Landgraf Philipp von Hessen – der Gründer der Universität Marburg

Landgraf Philipp von Hessen – der Gründer der Universität Marburg

Foto: Carla Heinicke, Collage: Nelli Lindner

Wir alle kennen Menschen, die in unserem Leben omnipräsent sind. Zu dieser Gruppe gehören bei den meisten Menschen Freund*innen, Mitbewohner*innen, bestimmte Dozierende oder auch Personen, mit denen man eigentlich nichts zu tun hat, denen man aus unerfindlichen Gründen aber trotzdem fast jeden Tag begegnet. Eine Person, die zwar zu keiner der genannten Gruppen gehört, der man aber trotzdem jeden Tag begegnet, ist der Gründer der Universität Marburg: Landgraf Philipp I. von Hessen, genannt „der Großmütige“.

Auch ihn trifft man täglich an: Ob im Uni-Kontext durch Namen, Logo, andere Orte, deren Namen stark mit ihm assoziiert sind (wie etwa das Philippshaus oder die zahlreichen Orte mit Landgraf im Namen) oder als plötzlich auftauchende Figur in der eigenen Hausarbeit zum Thema „Deutscher Bauernkrieg“. Zugegebenermaßen, der letzte Punkt ist für die meisten Menschen eher ungewohnt, doch er zeigt eines: Philipp ist in Marburg irgendwie überall. Daraus Folgen allerdings auch einige Fragen, wie etwa „Warum ist er so omnipräsent?“, „Hatte Philipp wirklich ein Croissant auf dem Kopf?“, oder „War er wirklich so großmütig?“. Vor allem stellt sich aber die Frage: Wer war Philipp überhaupt?

Herrschaftsantritt und frühe Jahre

Geboren wurde Philipp 1504 in Marburg. Es war dabei von Anfang an klar, dass er Landgraf werden würde. Denn Philipp hatte nur zwei Schwestern, vor denen er als Mann natürlich den Vortritt hatte. Nachdem sein Vater bereits 1509 an Syphilis gestorben war, regierte zuerst seine Mutter. 1518 wurde Philipp jedoch verfrüht mit nur 14 Jahren für mündig erklärt und übernahm somit selbst die Macht.

Zunächst hatte Philipp vor allem zwei Ziele: Die Eroberungen seines Vaters zu sichern – vor allem die Grafschaft Katzenelnbogen um Darmstadt und am Rhein (s. Karte) – sowie in der Politik im Heiligen Römischen Reich (HRR) mit seinen sehr begrenzten Mitteln möglichst viel Macht auszuüben. Denn als einfacher Landgraf mit einem relativ armen Land waren seine Mittel im Vergleich zu den großen Fürsten im Reich sehr begrenzt. Seine Ambitionen stellte er schon auf seinem ersten Reichstag, dem Reichstag in Worms 1521, zur Schau: er erschien mit dem zweitgrößten Gefolge aller Fürsten.  Auf diesem Reichstag kam er auch erstmals mit dem protestantischen Glauben Luthers in Berührung, den er daraufhin mehr und mehr zum offiziellen Glauben Hessens machte.

Der protestantische Glaube wurde nach und nach zur wohl wichtigsten Konstante der Politik Philipps. Obwohl er spätestens ab 1525 zum Protestantismus neigte, beteiligte er sich im selben Jahr – und im Gegensatz zum ebenfalls protestantischen sächsischen Kurfürsten – an der extrem blutigen Niederschlagung des sogenannten Deutschen Bauernkriegs. Nachdem auf der Homberger Synode, einem Treffen wichtiger Adels- und Kirchenvertreter Hessens im Jahre 1526, die Umrisse und Ziele des neuen protestantischen Glaubens hessischer Prägung beschlossen worden waren, machte sich Philipp an die Umsetzung der Beschlüsse.

Reformen und Opposition gegen den Kaiser

Die wohl prominenteste Maßnahme war die Gründung der Universität Marburg im darauffolgenden Jahr, auch wenn das kaiserliche Privileg, also eine vom Kaiser ausgestellte Akkreditierung der Universität, erst im Jahre 1541 ausgestellt wurde. Die Gründung der Universität war zudem in ein größeres bildungspolitisches Konzept eingebunden, im Rahmen dessen im weiteren Verlauf ein für die Zeit sehr umfassendes Bildungssystem für die gesamte Bevölkerung geschaffen wurde. Partikularschulen (= Volksschulen) sollten eine grundlegende Bildung für alle Knaben bieten. Die besonders Begabten sollten in der Folge in einigen „Pädagogien“ zunächst auf die Bildung an der Universität vorbereitet werden und an dieser schließlich studieren können. Damit diese Bildung unabhängig von der Herkunft passieren kann, wurde zudem die Hessische Stipendiatenanstalt gegründet. Gerade diese Stipendiatenanstalt wurde ab etwa 1560 zur „Kaderschmiede“ des Landes Hessen.

Auch in der Außenpolitik war sein protestantischer Glaube ein wichtiger Faktor. So wurde Philipp zu einem der Anführer des Schmalkaldischen Bundes, einem Bündnis der protestantischen Staaten im Reich. Zudem verhalf er dem vom Kaiser abgesetzten Herzog von Württemberg im Jahre 1534 zum Rückgewinn seines Herzogtums. Daraufhin musste sich Philipp aber eher zurückhaltend verhalten. Denn eine zu starke Opposition gegen den Kaiser konnte sich Philipp aufgrund seiner sehr eingeschränkten Machtmittel nicht leisten. Außerdem musste er befürchten, dass ihm die unsicheren Eroberungen seines Vaters im Falle eines Krieges mit dem Kaiser wieder aberkannt werden würden.

Vermutet wird zudem, dass ein weiterer Grund für diese Annäherung an den Kaiser seine sich generell verschlechternde außenpolitische Lage war, zu welcher auch seine Doppelehe beitrug. Denn auf die Bigamie (=Ehe mit zwei Frauen) stand nach Reichsrecht eigentlich die Todesstrafe. Auch wenn strittig ist, ob das entsprechende Gesetz auf Philipp überhaupt anwendbar war, führte diese Doppelehe zu erheblichen Unstimmigkeiten und in der Folge zu einer gewissen Isolation Philipps. Da tat es auch keine Abhilfe, dass die Doppelehe auch als politisches Statement gegen die alte katholische Ordnung und somit für die Reformation gesehen werden kann. Zudem führte seine Doppelehe auch zu dynastischen Problemen, da aus der zweiten Ehe noch einmal sieben Söhne zu den vier Söhnen aus erster Ehe hinzukamen, was die Frage der Nachfolge erschwerte. Die auch in diesem Zusammenhang erfolgte Diagnose, Philipp habe Triorchie, also durch eine Fehlbildung insgesamt drei Hoden gehabt, ist inzwischen jedoch verworfen worden.

Niederlage und Ende seiner Regierungszeit

Doch auch die Annäherung Philipps an den Kaiser konnte den Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken nicht überwinden, und kam es zum Schmalkaldischen Krieg zwischen Schmalkaldischem Bund und Kaiser. Nach der Niederlage im Krieg gegen den Kaiser wurde Philipp vom Kaiser inhaftiert und die territorialen Zugewinne wurden ihm in zahlreichen Gerichtsurteilen aberkannt. Die Zerstückelung Hessens, mit welcher Philipp bereits fest gerechnet hatte, wurde aber letztlich verhindert. Im sog. Fürstenaufstand des Jahres 1552 erhoben sich zahlreiche Reichsfürsten, welche von Frankreich unterstützt wurden. Der Aufstand hatte Erfolg: Philipp wurde freigelassen, die Gerichtsurteile gegen ihn wurden aufgehoben und er bekam sämtliche seiner Ländereien zurück.

Nach seiner Freilassung zog sich Philipp aus der Reichspolitik größtenteils zurück und konzentrierte sich stattdessen auf die Sanierung des durch seine zahlreichen Kriege überstrapazierten Staatshaushalts. Er beschäftigte sich also in den folgenden Jahren vor allem mit Haushaltskonsolidierung, welche er durch Maßnahmen wie etwa die Einführung von neuen Steuern erreichte. Zudem ging er auch zahlreiche Reformen wie etwa die bereits angefangene, aber bisher nicht vollendete Bildungsreform durch. So machte er Hessen zu einem modernen frühneuzeitlichen Staat.

Am Ende der knapp 50-jährigen Regierungszeit war die Landgrafschaft Hessen damit wieder in einer finanziell stabilen Lage und konnte generell als eines der modernsten Territorien im gesamten HRR gelten. Hessen wäre also auf dem besten Weg gewesen eines der wichtigsten Territorien im Reich zu werden, wäre nicht die Frage der Nachfolge gewesen. Denn insgesamt hatte Philipp elf legitime Söhne, welche alle einen Teil der Landgrafschaft haben wollten. Nach einigen Jahren des Hin und Her entschloss sich Philipp schließlich in seinem letzten Testament, dass die Landgrafschaft unter seinen vier Söhnen aus erster Ehe aufgeteilt werden sollte, während die sieben Söhne aus zweiter Ehe gemeinsam eine kleine andere Grafschaft regieren sollten.

Nach Philipps Tod im Jahre 1567 wurde die Landgrafschaft also in vier unterschiedlich große Teile aufgeteilt, wobei keiner der vier Teile groß genug war, um größeren Einfluss in der Reichspolitik auszuüben. Da zwei der vier Söhne zudem kinderlos starben, kam es zu einem jahrzehntelangen Erbschaftsstreit zwischen den beiden verbliebenen Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, der erst mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 endgültig geregelt wurde. Durch die dauerhafte Teilung der Landgrafschaft, die erst nach dem 2. Weltkrieg mit der Gründung des heutigen Bundeslands Hessen ‚wiedervereinigt‘ wurde, konnte Hessen jedoch nie wieder eine ähnliche Machtposition erlangen, wie sie unter Philipp bestand.

Omnipräsenz, Großmütigkeit und Croissants

Es bleiben also noch die zwei am Anfang gestellten Fragen nach Omnipräsenz und Großmütigkeit Philipps. Die Frage, warum Philipp in Marburg so omnipräsent ist, lässt sich dabei recht einfach beantworten. Denn Philipp traf mit der Entscheidung, in Marburg eine Universität zu gründen, die wohl wichtigste Entscheidung in der Stadtgeschichte Marburgs. Schon historisch ist das sichtbar: Marburg war schon unter Philipp nur sekundäre Residenzstadt, wurde aber mit der Teilung der Landgrafschaft zur Provinzstadt. Relevant blieb Marburg so nur aufgrund seiner Universität, ohne die Marburg vermutlich ein ähnliches Schicksal wie die ehemalige hessische Residenzstadt Gudensberg ereilt hätte. Doch auch ohne diesen historischen Kontext sieht man heute klar, dass alles in Marburg direkt oder indirekt mit der Universität zusammenhängt, wie auch jeder durch den zu häufig gehörten Satz „Andere Städte haben eine Uni – Marburg ist eine“ weiß. Dass in einer universitätgewordene Stadt ihr Gründer und Namensgeber omnipräsent ist, verwundert wenig.

Bei der Frage nach der Großmütigkeit Philipps ist zuerst einmal zu beachten, dass „Großmütig“ im ursprünglichen Sinn nicht das heute gemeinte „gutmütig“, sondern eher „von großem Mut“ und im Zuge dessen vor allem Eigenschaften wie Tatkraft und Kühnheit, meint. Diese Art der Großmütigkeit ist Philipp kaum abzusprechen, wie etwa seine reformatorische Politik, sein Expansionsdrang oder auch die generelle Modernisierung Hessens, zu der auch die Entscheidung zur Gründung der Universität Marburg ohne ein kaiserliches oder päpstliches Privileg gehört, belegt. Ob man Philipp nun wirklich den „Großmütigen“ trotz unschöner Kapitel wie die blutige Niederschlagung des sogenannten Deutschen Bauernkriegs nennen möchte, bleibt dem Einzelnen überlassen. Ihm diesen Großmut im alten Sinne generell abzusprechen, ist jedoch, wie soeben ausgeführt, auch nicht wirklich möglich.

Und zur Frage mit dem Croissant: Es ist, anders als das neue Universitäts-Logo eventuell suggeriert, historisch nicht belegt, dass Philipp ein Croissant auf dem Kopf hatte.

(Lektoriert von jub und lurs.)


Literatur
Wunder, Heide; Vanja, Christina; Hinz, Berthold: Landgraf Philipp der Großmütige und seine Residenz Kassel. Ergebnisse des interdisziplinären Symposiums der Universität Kassel zum 500. Geburtstag des Landgrafen Philipp von Hessen, Marburg 2004.
Schneider-Ludorf, Gury: Der fürstliche Reformator. Theologische Aspekte im Wirken Philipps von Hessen von der Homberger Synode bis zum Interim, Leipzig 2006.
Hermelink, Kaehler: Die Philipps-Universität zu Marburg. Fünf Kapitel aus ihrer Geschichte, Marburg 1927.
Braasch-Schwersmann, Ursula; Schneider, Hans; Winterhager, Wilhelm Ernst: Landgraf Philipp der Großmütige 1504 – 1567. Hessen im Zentrum der Reformation (Begleitband zu einer Ausstellung des Landes Hessen), Neustadt an der Aisch 2004.

Karte
Braasch-Schwersmann, Ursula; Schneider, Hans; Winterhager, Wilhelm Ernst: Landgraf Philipp der Großmütige 1504 – 1567. Hessen im Zentrum der Reformation (Begleitband zu einer Ausstellung des Landes Hessen), Neustadt an der Aisch 2004.

Lernt im Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität von verschiedenen Philipps, schreibt beim PHILIPP Magazin manchmal über Philipps und kann schlechte Philipp-Wortwitze langsam nicht mehr hören. Seit 2025 bei PHILIPP.

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