mich der positiven Bewertung an, da der Film es geschafft hat, für knappe zwei Stunden den Sommer zurückzuholen. Der ständige Szenenwechsel zwischen dem Geräteschuppen, dem See, den Veranstaltungsorten und den privaten Räumlichkeiten der Ruderer hat mich überzeugt. Durch die politische Situation, die Wettkämpfe und die individuellen Beziehungen untereinander ist immer etwas los, jedoch strahlt Adams Acht durch den Bezug zur Natur eine gewisse Ruhe aus.
Allerdings kann ich auch die wenigen negativen Abstimmungen zum Film nachvollziehen. Die Grenzüberwachung und Bedrohung durch die Stasi ist durchweg präsent und auch Adams NS-Vergangenheit spielt vor allem zu Beginn eine größere Rolle, jedoch schwindet vor allem Zweiteres im Verlaufe des Films, weshalb an dieser Stelle eine Aufarbeitung wünschenswert gewesen wäre. Die Thematik taucht immer wieder oberflächlich auf, z.B. wenn die neuen Ruderer NS-Lieder singen oder eines von Adams ehemaligen Box-Talenten als Invalide aus dem Krieg zurückkehrt und ihn sehen will.
Durch die kritische Konfrontation durch Ari, der scheinbar die einzige moralische Vernunftstimme darstellt, wird Adams Vergangenheit erneut aufgegriffen, woraufhin sich dieser vor der Mannschaft dazu bekennt und ihr die Wahl lässt, ob er als Trainer weitermachen oder aufhören soll. Damit ist das Thema im Film dann auch abgehakt. Auch wenn dies sehr schade für die Zuschauer*innen ist, soll es nicht die hervorragende schauspielerische Leistungen in den Hintergrund stellen. Der Cast ist überzeugend und die einzelnen Charaktere sehr gut ausgearbeitet. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit, weshalb neben den Schauspieler*innen auch die Kameraführung und Musikauswahl die Stimmung der Ruderer zwischen den Jahren 1958 und 1960 sehr treffend vermitteln. Ein rundum gelungener Film.
Der Film Adams Acht läuft seit dem 17. September 2026 in den deutschen Kinos.

