Zwischen Krone und Kornspeicher: Das Leben der Heiligen Elisabeth
Bild: Nelli Lindner
Auf dem Weg zur Redaktionssitzung des PHILIPP Magazins sind vermutlich schon einige Studierende eilig an ihr vorbeigehastet. Zwei imposante Türme ragen weit in den meist nebelverhangenen Marburger Himmel hinauf, und aus dem Stadtbild ist sie schon lange nicht wegzudenken: die Elisabethkirche.
Schon seit über 700 Jahren thront die älteste gotische Kirche Deutschlands am Rande der Marburger Innenstadt. Doch ihre Namensgeberin ist vermutlich nicht vielen Bewohner*innen ein bekannter Begriff.
Prinzessin von Ungarn
Lang bevor sie zur Schutzpatronin der Armen und Kranken heiliggesprochen wird, kommt Elisabeth von Ungarn 1207 als Tochter des Königs Andreas II. zur Welt. Schon im Kindesalter wird die junge Prinzessin dem Sohn des Landgrafen Hermann von Thüringen versprochen und an dessen Hof entsandt, um dort aufzuwachsen – fernab ihrer Eltern und Geschwister. Nur wenige Jahre nach ihrer Entsendung fällt Elisabeths Mutter Gertrud von Sachs einer politischen Intrige zum Opfer: Während eines Jagdausflugs wird sie von anderen Adligen im Wald ermordet.
Der Mord an Elisabeths Mutter führt zu Konflikten am Thüringer Hof, Stimmen werden laut, die ihre Rückkehr nach Ungarn fordern. Doch inmitten des politischen Konflikts tut sich ein Lichtblick für die Prinzessin auf: Ludwig IV., der zweite Sohn des Landgrafen – Elisabeths späterer Ehemann.
Anders als zu damaligen Zeiten üblich, ist die Ehe zwischen Elisabeth und Ludwig von Liebe und Zuneigung geprägt. So steht Elisabeth ihrem Gatten nicht nur symbolisch zur Seite. Sie begleitet ihn auch auf seinen Reisen und findet im Gegenzug seine Unterstützung in ihrer Mission, Bedürftigen zu helfen. Ebenso verteidigt der junge Landgraf seine Ehefrau vor dem Rest des Adels, welcher das Verhalten Elisabeths als ihres Standes unwürdig empfindet. Sie verteilt Tücher und Kleidung unter den Armen, wäscht und bekleidet Verstorbene und öffnet im Winter die gräflichen Kornspeicher, um ihr Volk vor einer Hungersnot zu bewahren. Während Elisabeth am Thüringer Hof Spott und Kritik erntet, befürwortet Ludwig das Handeln seiner Gemahlin.
Auszug ins Heilige Land
Schon als Landgräfin widmet sich Elisabeth ihrer lebenslangen Mission: der Pflege von Kranken. So lässt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann am Fuße der Wartburg ein Spital errichten, in welchem sie auch selbst arbeitet. Besonderen Fokus legt sie dabei auf Kinder und Jugendliche.
Wenige Jahre nach ihrer Vermählung wird der Frieden des gräflichen Ehepaares gestört. Der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. ruft zum Kreuzzug auf. Unter seinem Banner sollen die deutschen Heere ins Heilige Land ziehen – auch Ludwig hat den Schwur geleistet. Doch der junge Landgraf soll nie in Jerusalem ankommen. 1227 stirbt Ludwig II. in Italien an hohem Fieber, noch ehe er die Seereise über das Mittelmeer antreten kann.
Elisabeth ist über den Tod ihres Ehemanns erschüttert. Ohne seinen Schutz verliert sie ihre Stellung am Hof und muss gemeinsam mit ihren drei kleinen Kindern die Wartburg verlassen. Kurzzeitig wird Elisabeth das Wohnrecht am Hof ihres Schwagers, Heinrich Raspe zuteil, doch da dieser die junge Witwe unter seine Kontrolle bringen will, flieht sie schon bald mit ihren Kindern vom Hof. Den Winter muss die Familie in ärmlichen Verhältnissen in Eisenach verbringen – niemand möchte die verstoßene Gräfin bei sich aufnehmen.
Der Inquisitor
Noch bevor Ludwig II. in Italien sterben sollte, tritt ein weiterer Mann in Elisabeths Leben, der dieses maßgeblich verändern wird: der Priester und Ketzerjäger Konrad von Marburg.
Bereits im Jahr 1226 wird er zum Beichtvater der jungen Elisabeth ernannt und kann so großen Einfluss auf das Grafenpaar ausüben. Als ihr geistlicher und seelischer Leiter hat er besondere Autorität über die junge Gräfin und ihr Verhalten. Er bestärkt die ohnehin sehr christliche Elisabeth noch mehr in ihrer Frömmigkeit und drängt sie, ihr Leben dem Glauben zu verschreiben. Auch schafft Konrad es, Ludwig letztendlich zu überreden am kaiserlichen Kreuzzug teilzunehmen. Bevor Ludwig auszieht, leistet Elisabeth einen Schwur: Während der Abwesenheit ihres Ehemannes wird sie Konrads Anweisungen Folge leisten und sich ihm fraglos unterordnen.
Nach Ludwigs Tod erlangt Konrad die alleinige Verfügung über die junge Witwe und all ihren Besitz. Elisabeth unterwirft sich dem Priester und gibt unter seiner Anordnung sogar ihre Kinder aus ihrer Obhut. Im Jahr 1228 schließt sie sich der Armutsbewegung an, welche in adligen Kreisen damals auf dem Vormarsch war. Elisabeth entsagt allem weltlichen Reichtum, verteilt den Großteil ihres Erbes unter den Armen und folgt ihrem Beichtvater nach Marburg.
Auf nach Marburg
Elisabeths Freundinnen und ehemalige Hofdamen dürfen nicht mit ihr nach Marburg reisen – Konrad möchte sie von all ihren Vertrauten absondern. In Marburg angekommen gründen die beiden mit dem restlichen Erbe das Franziskushospital (später bekannt als St. Elisabeth-Hospital), in welchem Elisabeth als einfache Krankenschwester arbeitet. Sie pflegt besonders Leprakranke, widmet sich ebenfalls Schwangeren, Frauen und Kindern.
Außerhalb des Hospitals lebt Elisabeth unter Konrads harter Hand: Er legt ihr strengste religiöse Verhaltensregeln auf, lässt sie beschatten und bei Regelbruch körperlich bestrafen. Auch leben beide selbstbestimmt in ärmsten Verhältnissen.
Während Elisabeth in Marburg ihrer christlichen Bestimmung als Krankenpflegerin nachgeht, entbrennt parallel ein Konflikt um sie. Ihre Verwandten holen sie an den Hof ihres Onkels Eckert in Bamberg, um sie dort neu zu verheiraten und ihren Stand als Adelige wiederherstellen. Elisabeth weigert sich jedoch zu einem Leben am Hofe zurückzukehren. Sie flieht aus Bamberg und reist zurück nach Marburg, um dort in selbstverschriebener Armut weiterzuleben.
Wunder über den Tod hinaus
Im Jahr 1231 stirbt Elisabeth von Thüringen im Alter von nur 24 Jahren, vermutlich an den Folgen ihrer selbsterklärten Armut und wird in Marburg beerdigt. Als letzten Willen verfügt sie, die Reste ihres Vermögens unter den Armen und Bedürftigen zu verteilen.
Ihre Heiligsprechung wird durch Konrad von Marburg beantragt. Hierfür werden Zeugen befragt und über 105 Wunder verzeichnet, welche Elisabeth Zeit ihres Lebens und auch nach ihrem Tod vollbracht haben soll. Darunter mehr als 50 Fälle von Wunderheilungen an Kindern, welche besonders nach ihrem Tod, durch Gebete am Grab, vollbracht sein sollen. So soll im Jahr 1234 etwa ein achtjähriges Mädchen durch eine Wallfahrt nach Marburg von ihrer Lähmung befreit worden sein.
Das berühmteste Wunder der heiligen Elisabeth ist wohl gleichzeitig das diffuseste: Das Rosenwunder. Verschiedenen Legenden zufolge soll sich dieses entweder auf der Wartburg oder am Hof ihres Onkels in Bamberg zugetragen haben. Die junge Elisabeth sei mit einem Korb voll Brot auf dem Weg gewesen, dieses unter den Armen zu verteilen, als sie in der Stadt – je nach Erzählung – ihrem Gemahl, Onkel oder ihrer Schwiegermutter begegnet. In jedem Fall heißt Elisabeths Gegenüber ihre Liebe zu den Armen nicht gut und fordert sie auf, den Inhalt des Korbes zu präsentieren. Als die junge Gräfin dies tut, befinden sich darin statt Broten auf einmal nur lauter Rosen.
Vier Jahre nach ihrem Tod wird Elisabeth von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Im gleichen Jahr beginnt der Bau der Elisabeth-Kirche, welche 1283 fertiggestellt wird. Die Kirche wird auf dem Grabmal der heiligen Elisabeth errichtet, gegenüber der Kapelle des ehemaligen Hospitals.
