Filmreview: Obsession
Bild: Cora Dockhorn
Triggerwarnung: In diesem Text werden körperliche und sexuelle Gewalt thematisiert.
Mit seinem Spielfilmdebüt schafft Regisseur Curry Barker einen Film, der mehr tut, als nur zu polarisieren. Obsession übt unmissverständliche Kritik am misogynen System, und bleibt dabei subtil genug, um nicht übertrieben zu wirken. Doch trotz dieser wunderbar gelungenen Gratwanderung scheinen genug männliche Kinobesucher den Film absichtlich missverstehen zu wollen.
Über 108 Minuten entfaltet Obsession auf der Leinwand eine Geschichte, die eher Tragödie als Horrorgeschichte ist. Der 25-jährige Bear (Michael Johnston), zunächst noch ein bemitleidenswerter Versager, schafft es partout nicht, seiner Kollegin Nikki (Inde Navarrette) die eigenen Gefühle zu gestehen. Aus Hilflosigkeit – oder Feigheit – kauft er sich stattdessen eine One Wish Willow, einen kleinen Zweig, der ihm beim Zerbrechen einen Wunsch erfüllen soll. Statt sich mehr Mut oder Selbstvertrauen zu wünschen, setzt Bear den Ton für Obsession: „Ich wünsche mir, dass Nikki Freeman mich mehr liebt als alles andere auf der Welt.“
Was als skurrile love story mit leicht beunruhigenden Untertönen beginnt, artet schnell ins Extreme aus. Nikki beginnt, Bear in bester Edward-Cullen-Manier beim Schlafen zu beobachten, sperrt die Tür von innen mit Unmengen an Duct Tape zu und schneidet ihrem Geliebten nachts heimlich die Haare ab. Viel zu spät bemerkt auch Bear – dessen Perspektive während des gesamten Films nie verlassen wird –, dass hier etwas falsch läuft. Doch als er endlich die Hotline der One Wish Willow kontaktiert, wird ihm teilnahmslos offenbart, dass es kein Zurück mehr gibt – bis auf den Tod.
Obsession lebt vor allem von einer leisen Unruhe, die teilweise fast nicht wahrnehmbar ist, den Film aber trotzdem nie verlässt. Die wenigen jumpscares und blutigen Szenen sind einprägsam und wirken über ihr Schockmoment hinaus tiefer in die Geschehnisse des Filmes hinein. Statt schnell wegzuschauen, wird draufgehalten. Lange genug, damit sich das Gezeigte einbrennen kann. Obsession verschwendet sein Blut nicht.
Zwar ist Barkers Werk an vielen Stellen schnell durchschaubar, doch das macht es nicht schlechter. Ganz im Gegenteil. Die Vorhersehbarkeit baut Spannung auf, wo im Film noch keine ist, und lässt dem unangenehmen Gefühl genug Zeit, um klarzumachen: Gleich passiert etwas Schlimmes. Zwischen brutalem head-bashing und beinahe komödiantisch angehauchten Dialogen gibt es immer wieder Szenen, in denen man wegsehen möchte, die Zähne zusammenbeißt. Aber nicht aus Angst. Sondern aus dem ohnmächtigen Gefühl, etwas richtig Schlimmes miterleben zu müssen und dabei nichts tun zu können. Obsession schafft, was nur wenige Horrorfilme können, und macht keine Angst vor dem vermeintlichen Monster.
Stattdessen wird schnell klar, wer der wahre Böse ist: Bear, der seinen alles überschattenden Egoismus bis zum Schluss des Filmes nie ablegen kann, egal, welche Konsequenzen sein Handeln zieht. Der trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, immer die Hauptfigur bleibt. Diese Zeichnung von Täter und Opfer gelingt Curry Barker eindringlich, ohne dass eine der Figuren dabei überzogen wirkt. Obsession macht – auch abseits der Leinwand – unmissverständlich klar, wer Schuld am Geschehen trägt und an wen sich seine Kritik richtet.
Trotzdem scheint besonders eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe genau diese Kritik absichtlich zu überhören. Und während in feministischen Filmkritiken diskutiert wird, wie Obsession weibliche Autonomie und fehlenden Konsens durch Männer widerspiegelt, kursieren auf TikTok und Twitter/X Memes, die sich über genau diese Themen lustig machen.
‚My girlfriend when I say I’m going out with the boys tonight’, ‚My girlfriend when I reply to another girl’s story’, unterlegt mit dem Videoausschnitt einer Frau, der ein Mann den eigenen Willen genommen hat, weil er nicht damit zurechtkam, nicht der Mittelpunkt ihrer Welt zu sein. Ein Mann, dem egal ist, dass diese Frau lieber sterben würde, als weiter bei ihm zu sein. Der tatenlos zusieht, während sie immer weiter in den gewaltvollen Wahnsinn abdriftet.
Dabei zeigt online-Diskurs eigentlich, dass (abgesehen von manosphere-indoktrinierten Alphas, die Bear wirklich keinerlei Schuld zuschreiben) die meisten Männer gar keine Angst vor freaky Nikki haben, die nachts an ihrer Bettkante stehen könnte. Sondern davor, sich selbst in der Rolle des Protagonisten wiederzufinden. Denn die schmerzhaft realistische Darstellung von Bear zeigt ganz genau, welche Vorbilder er in der echten Welt hat. Keine monströsen Vergewaltiger, keine Mörder, keine Triebtäter – ganz normale Männer. Männer, die sich noch nie mit ihrer eigenen Machtposition auseinandergesetzt haben. Die das Wort Konsens schon gehört haben, aber nicht aus ihrem eigenen Mund. Die Grenzen nicht laut und gewaltvoll überschreiten, sondern leise, schleichend, fast unterbewusst. Männer, die vielleicht gar nicht wissen, was sie falsch gemacht haben, bis es zu spät ist.
Doch genau da, wo eine inhaltliche Debatte ansetzen könnte, wird abgeblockt. Und sich stattdessen wieder auf die oben genannten Memes fokussiert. Mit gezwungenen Lachen und einem misogynen Textfeld wird sich aus der eigenen Reflexion herausgeredet. Die Botschaft zu entziffern, die Obsession sendet, ist nicht schwer. Auch nicht für Männer. Aber schwer ist, sich mit der eigenen Weltanschauung auseinanderzusetzen und Fehler zuzugeben. Und sich über das crazy girlfriend auf der Kinoleinwand lustig zu machen, ist eben einfacher, als darüber nachzudenken, ob man selbst vielleicht mehr Ähnlichkeiten mit Bear hat, als einem lieb ist. Denn wer will schon gern Täter sein, wenn auf einmal alle darüber reden?
(Lektoriert von fdh und nag.)
