Sneak-Review #310: Wenn man die Kontrolle verliert
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Den ganzen Tag von Kund*in zu Kund*in fahren, Klaviere stimmen und dabei Zeit mit seinem älteren Freund Harry verbringen: Das ist Nikis durchschnittliches Leben in New York, bis eine besondere Person in sein Leben tritt. Ruthie und er teilen den gleichen Traum, Klavier-Virtuos*in, also Pianist*in der Spitzenklasse, zu sein, nur hat Niki diesen Wunsch schon vor langer Zeit aufgeben müssen. Wie man seinem früheren Leben als Bester am Klavier ewig hinterhertrauert, während eine andere es lebt, zeigt The Piano Tuner – ein stimmungsvoller Film mit einigen Hochs und Tiefs, aber immer mit dem richtigen Feingefühl für emotional mitreißende Momente und Klavierklänge.
Ein leises Schicksal
Niki (Leo Woodall) ist von Beruf Klavierstimmer. Mit Harry (Dustin Hoffman), seinem älteren Freund und Inhaber der Firma, fährt er oft zusammen durch die Stadt und stimmt Klaviere. Als er sich eines Tages das Klavier in einem Konzertsaal ansehen soll, lernt er die Pianistin Ruthie (Havana Rose Liu) kennen. Sie kommen ins Gespräch und es stellt sich schnell heraus, dass beide ihren Job meisterhaft erfüllen: Ruthie spielt exzellent Klavier und arbeitet darauf hin, von einem Virtuosen entdeckt und angestellt zu werden, und Niki sorgt dafür, dass dies auch gelingen kann.
Sein Gehör ist höchst empfindlich, da er an Hyperakusis erkrankt ist und nur sehr leise Geräusche ertragen kann, doch diese Empfindlichkeit macht er sich zunutze. Immer mit dabei sind seine Kopfhörer, die verhindern sollen, dass ihn der laute Alltag aus dem Hier und Jetzt reißt, was im Verlauf des Filmes nicht immer funktioniert. Er kommt schließlich mit Ruthie zusammen und erfährt, wie es sich anfühlt, wieder richtig glücklich zu sein. Ihr junges Glück ist jedoch gefährdet, als Niki sich entscheidet, zwielichtigen und vor allem gewaltbereiten Wachmännern für Geld mit seinem feinen Gehör zu helfen und alles aufs Spiel setzt.
Liebe und Tresore
Die Handlung des Filmes ist mitreißend und die emotionalen Momente sind sehr gut ausgearbeitet. Der Protagonist hat mit jeder Figur im Film eine besondere Beziehung mit spezieller Dynamik. Mit Harry lacht er, fühlt sich wohl, aber bleibt sehr verhalten und still. Mit Ruthie entsteht der Eindruck, er habe vorher noch nie eine solche Verliebtheit und Lebensfreude verspürt. Als Zuschauer*in kann man nicht anders, als sich mit ihm zu freuen, da man den Eindruck gewinnt, er war bisher nur unglücklich als Mensch, der seinen Traum aufgeben musste und vor sich hingelebt hat.
Man kann eine Charakterentwicklung beobachten, die Freude bereitet. Er weiß immer genau, was er tut, doch sein moralischer Kompass wird in Frage gestellt, als er sich mit Kriminellen zusammenschließt, die ihm eine Gewinnbeteiligung anbieten, wenn er Tresore für sie knackt. Ein Angebot, das verlockend klingt, da er damit Harrys plötzlichen Krankenhausaufenthalt finanzieren kann. Wie man sich zuvor für Niki mitfreuen konnte, so empfindet man an dieser Stelle viel Trauer und kann die Verzweiflung verstehen. Diese wenigen besonderen Beziehungen, die er in seinem Leben hat, machen den Film aus. Durch sie kommen Emotionen zum Ausdruck und man denkt zunehmend über sein ergreifendes Leben mit der Höreinschränkung nach. Dies könnte auch daran liegen, dass die Szenen, in denen er durch laute Geräusche erschüttert wird und alles für ihn stillsteht, ausgezeichnet sichtbar gemacht werden. Alles um Niki wird leise. Was bleibt, ist der schrille Ton und sein Kampf damit.
Der Film ist musikalisch, aber auch filmtechnisch perfekt komponiert. Die Atmosphäre ist sehr angenehm, wenn man Niki durch seinen Alltag als Klavierstimmer begleitet. Die stimmungsvolle Musik ergänzt die gespielten Klaviermelodien ideal. Es wird eine gelassene Atmosphäre erzeugt, da die Szenen stimmig zusammengeschnitten sind. Was besonders überzeugt, ist der Wechsel aus Nahaufnahmen von Details wie z.B. Nikis Tattoos oder den Momenten, wenn die Zahlen am Tresorschloss einrasten. Aber auch die Schnittbilder aus New York und die Interaktionen zwischen Niki und Harry oder Ruthie sind so eingefangen, dass man das Gefühl hat, man sei dabei.
Der Film trifft den richtigen Ton
The Piano Tuner wurde von den Zuschauer*innen durchweg gut und mehrheitlich sehr gut bewertet. 94% hat der Film gefallen und nur 6% stimmten dagegen. Ich schließe mich der positiven Bewertung an, da eine große Bandbreite an Emotionen hervorgerufen wird. Trotz der vielen traurigen, aber auch lauten und gewalttätigen Szenen wirkt der Film beruhigend, und das im positiven Sinne. Die Figuren sind sehr sympathisch, weshalb man mit ihnen mitfühlt, wenn sie schwere Schicksalsschläge erleben oder sich genau deshalb weiter in die Misere steuern. Außerdem eröffnet die Handlung neue Perspektiven auf die Lebensrealität von Gehörlosen bzw. von Menschen wie Niki, die sehr empfindlich auf Laute reagieren und im Alltag stark eingeschränkt sind.
Die Geschichte ist die einer klassischen Liebesgeschichte mit Gangster-Komponente. Auch wenn einige Szenen sehr vorhersehbar sind und man vieles als Kino-Gänger*in so schon mal gesehen hat, bietet der Film trotz des eher unspektakulären Plakates sowie des Trailers unerwartet viel. Eine klare Empfehlung!
Der Film The Piano Tuner läuft seit dem 02. Juli 2026 in den deutschen Kinos.

